Pflaster für innere Verletzungen

Beim Hereinkommen hat jeder ein Pflaster bekommen. Ihr werdet euch sicherlich eure Gedanken gemacht haben, wozu das gut sein soll.

Ich habe mir das mit dem Pflaster ausgedacht, weil ich heute über Heilung sprechen will.

Und zwar nicht über Heilung von äußerlichen Verletzungen, sondern von inneren Verletzungen, von Wunden, die die Seele hat, Wunden, auf die wir nicht so einfach ein Pflaster kleben können.

Es wäre schön, wenn das so einfach ginge.

Aber leider ist die innere Heilung von seelischen Verletzungen viel, viel schwieriger als von Schnittwunden.

 

Vielleicht denkt jetzt mancher:

Von was redet der denn eigentlich?

Damit habe ich doch – Gott sei dank! – nichts zu tun!

 

Wenn ich so etwas höre, dann bin ich ganz skeptisch.

Ich bin davon überzeugt:

Es ist hier niemand unter uns, der nicht verletzt worden ist, denn wir leben in einer unvollkommenen Welt voller unvollkommener Menschen, die eines ganz besonders gut können:

Einander verletzen. Einander wehtun. Einander enttäuschen.

Darin sind wir alle ganz große Klasse.

 

Vielleicht wird das fassbarer, wenn ich ein paar Beispiele nenne:

 

  • Da ist jemand als Kind nicht geliebt worden. Oder vielleicht liebten die Eltern doch, aber konnten es nicht zeigen. Diese Erfahrung, nicht wirklich gewünscht zu sein, nichts zu taugen, nicht geliebt zu sein, ist die schlimmste und fundamentalste Wunde, die ein Mensch mit ins Leben nehmen kann. Sie zerkratzt das Selbstwertgefühl wie kaum etwas anderes. Sie frißt ein Loch in meine Seele, durch das alles, was ich später an Wertschätzung und Zuneigung bekomme, glatt wieder hinausrinnt. Solange diese Wunde nicht geheilt ist, saugt sie ständig von neuem die Liebe fort und hinterläßt ein nagendes Loch.
  • Ein anderes Beispiel: Eine junge Frau ist mißbraucht worden. Ihr Vertrauen zu Männern ist zerstört, sie kann sich nicht unbefangen auf Männer einlassen, so sehr sie sich eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Mann wünscht. Groll nagt an ihr, Vorwürfe: Mein Gott, warum hast du das zugelassen?
  • Oder ich denke an ein Ehepaar, dessen brennender Wunsch nach Kindern nicht in Erfüllung ging, das schmerzlich Abschied nehmen mußte davon, wie es sich sein Leben ausgemalt hatte, und das bis heute nicht darüber zur Ruhe gekommen ist.
  • Ich kenne eine Frau, die bekam ein behindertes Kind, das mit zwei Jahren starb. Das ist jetzt bald 40 Jahre her, und noch immer quält die Frage, der Selbstvorwurf: Was habe ich nur falsch gemacht? Ich habe versagt!
  • Noch ein Beispiel: Da fängt jemand eine neue Arbeit an, hochmotiviert, voller Tatendrang, mit dem Wille, die Sache voranzutreiben, Erneuerung zu schaffen. Und er stößt nicht auf Begeisterung, sondern auf ängstliche Ablehnung, auf kalte Schultern, auf Widerstand. Intrigen und üble Nachreden machen sich breit, unbarmherzige Kritik verletzt tief, und wie immer verletzt dabei das bloß Angedeutete oder Unausgesprochene mehr als das, was offen gesagt wird.
  • Zwei Nachbarinnen freunden sich an, vertrauen einander, vertrauen sich einander an. Und eines Tages muß die Eine feststellen: Das, was ich meiner Nachbarin im Vertrauen gesagt habe, das weiß die halbe Welt! Diese Blamage! Nie mehr will ich mit der was zu tun haben!

 

Keinem von uns bleiben solche oder ähnliche Erfahrungen erspart.

Keiner von uns wird von den Schmerzen verschont, die das mit sich bringt.

 

Wir alle haben deshalb Strategien finden müssen, um damit umzugehen.

Eine dieser Strategien lautet:

 

Die Zeit heilt Wunden.

Und darum denke ich einfach so wenig wie möglich daran und warte ab. Doch das ist eine Lüge, eine Lüge, die schon oft als Vorwand dafür herhalten mußte, seine Verletzungen nicht zu bearbeiten, sondern zu verdrängen, in der Hoffnung, dass sie mit der Zeit schon von alleine weggehen werde. Aber eine infizierte Wunde heilt nicht, sie eitert und vergiftet meine Persönlichkeit, meine Wertungen, meine Beziehungen und meine Handlungen in tausend Arten.  Zeit heilt keine Wunden.

Vielleicht haben sie es auch schon erlebt: Da begegne ich nach langer, langer Zeit wieder einem Menschen, der mir einmal sehr weh getan hat. Ich hatte es eigentlich schon ganz vergessen. Aber in der Begegnung wurde die Wunde wieder wach und sie tat genauso weh wie am ersten Tag.

Zeit heilt keine Wunden.

 

Eine andere Strategie lautet:

Ich werde damit alleine fertig. Ich stecke das schon weg. Ich habe breite Schultern. Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker.

Ja, vielleicht. Aber vor allem auch härter. Verbitterter. Verschlossener. Um Lebensmöglichkeiten betrogen. Ärmer.

 

Andere Strategien:

  • Zwanghaftes Streben, sich in dem Mittelpunkt zu stellen.
  • Ängstlich darauf achten, bestimmten Menschen nicht mehr zu begegnen.
  • Perfektionsstreben, versuchen, sich durch besondere Leistungen einen Wert, eine Befriedigung zu verschaffen, und niemanden einen Anlaß zum Tadel zu geben.
  • Oder sich Ersatzbefriedigung zu verschaffen: Essen, Trinken, Kleider, oder andere Süchte.

