Reformation des Herzens

Die Deutschen mögen keine Reformen, schrecken zurück, wenn sie angekündigt werden und fahren lieber weiter im vertrauten Fahrwasser. So eine landläufige Meinung. Grund dafür ist die Befürchtung, dass wenn einer Reform sagt, er Einschränkungen und finanzielle Belastungen meint. Die Folge: Notwendiges unterbleibt.

So aber soll es mit unserem Glauben nicht sein, wenn Reformation angesagt ist. Diese Reform hieß und heißt bis heute:
• Besinnung auf das Wesentliche
• Hinwendung zu Gott
• Christus als Weg und Wahrheit und Leben erkennen.

Mit einem Ruck hatte Luther die Kruste der Zeiten weggerissen und den unverstellten Blick auf den funkelnden Diamanten des Evangeliums ermöglicht.
Und das hieß: Die Antwort auf die Frage, „wie selig werden?“, oder mit Luther gesprochen: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ lautete:
Allein durch den Glauben werden wir selig,
allein aus Gnade,
allein mit Jesus Christus und
allein die Heilige Schrift verbürgt das.

Damals waren die Menschen froh und fühlten sich von Lasten, sich die Seligkeit durch eigene Leistung erwerben zu wollen, befreit. Nicht der Kauf eines Ablasszettels, nicht die Aneinanderreihung guter Taten, nicht die Angst vor der Hölle bewirken die Seligkeit. Vielmehr schürt das noch die Angst, es könnte nicht genug sein.
Eine Szene in dem bekannten Luther-Film beschreibt das.
Man sieht Luther im nächtlichen Gebetskampf, verzweifelt ringend um die Zuneigung Gottes, immer wieder zurückgeworfen auf das Gefühl, nicht zu genügen. Er ringt mit seinen finsteren Gedanken wie mit Dämonen. Sein Beichtvater Johann von Staupitz wird unfreiwillig Zeuge seiner Qual. Er tritt in die Zelle, reisst sich sein Kruzifix von der Halskette, drückt es Luther in die Hand und sagt. „Martin, Du brauchst nur eines: Sage einfach: DEIN bin ich Christus, rette mich!“

Luther stellt dem Gedanken, das Heil verdienen zu müssen, die ihm schließlich geschenkte Offenbarung entgegen: Nicht was Du tust hilft zur Seligkeit. Nein: Glaube an den HERRN Christus und Du bist selig. Gott in SEINER Gnade schenkt Dir SEINE Liebe.
Die geschichtsmächtige Bewegung der Reformation begann.

Was aber bleibt von dieser Reformation?
Die Themen von damals sind verblasst, kirchliche Insiderthemen, so scheint es. Daran ändert auch der 10jährige Jahrestag der Augsburger Konsenserklärung zur Rechtfertigung zwischen Protestanten und Katholiken nichts. Sie hat die Grabenkriege zwischen den Konfessionen
beendet, die im 16. Jahrhundert die Kirche entzweit hat.

Die Frage nach der Seligkeit treibt heute Menschen nicht mehr um, vielmehr geht es um das gelingende Leben, um Glück. Nichts dagegen. Aber die entscheidende Frage bleibt dann offen. Menschen wenden sich von der Kirche ab, weil sie die Beantwortung ihrer Fragen nicht mehr von ihr erwarten und den Zusammenhang zwischen ihrem irdischen Glück und dem geschenkten Heil nicht mehr spüren.

Wir brauchen heute eine neue Reformation der Herzen. Und die fängt naturgemäß bei jedem Einzelnen an.
Eigentlich ist das nichts anderes als Buße.
Täglich, wie Luther meinte:
Hinwendung meines Lebens zu Gott
Von IHM alles erwarten.
Den Weg mit Jesus gehen, SEINER Wahrheit vertrauen.

Dazu gehören die Essentials evangelischen Glaubens. Die neue Ratsvorsitzende der EKD, Margot Käsmann, hat es ausgesprochen: In der Bibel lesen und das persönliche Gebet pflegen. Schlimm genug, das sagen zu müssen im Land der Reformation. Das ändert aber nichts daran, dass es richtig ist, wo doch heute Kinder biblische Geschichten nicht mehr kennen.
Richtig, in einem Land, dem die Bibel verloren zu gehen droht. Indiz dafür ist für mich, dass neulich bei der Markteinführung der technischen Errungenschaft von E-books, der Trendsetter mit dem Slogan warb: „Buch der Bücher“ Es hat kaum jemanden aufgeregt. Ich dachte immer, „Buch der Bücher“ sei die Bezeichnung für die Heilige Schrift.

Bibel lesen ist also die Empfehlung der Stunde. Die Bibel bringt uns nämlich die Stimme Jesu ganz nahe.

Der O-Ton Jesu in den Seligpreisungen der Bergpredigt führt uns zur Reformation des Herzens.
Empfangen und Senden als Grund und Haltung des Glaubens werden in den Seligpreisungen beschrieben, diesen Kernworten des Glaubens.

Immer wieder hat man in der Auslegungsgeschichte der Bergpredigt gemeint, das sei eher eine Zukunftsvision auf das künftige Reich Gottes, als eine Handlungsanweisung für Christen heute. Und natürlich sollen die Worte kein Leistungsprogramm für einen permanenten MarathonChristen zum Erwerb der Gottesgunst sein. Der würde scheitern an seiner eigenen Anstrengung. Und doch ist die Bergpredigt die verbindende Klammer des himmlischen und des irdischen Reiches Gottes.

