Philanthrop und Gutmensch (zu Titus 3, 4-7)

Jahr für Jahr hatte er Angst vor Weihnachten und freute sich zugleich wie ein kleines Kind darauf.

Spätestens nach dem vierten Advent, wenn es sich nicht länger leugnen ließ, dass Weihnachten vor der Tür steht, überkam ihn diese freudige und zugleich besorgte Unruhe.

Er wurde wieder das kleine Kind, dass es in seinem Zimmer kaum erwarten konnte, dass die Dunkelheit hereinbricht und die Stunde der Bescherung nahe herbeikommt. Das Gedicht oder das Flötenstück wurde noch einmal aufgesagt oder gespielt, die Nase wurde am Fenster plattgedrückt, ob nicht doch vom Himmel Schneeflocken fallen. Zumindest in der Erinnerung gab es immer weiße Weihnachten( jedenfalls früher…!) Und irgendwann war es so weit: die Kinder wurden in die Stube gerufen, die Gedichte aufgesagt und es gab die Bescherung! Das war immer ein wunderbarer Augenblick, auch wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen konnten. Auf den Kinderfotos meint man heute noch das Leuchten der Augen und den besonderen Weihnachtsglanz, ein Strahlen in den Gesichtern entdecken zu können: als erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes persönlich in der Weihnachtsstube.

In der Erinnerung waren diese Weihnachtsstunden, wo alle beisammen waren, die Welt in eine eigentümliche Stimmung getaucht, und die Herzen von einer eigentümlichen Stille und Freude berührt sparen, eine ganze besondere Zeit. Danach sehnte er sich: nach den unbeschwerten Stunden der Kindheit.

Aber nun war die Furcht ebenso groß, ob der Frieden und die Aufmerksamkeit, die gegenseitige Achtsamkeit wenigstens diesen Abend halten würde….Er fürchtete den gespannten Frieden in der Familie, der eigentlich mehr Waffenstillstand angesichts des Weihnachtsfestes als wirklich Frieden war: nur nicht über Vater reden, der schon seit Jahren nicht mehr mitfeierte, sondern bei s einer neuen Lebensgefährtin war und nicht an die kleine Schwester erinnern, mit der nicht mehr geredet wird, seitdem sie ihren türkischen Freund geheiratet hat.

Mit Mutters neuem Lebensgefährten durfte man nicht über Politik reden, nur was bleibt denn dann noch?

Bei den Wahlergebnisse des Jahres, dem Krieg in Syrien und der ungelösten weltweiten Flüchtlingsfrage, den Schiffbrüchigen im Mittelmeer, dem Rettungsboot der EKD und gerade dabei der Umgang mit Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Deutschland, dem allgemeinen Zustand des Landes und der Welt,  dem Klimawandel…., mehr muss ich doch eigentlich nicht sagen, da geht’s leicht mit allen Diskutierenden durch, die Stimmung kocht und es geht ins  Persönliche und das unter dem Weihnachtsbaum.

Vielleicht wird auch wieder über die Predigt Heilig Abend in der Kirche diskutiert. Erinnern sie sich an die Diskussion vor zwei Jahren? „Nicht schon wieder alle Politikfelder in der Predigt abarbeiten!“ heißt es dann. Nur wie soll das gehen mit einem Kind, das als Jude zur Welt kam, von sozial ausgegrenzten wie den Hirten begrüßt, von den Mächtigen verfolgt, von ausländischen Heiden verehrt wurde, auf der Flucht war und später mit Sündern, Zöllner und Prostituierten verkehrte, um sich so mit allen vermeintlich Anständigen und vermeintlich Normalen anlegte, ehe er Opfer einer ungerechten Willkürjustiz wurde. Politischer als die Lebensgeschichte Jesu geht es überhaupt nicht… 

Aber wenn er das sagen würde …unter dem Weihnachtsbaum.

Jahr für Jahr hatte er ein bisschen Angst vor Weihnachten und freute sich zugleich wie ein kleines Kind darauf.

Er ist damit wahrscheinlich nicht allein. Die Freundlichkeit und die Menschenliebe als dem Kern der Weihnachtsbotschaft, von der an Titus geschrieben wird, bleibt so manches mal auf der Strecke, wird ins Gegenteil verkehrt zum Schimpfwort. Wir können es vornehm ausdrücken und sagen: Oh, ein Philanthrop. Das klingt gerade noch positiv. Es gibt eine Liste der größten Philanthropen, die ihr privates erarbeitetes oder ererbtes Vermögen zur Unterstützung Hilfsbedürftiger einsetzen (oft allerdings nach eigenen Kriterien; sie bestimmen, wer hilfsbedürftig in ihren Augen sind). Die Liste liest sich wie ein „Who ist Who“ der reichen Unternehmer und Industriellen. Man weiß nie genau, ob sie dies wirklich aus Menschenliebe oder doch aus Eitelkeit tun, was ja eigentlich egal sein kann, wenn die Hilfe ankommt.

