Ohne Furcht leben

Liebe Gemeinde,

dieser Sonntag ist ein kleines Ostern mitten im Spätsommer. Während um uns herum die Früchte reifen, die Felder abgeerntet und die Blätter schon trocken werden, verkündigen die Texte des heutigen Sonntag die Auferstehung aus dem Tod, neues Leben und Hoffnung, wo wir nur Verzweiflung und Dunkel sehen.

Diese neue Hoffnung, dieses neue Leben schenkt Gott in Jesus Christus. Christus erweckt in Nain einen jungen Mann, den einzigen Sohn einer Witwe (Lk 7, 11-16).

Auch die Lesung aus dem 2. Brief an Timotheus bekennt, dass Jesus neues Leben und damit Hoffnung bringt.

Lesung 2. Tim 1, 7-10

Der Abschnitt aus dem 2. Tim endet mit dem Satz: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (V 10)

Das neue Leben aus Jesus Christus und in Jesus Christus hat Folgen. Was diese Folgen sind, steht zu Beginn des Abschnitts aus dem Timotheusbrief, den wir vorhin gehört haben: Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

Über diesen Vers möchte ich heute mit Ihnen nachdenken.

Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Dieser Vers ist mein Taufspruch. Als ich getauft wurde, hatten meine Eltern diesen Spruch für mich ausgesucht.

Vielleicht ist der Vers auch für einige unter Ihnen ein besonderer Vers, weil er Ihnen bei Taufe, Konfirmation oder bei der Hochzeit mit gegeben wurde, als Wegzehrung, sozusagen.

Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

Dieser Vers hat in meiner Familie Tradition. Er wurde bereits meinem Vater zur Konfirmation zugesprochen. Das war am 18. März 1945, nur wenige Wochen, bevor die alliierten Truppen Hannover eroberten und weniger als 6 Wochen vor dem Kriegsende in Deutschland und Europa.

Ich weiß nicht, ob mein Vater sich diese Worte selbst ausgesucht hat, oder jemand anders so entschied – vielleicht sein Pastor?

Aber ich weiß, dass diese Worte kurz vor Kriegsende wichtig und bestärkend waren. Ich denke, Sie können sich an diese Zeit aus eigenem Erleben erinnern oder kennen sie indirekt aus Erzählungen oder Büchern und Dokumentationen. Es war eine Zeit, in der das Kriegsende heraufdämmerte, es aber unklar war, wann und wie es geschehen würde – und was danach käme.

Die größte Sorge, die mein Vater bei seiner Konfirmation hatte, was, dass ihm seine Urkunde noch nicht ausgehändigt worden war. Vielleicht hatte der Pastor es nicht geschafft, alle Urkunden des großen Jahrgangs auszufüllen und zu unterschreiben. Vielleicht waren sie aus Versehen irgendwo liegen geblieben.

„Was passiert, wenn es einen Luftangriff gibt und der Pastor getötet wird, bevor er meine Urkunde unterschrieben hat?“, fragte mein Vater seine Mutter. „Was, wenn die Kirche und das Gemeindearchiv abbrennt? Wie kann ich dann nachweisen, dass ich konfirmiert bin? Muss ich dann die ganzen 2 Jahre noch mal wiederholen?“

Ich weiß nicht, was meine Großmutter geantwortet hat. Aber ich weiß, dass das damals realistische Befürchtungen waren – na ja, bis auf die 2 Jahre Unterricht wiederholen, vielleicht.

Und doch, wenn mein Vater von der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählte, dann sprach er weniger von den Ängsten und Befürchtungen – obwohl er aus Hannover evakuiert worden war; obwohl er einmal mit Scharlach in Quarantäne im Krankenhaus war und nicht in den Bunker durfte; obwohl das Mietshaus, in dem er lebte, durch einen Treffer beschädigt wurde und es danach oft reinregnete; obwohl Klassenkameraden und später sein Onkel umkamen. Doch wenn mein Vater von dieser Zeit erzählte, dann hatte das immer etwas von Abenteuer. Seine Schulerinnerungen waren ein bisschen wie aus der Feuerzangenbowle.

Wahrscheinlich lag es daran, dass er damals 13- 16 Jahre alt war. Vielleicht lag es auch daran, dass er in seiner Familie eine starke Geborgenheit und Sicherheit erlebte.