 

Innere Verletzungen, Verletzungen der Seele und unsere menschlichen Strategien, mit ihnen so halbwegs zurecht zukommen, belasten einen Menschen.

Sie belasten mit einer Last, die zu Boden drückt, die die Luft abschnürt.

 

Wer Verletzungen nicht bearbeitet, sondern verdrängt, schadet sich damit selbst.

Er begibt sich in eine Gefangenschaft, in eine Gebundenheit, die das Leben immer und immer wieder dominiert, bestimmt, prägt, finster macht.

Und seelische Verletzungen, die verdrängt werden, machen uns auch körperlich krank.

Das bestätigt Ihnen jeder Arzt.

 

Auf diesem Hintergrund hören wir wie Jesus sagt:

Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben.

 

Kommt alle her zu mir.

Jesus lädt Menschen mit Verletzungen ein, zu ihm zu kommen, denn er ist gekommen, um alle deine Gebrechen zu heilen.

 

Ich möchte an das Pflaster erinnern.

Vielleicht ist ihnen eine Wunde schmerzhaft eingefallen, auf die sie am liebsten ein Pflaster kleben möchten.

Denn das ist der erste Schritt, um auf diese Einladung, auf dieses Angebot von Jesus eingehen zu können:

Anschauen, wo es mir weh tut.

Wunden nicht mehr verdrängen, sondern wahr sein lassen.

 

Es gehört viel Mut dazu, sich seiner schmerzhaften Vergangenheit zu stellen.

Es gehört viel Mut und innere Stärke dazu, sich anzusehen, es wahr sein zu lassen,

wie sehr mir schon weh getan worden ist,

wie sehr ich enttäuscht worden bin von Menschen, vom Leben

Es gehört Mut dazu, sich einzugestehen, dass mich diese Wunden verkrüppelt haben, meine Lebenslust und Lebenskraft beschnitten haben, mich eingeschränkt haben.

 

Aber es gilt der Grundsatz:

Was geleugnet wird, kann nicht geheilt werden.

Wenn ich zum Arzt gehe und ihm meine Schmerzen verschweige, kann er mich nicht behandeln und ich bleibe krank.

Was geleugnet wird, kann nicht geheilt werden.

 

Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben.

Warum kann eigentlich ausgerechnet Jesus so ein großspuriges Angebot machen?

Warum kann er mehr als ein Psychotherapeut? Die helfen doch auch, innere Verletzungen aufzudecken und anzusehen und auszusprechen.

Ja, das tun sie, und auch das ist schon sehr hilfreich.

Aber mehr können sie nicht tun.

Jesus aber schon.

 

Denn zum einen hängt Heilung mit Vergebung zusammen.

 

Die einzige wirkliche Bedingung dafür, daß Gottes Heilungsprozeß in meinem Leben beginnen und weitergehen kann ist, dass ich bereit bin, denen zu vergeben, die mich verletzt haben.

Und damit tun wir uns unsäglich schwer, mit dem Vergeben, meine ich.

Ich glaube, die meisten von uns haben so einen Menschen, an den brauchen sie bloß zu denken, und schon können wir spüren, wie Wut und Zorn und Schmerz und Haß auftauchen und übermächtig werden.

Und wir können uns noch so sehr vornehmen: Ich will diesem Menschen vergeben – es klappt einfach nicht.

Aber Jesus kann uns dabei helfen, wenn ich ihm meinen Haß, meine Wut, meinen Zorn auf einen Menschen bekenne und gebe, dann kann er mir helfen, zur Vergebung zu finden, wo ich es nicht kann.

 

Und zum anderen kann uns Jesus in das heilende Licht der Liebe Gottes stellen, die den Mangel ausfüllt und wirklich heil macht.

Das ist schwer zu erklären, aber wer es erlebt hat, der weiß, was ich meine.

Dass man an den Punkt kommt, dass ich an eine schmerzhafte Begebenheit in meinem Leben denke und es tut nicht mehr weh. Es ist heil geworden.

 

Wie geht denn das alles praktisch?

Auch dazu möchte ich noch etwas sagen:

Das Wichtigste ist das Gebet, also nicht, dass ich fromme Verslein aufsage, sondern Jesus im Gebet sage, was mich alles belastet. Wo es mir weh tut. Welchen Wut, welchen Haß ich auf diesen oder jenen Menschen habe. Was ich mir alles schon ausgedacht habe, wie ich mich rächen könnte, wie ich es heimzahlen kann. Und wie sehr ich darunter leide.

Indem ich ihm im Gebet um Vergebung bitte für MEINEN Haß und darum, vergeben zu können.

 

Und dass ich um Heilung bitte.

Das ist in der Regel ein langer Prozeß.

Und ein vertrauenswürdiger Mensch, bei dem ich mein Herz ausschütten kann, der mit mir beten kann, der mich begleiten kann, ist aller Erfahrung nach dabei sehr hilfreich. In der Sprache der Kirche nennt man das übrigens Seelsorge.

Denn dazu hat Jesus uns die Gemeinde, die Kirche gegeben: Dass niemand alleine mit seiner Not bleiben muß.

Vorhin haben wir im Evangelium gehört von dem großen Abendmahl, wo sich die einen entschuldigten und dafür Blinde und Lahme eingeladen wurden.

 

Darin steckt ein Bild dafür, was Kirche ist: Sie ist eine Versammlung von Bettlern, Krüppeln, Lahmen und Blinden. Eine Versammlung von verletzten, verkrüppelten, beschnittenen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, bei Jesus Heilung zu finden.

 

Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Frieden geben.

 

Amen.

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