Als meine Mutter im Sterben lag, sagte sie plötzlich laut und vernehmlich: „Sterben ist gar nicht schwer, ich bin jetzt schon selig“.
Das ist das Geheimnis Gottes und des Reiches Gottes hier und jetzt und dort und dann, die gemeinsame Überschrift: Selig – zu Gott gehörig.

Das empfangen wir als Geschenk Gottes. Diese „Seligsprechung“ passiert sozusagen von vorneherein. Schon bei unserer Taufe hieß es: „ICH habe Dich erlöst, ICH habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist MEIN“ (Jes. 43,1).
Ungewöhnlich, wir sind es von unserer katholischen Schwesterkirche gewohnt, dass besondere Menschen, nach Lebensleistungen eines heiligmäßigen Lebens, selig- oder gar heiliggesprochen werden. Aber eben im Nachhinein.

Jesus legt diese Grundgedanken des Reiches Gottes in unser Herz, wenn wir auf Empfang schalten.
Irgendwie muss es ja in uns hinein, in unser Herz, in unser Denken, in unsere Seele: Du gehörst zu Gott, in Jesu Namen.
Da sind wir nur Empfangende, Menschen, die wissen, vor Gott sind unsere Hände leer, geistlich arm eben. Luther brachte es auf den Punkt mit seinem letzten Vermächtnis: „Wir sind Bettler, das ist wahr“ Aber trotzdem dürfen wir wissen: „dem, der Gott nichts bieten kann, bietet Gott die Freundschaft an“. So heißt es in der deutschen Version eines Gospelsongs.

Weil das so ist und wenn das für uns so ist, sind wir die Leuchtfeuer des kommenden Reiches Gottes, hier und jetzt.
Kleine Lichter vielleicht nur, aber dennoch. Christen können mit ihrem Glauben auf Sendung gehen.
Wir haben die himmlische Vision, ja Triebkraft im Herzen,
jetzt schon aufscheinen zu lassen, ja, Reich Gottes irdisch erlebbar zu machen, wohin Jesus mit SEINEN Worten führen will, hier zum erfüllten Leben, dort zum ewigen Leben.
Jeder, auch der Nichtglaubende kann spüren, dass die Ideen der Bergpredigt helfen und den Menschen gut tun. Eigentlich muss man sich wundern, dass nicht mehr daraus gemacht wird in Richtung Barmherzigkeit, Sanftmut, Frieden, Gerechtigkeit, Nachgeben, nicht immer zurückschlagen, teilen.

Sehen wir einmal die Zusagen Jesu in den Seligpreisungen als Beschreibung und Interpretation des „Selig seid Ihr“: Kinder Gottes, Gott schauen, satt werden, getröstet, das Erdreich besitzen, Barmherzigkeit erlangen,
im Himmelreich sein. Das alles hieße dann selig sein.

Die Worte lassen es spüren, schon jetzt,

ja, wir sind Kinder Gottes,
ja, Jesus hat uns Gott als den liebenden Vater schauen lassen,
ja, das Evangelium hebt das Oben und Unten vor Gott auf,
ja, wir sind getröstet,
ja, wir leben von der Barmherzigkeit,
ja, zwar besitzen wir das Erdreich nicht, aber wir spüren immer Zeichen der Macht der Liebe

gleichzeitig spüren wir aber,

da ist zwar eine Kraft in uns, aber zugleich ist es erst ein Anfang.
Tausend Beispiele unseres täglichen Erlebens zeigen uns, wie weit himmlisches und irdisches Gottesreich auseinander klaffen,
natürlich in uns und bei anderen auch,
im eigenen Privatleben
im Leben der Kirche, einer Gemeinde
in der Politik, in der Gesellschaft
und global.
Manche Probleme scheinen erst modern dazugekommen zu sein. Und schließlich: Scheitern gehört eben auch dazu, scheitern an den hohen Idealen. Aber trotzdem sind wir weiter als Kind Gottes geliebt.

Wir haben etwas empfangen und dürfen unverdrossen die Spuren des Reiches Gottes in unseren Alltag zeichnen, Spuren vielleicht nur, manchmal ein Leuchtfeuer, an dem andere sich orientieren. Meist aber haben wir mit uns selbst genug zu tun, die Spuren Gottes im eigenen Leben zu sehen, überwältigt von SEINER Barmherzigkeit und Geduld mit uns. Und dann damit, davon etwas auszuleben.

„Fange bei mir an“ kann denn auch die wichtigste Bitte sein, wenn wir die Seligpreisungen lesen.

„Fange bei mir an“.

HERR, fülle meine leeren Hände, meinen Sinn, meinen Glauben mit DEINER „Seligsprechung“, jeden Tag neu, dass ich DEINE Kraft spüre, DEINEN Impuls,
Lass mich barmherzig sein,
gib’ Kraft im Leiden, hilf Leid lindern,
mach mich zu einem sanftmütigen Menschen,
halte die Sehnsucht nach Gerechtigkeit wach,
schenk mir ein reines Herz,
mache mich zu einem friedfertigen Menschen,
gib mir Mut, von meinem Glauben zu reden.

Liebe Gemeinde, soviel steckt in uns und
möchte mit Gottes Hilfe Kraft entfalten.

Wagen wir die Reformation des Herzens heute neu.

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