Aber vielleicht begann er auch, sich anzueignen, was sein Konfirmationsspruch ihm zusagte: Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

 

Meine Eltern heirateten. Und wieder wurde der Vers aus dem 2. Timotheusbrief in den Dienst genommen: Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

Der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit, der aus Gottes Händen kommt – dieser Geist ist wahrscheinlich eine gute Basis für eine Ehe.

 

Dann wurde der Vers mir  bei meiner Taufe mitgegeben. Ich weiß nicht: war es, weil er meine Eltern, besonders meinen Vater gut begleitet hatte? Oder war es aus einer gewissen Einfallslosigkeit?

Die ersten Jahre meines Lebens spielte dieser Vers keine Rolle für mich. Doch als ich älter wurde, Konfirmandin, da beschäftigte ich mich damit. Zuerst mochte ich diesen Vers nicht, denn ich verstand ihn als Anordnung. Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht – also: Fürchte dich nicht! Damals fürchtete ich mich aber vor vielen Dingen:

  • Wie das Leben weitergehen würde – meins und das der Erde? Denn es war die Zeit des Wettrüstens, des Baumsterbens, der Diskussionen um atomare Endlager.
  • Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Schule. Ich fand dort keine Freunde, wohnte auch in einem andern Bezirk als alle meine Mitschüler.
  • Die Erwartungen meiner Eltern, dass ich gut in der Schule sein sollte, belasteten mich.

Wie konnte mir da befohlen werden, mich nicht zu fürchten, wenn das mein Gefühl war?

 

Heute weiß ich, dass dieses „Fürchte dich nicht!“, das uns so oft in der Bibel begegnet, immer begleitet ist von einem Nachsatz, ausgesprochen oder unausgesprochen:
„Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Ich verlasse dich nicht. Ich habe dich befreit. Du gehörst zu mir.“ So zum Beispiel beim Propheten Jes (43, 1).

Oder wie der Engel in der Weihnachtsgeschichte zu den Hirten sagt: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude! Euch ist heute der Heiland geboren.“ (Lk 2, 10)

Wenn Gott uns vor eine Aufgabe stellt, dann sind wir nicht allein. Deshalb sollen wir uns nicht fürchten. Gott begleitet uns auf dem Weg, auf den er uns schickt – auch wenn es sich manchmal wirklich nicht so anfühlt. Gott ist bei uns, auch wenn uns das Herz stehen bleiben oder in die Hose rutschen mag.

Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

Und so verstehe ich diese Worte heute anders als damals, als ich Schülerin war. Diese Worte sind nicht eine weitere Forderung an uns, eine weitere Ermahnung, unser Bestes zu geben, eine Leistung zu erbringen.

Sondern sie sind Ermutigung und Zuspruch.

Gott hat uns den Geist gegeben. Der Geist Gottes ist mit uns, ob wir es wissen oder nicht, ob wir es spüren oder nicht. Und es ist ein Geist, der sagt: „Fürchte dich nicht, denn ich bringe euch gute Botschaft.“

Es ist ein Geist, der sagt: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.“

Es ist ein Geist, der sagt: „Ich liebe dich, was auch geschieht.“

Es ist ein Geist, der uns als Antwort erlaubt, ohne Furcht zu leben. Ohne Furcht leben, heißt auch: frei zu leben und ohne sich zu ducken.

Als Antwort können wir Vertrauen in Gottes Kraft haben, aus der uns dann selbst Kraft zuwachsen mag.

Als Antwort ist es uns möglich, Gott zu lieben und unsern Nächsten – und in Besonnenheit das zu tun, was nötig ist. Und manches auch zu lassen – auch das gehört zur Besonnenheit oder zur Zucht, wie es in älteren Übersetzungen des Verses heißt.

Gott hat uns nicht gegeben der Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1, 7

Ich denke, in dieser beginnenden Herbstzeit, wenn die Tage kürzer werde und wir uns weniger gut im Freien treffen können; in dieser Herbstzeit, in der die Angst vor Infektion und Krankheit wächst – in dieser Herbstzeit tut es gut, uns daran zu erinnern, dass Gottes Zuspruch an uns in Jesus Christus der Grund ist, auf dem wir stehen und von dem aus wir handeln. Es ist gut, uns zu erinnern, dass Jesus neues Leben schenkt und Hoffnung, wo wir nicht mehr weiter wissen und nur noch verzweifeln können. Es tut gut, uns daran zu erinnern, dass Gott uns seinen Geist schenkt – und uns davon bewegen und begeistern, leiten und tragen zu lassen.

 

Amen

Und der Friede Gottes …

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