Aber heute ist man eher nicht so vornehm und schimpft lieber: Aha, ein Gutmensch! Schon 2017 schrieb die Zeit darüber:

Der Gutmensch ist nun Kampfbegriff. Aus „Lacht ihn aus!“ wird „Mach ihn fertig!“. Linke und Rechte spielen mit. Rechts heißt es: „Der Gutmensch ist ein Moralapostel, der sich die bessere Gesinnung bescheinigt, um über Sprache, Denken und Verhalten zu herrschen.“ Ganz rechts heißt es: „Der schwingt die Moralkeule.“ Linke nennen ihren Feind nicht „Schlechtmensch“, meinen es aber, wenn sie sagen: „Du bist rassistisch, homophob und frauenfeindlich.“ Man will den Gegner mundtot machen. Fazit: Beide Seiten streiten ad hominem. Auf Deutsch: Warum sachlich, wenn’s auch persönlich geht?“ (DIE ZEIT Nr. 21/2017)

Dabei ist natürlich moralische Empörung fast immer wie eine Keule und Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit ist das genaue Gegenteil von Freundlichkeit und Menschenliebe und ist mit der Weihnachtsbotschaft unvereinbar, ohne wenn und aber. So wie es in der Weihnachtsbotschaft auf jedes Wort ankommt, ja das Kind in der Krippe selbst Gottes Wort von und der Ausweis der Freundlichkeit und Menschenliebe ist, so wünsche ich mir ebenso einen sehr sorgfältigen Umgang mit unseren Worten, weil sie so scharf und verletzend, störend und kränkend sein können, aber auch heilsam und tröstend, freundlich und zugewandt, wie das Weihnachtswort

Es kommt auf das richtige Wort zur richtigen Zeit an, nicht nur aber gerade auch Weihnachten.

Die ängstliche Seele möchte berührt werden. Das Kind in uns, das wir bewahren dürfen, weil es an das Gute glaubt und Dinge freudig und ungeduldig erwarten kann, will und darf gestreichelt werden. Gott meint es gut mit dir! Sieh doch hin und hör doch hin! Das ist schon der ganze Weihnachtsfrieden.

Trotz der Alltagserfahrungen, trotz der Ellbogen und Konkurrenz, trotz der Niederlagen im Leben, privat und beruflich, trotz der  Rückschläge, wenn Ziele sich zerschlagen, bleibt der Grundtenor und die Grundwahrheit meines Lebens: Gott meint es gut mit dir.  Sieh und hör doch hin. Und wenn du es nicht glauben kannst, dann sag es dir immer wieder, wiederhole es für dich wie ein Mantra, damit es in deiner Seele Wurzeln schlagen und von keinem und niemandem ausgerissen werden kann: Gott meint es gut mir.

Und im Familienstreit, der Weihnachten droht, in den weltweiten Konflikten, im Umgang mit Minderheiten im eigene Land und mit Fremden, die Hilfe suchen ebenso wie in den politischen Auseinandersetzungen, bei den wirtschaftlichen Verteilkämpfen und Handelsstreitigkeiten, die die Wirtschaft verunsichern und Zukunftsängste auslösen, können Freundlichkeit und Menschenliebe ein bestechendes Argument und eine entwaffnende Haltung, mit anderen Worten ein guter Maßstab sein, Konflikte und Meinungsunterschiede auszuhalten und zu lösen. Gott meint es ja nicht nur mit einigen wenigen gut, sondern mit seiner Welt, er will da keine Unterscheide machen. Seligkeit ist auch kein Privileg nur weniger Erwählter, sondern ein erstrebenswerter Zustand für jedermann und jedefrau: ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren soll.

Gewissermaßen: nach meiner Kenntnis sofort – und für alle…!

Also mischen wir uns mit dieser Überzeugung, diesem Glauben und dieser Hoffnung fröhlich ein, wo wir nur können.

Und wir müssen gar nicht auf ein Wunder oder andere umwälzende Ereignisse warten. Die Freundlichkeit ist erschienen. Wenn ich jetzt theologisch reden will mit den Traditionen der großen Kirchen, dann heißt in der Sprache der Schrift und der Kirche: Gott ist Mensch geworden. Das ist das entscheidende und wichtige. Damit hat er alles getan um die Verhältnisse umzukrempeln.

Freundlichkeit und Menschenliebe ist keine Theorie, sondern konkretes Menschenleben geworden. Es ist bereits geschehen, es ist längst vollbracht. Sicher ein Geheimnis, dass der allmächtige Gott den Platz eines neugeborenen Kindes eingenommen hat. Aber auch Grund zu aller Freude und der Anfang von allem Frieden. Denn damit macht er uns selig: einer wie jeder und jede von uns und damit „Gott mit uns“. Das möge Gottes guter Geist uns immer vor Augen halten, damit alle, da wo sie Verantwortung tragen und jeder für sein Leben das rechte Maß finde. Gottes Geist möge es mir fest ins Herz schreiben und mich fest macht, damit diese Gewissheit und die Freundlichkeit und Menschenliebe mein Denken, Handeln und Fühlen bestimmt. Ich möchte gerne Philanthrop und Gutmensch werden und sein! Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe ist erschienen.  Keine Angst, und Frohe Weihnachten! Amen

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