Raumlehre (Ps 31,9b)

Ps 31,9b
[9b] Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

[Anmerkung: Ich habe mir Anhänger mit Füßen auf weitem Raum vom Rauhen Haus dazu bestellt, die ich an die Konfirmandinnen und Konfirmanden bei der Einsegnet verteilt habe.]

Liebe Gemeinde doch vor allem liebe Konfirmandinnen in und Konfirmanden.

Da sitzt Ihr nun und seid gespannt, was heute noch alles auf euch zukommen mag. Zunächst einmal dieser Gottesdienst, in dem Ihr eingesegnet werdet und dann natürlich nachher die Feier Eurer Konfirmation, an der Eure Eltern und Erzieherinnen, Paten, Großeltern, Geschwister und überhaupt Menschen, denen Ihr wichtig seid, teilnehmen werden. Konfirmation, das ist ja immer noch so ein Meilenstein auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen. Hinter euch liegen die Jahre der Kindheit und vor Euch liegen hoffentlich noch ganz viele Jahre als Erwachsene, als Erwachsener. Und im Moment, im Moment, da seid ihr zwischen diesen beiden Epochen Eures Lebens. Noch nicht Erwachsen, aber auch schon nicht mehr richtig Kind. Nicht mehr in jeder Situation auf die Eltern oder andere helfende Erwachsene angewiesen, aber doch noch nicht eigenverantwortlich für alles, was Ihr tut und lasst. Ja, der Tag der Konfirmation ist so ein Tag im Leben, an dem man zurückschaut und auch nach vorne sieht.

Wenn heute die Menschen, die mit Euch gemeinsam feiern, mit Euch gemeinsam in Eure Zukunft schauen, dann wird das Thema Schule nicht zu umgehen sein. Nun, dieses besondere Thema, Schule, ist bei jeder und jedem anders gefüllt. Da gibt es Lieblingsfächer, in denen ist man meist gut und es gibt Fächer, die gehören zu den ungeliebten Fächern, in denen ist man auch meist eher schlecht als gut. Mein ungeliebtes Fach während der Schulzeit war Englisch. In Deutsch war ich wirklich gut, aber wahrscheinlich habe ich mich da sprachlich gesehen so verausgabt, da ging in Englisch nichts mehr. Und dann hatte ich natürlich auch ein Lieblingsfach während der Schulzeit. Mein Lieblingsfach in der Schule war – nein, nicht Religion. Mein Lieblingsfach war Mathematik. Und in der Mathematik mochte ich besonders gerne die Geometrie. Nur damals hieß es nicht Mathematik sondern Rechnen und nicht die Geometrie sondern Raumlehre.

Raumlehre, dieses Wort macht schon deutlich worum es geht. Es geht um Räume. Doch vor allem ging es in der Raumlehre zunächst einmal um die Grenzen der Räume. Denn nur dadurch war ein Raum überhaupt erfassbar, durch seine Grenzen. Deshalb beschäftigt man sich in der Raumlehre vor allem mit den Grenzen der Räume. Der Raum, den ich erkunden möchte, ist immer ein Raum zwischen Grenzen. Wenn ich einen Raum erfassen will, dann muss ich seine Ausmaße erfassen. Das ist immer die Frage nach seiner Ausdehnung und wenn es sich nicht um einen Raum mit runder Grundfläche handelt, dann ist diese Ausdehnung gegeben durch Länge und Breite.

Doch egal, wie der Raum auch beschaffen sein mag seine Fläche, wird immer bestimmt durch seine Grenzen. Nur wenn ich den Abstand zwischen den Grenzen eines Raumes kenne, kann ich mir eine Vorstellung von diesem Raum machen. Anders ist das auch nicht mit unserem Lebensraum. Auch unser Leben ist immer nur erfahrbar zwischen Grenzen. Das ist schon immer so gewesen, seit die Menschen leben und über ihr Leben nachdenken, berichten sie von ihren Grenzerfahrungen. Da in der Bibel Lebensgeschichten, also Geschichten für das Leben erzählt werden, geht es in diesen Geschichten auch um Grenzen. Schon in der ersten Geschichte der Bibel sind die Grenzen wichtig, denn Gott weist jedem Teil der Schöpfung den eigenen Bereich zu. Überschreitet einer seine Grenzen dann kommt die ganze Schöpfung durcheinander und ist gefährdet.

Ist das wirklich schon vor 3000 Jahre aufgeschrieben worden oder haben wir das gestern in den Nachrichten erst gehört: "die Überschreitung der Grenzen der Ressourcen gefährdet unsere Welt!" Oder dann die Geschichte von der Sprengung der Grenzen, als Gott das jüdische Volk durch Moses aus der Gefangenschaft heraus führt. Und all die vielen Geschichten in denen Jesus die von Menschen geschaffenen Grenzen zwischen den Menschen überwindet, indem er z.B. den Zöllner Zachäus aus seiner selbst gewählten Isolation befreit. Es geht in der Bibel um den rechten Umgang mit den Grenzen. Es gibt die Grenzen, die mich einengen, diese gilt es zu überwinden. Es gibt aber auch die anderen Grenzen, die mehr Sicherheit geben, die Begrenzungen, die es mir erst ermöglichen meinen Lebensraum zu erkunden.

Solche Grenzen solltet Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, in der Zeit Eures bisherigen Heranreifens kennen lernen. Deshalb ging es auch im Konfirmandenunterricht um solch wichtige Begrenzungen, um Orientierungspunkte, die es Euch ermöglichen sollen, Euren Lebensraum sinnvoll zu erkunden. Die wohl berühmtesten dieser Orientierungspunkte, sind die 10 Gebote. Sie helfen uns, das Leben in der Gemeinschaft miteinander so zu gestalten, dass jeder und natürlich auch jede die Möglichkeit hat, das eigene Leben innerhalb dieser Gemeinschaft zu erleben.

Auch hier gilt, diese Gebote wollen uns nicht einengen, sondern sie wollen uns die Möglichkeit verschaffen, den Lebensraum, unseren jeweils eigenen Lebensraum zu erkunden. Wenn Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, heute an Euer bisheriges Leben zurückdenkt, dann könnt ihr feststellen, dass es da schon viele Grenzen gegeben hat. Das sind Orientierungspunkte in Eurem Leben gewesen, die Ihr inzwischen zum Teil überschritten habt, die Ihr hinter Euch gelassen habt. Und es sind auch Grenzen gewesen, die immer noch bestehen und auch in Zukunft für Euer Leben bestehen bleiben werden.

Als ganz kleine Babys zum Beispiel konntet Ihr noch gar nicht laufen, da wart ihr in euren Bewegungsmöglichkeiten sehr begrenzt. Später dann war es wichtig, dass Ihr innerhalb der Grenzen des Kindergartens euren Lebensraum erkunden konntet. Dann erlebt Ihr die Grenze in der Schule. Auch das waren und sind ja nicht Grenzen um Euch einzuengen sondern um euch die Erfahrung neuer Lebensräume, die Erkundung Eures Lebensraumes zu ermöglichen. Darum geht es im Glauben, um die Möglichkeiten den eigenen Lebensraum abzuschreiten, um ihn so kennen zu lernen.

So hat das auch der Mensch erfahren, der den 31. Psalm zum ersten Mal gebetet hat. Er konnte sagen: „Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum!“ Du stellst meine Füße auf weiteren Raum, das ist eine ganz andere Aussage als: „du stellst mich auf endlosen Raum.“ Der weite Raum, ist gekennzeichnet dadurch, dass seine Grenzen weit auseinander liegen.
Die weit auseinander liegenden Grenzen kennzeichnen den weiten Raum! Nicht das Fehlen von Grenzen. Das wäre doch auch eine glatte Überforderung! Ein grenzenloser Raum. Wie beängstigend wirkte solch ein Raum ohne Grenzen. Wo sollte ich anfangen diesen Raum zu erkunden, woran könnte ich mich orientieren, wenn es keine Grenzen gäbe.

Nein, bei allem Freiheitsdrang, Grenzen sind wichtig, sie sind lebenswichtig. Sie ermöglichen mir erst die Orientierung. Wie das so ohne Orientierung ist, haben einige von Euch ja gemeinsam mit mir erfahren. Als wir während der Konfirmandenfreizeit morgens gelaufen sind. Da war es so nebelig, dass wir die Orientierung verloren hatten. Gut, dass wir das Schild fanden, das uns auf die Grenze des Ortes hinwies, so hatten wir dann wieder eine Orientierungsmöglichkeit. Solch eine hilfreiche Grenze will Gott uns geben. Eine Orientierungsmöglichkeit, die uns hilft, damit wir unseren Lebensraum gründlich erkunden können. So hat der Beter des 31. Psalms seinen Glauben verstanden,
als Lebenshilfe.

Ich wünsche Euch, dass auch Ihr den Glauben so verstehen könnt, als Lebenshilfe! Denn Gott will doch keine Einheitschristinnen und Einheitschristen. Gott will uns durch die Gebote nicht in eine bestimmte Form pressen, sondern er will uns mit seinen Geboten, mit seiner Nähe, die er uns schenkt, helfen, damit wir unser Leben entfalten können. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ich wünsche Euch, dass Ihr den weiten Raum nicht als Bedrohung erfahrt, sondern als Freiheit, als Angebot zur Gestaltung durch euch. Ihr werdet Menschen haben, die Euch bei der Erkundung Eures Lebensraumes begleiten und helfend zur Seite stehen. Euch allen aber wünsche ich, dass Ihr nicht vergesst, Gott ist da um euch zu begleiten.

Er will euch wahrnehmen mit all euren Sorgen und Problemen, er will euch an die Hand nehmen, nicht um euch zu gängeln, sondern um euch zu stützen und wenn es sein muss auch mal zu beschützen. Er will mit euch gehen, damit ihr euer Leben bewusst entfalten könnt.
Für jede und jeden von euch gilt: Gott stellt meine Füße auf weiten Raum. Damit Ihr das nicht vergesst, bekommt Ihr von mir diesen kleinen Anhänger. Fußabdrücke am Rande eines Raumes, sie wollen diesen Raum gerade betreten. Wir sehen nur die Abdrücke der Füße, doch es ist klar, da hat ein Mensch gestanden, der einen ihm neuen Raum betreten hat.

Den Menschen können wir nicht sehen und wir sehen auch Gott nicht, der diesen Menschen in den weiten Raum gestellt hat und ihn mit schützender Hand hält und begleitet. Doch genau so, wie die Spuren ja nicht ohne einen Menschen in den Raum gekommen sind, ist auch der Mensch nicht ohne Gott gewesen. Gott will Euch nicht in eine bestimmte Richtung ziehen, er will euren Weg mit euch gehen. Und wir, die wir euch während einiger Zeit auf eurem Lebensweg begleitet haben und auch die, die euch in Zukunft noch begleiten werden, wir wollen euch nicht in bestimmte Formen pressen. Wir möchten in Euch nur die Sicherheit und das Vertrauen wecken, das es euch erlaubt, euren eigenen Lebensweg vertrauensvoll zu gehen. Denn einengen wollen wir Euch nicht, wir möchten Euch vor einer grenzenlosen und damit unendlichen Überforderung bewahren und Euch Grenzen und Orientierung mit auf Euren Lebensweg geben, mit Gottes Hilfe.

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