O du traurige, o du sehnende, Qualen bringende Weihnachtszeit

Liebe Gemeinde am Weihnachtsabend,

seit wir klein und Kinder waren, kennen wir das: Weihnachten, die Botschaft vom neugeborenen Kindelein und die Päckchen, den Weihnachtsbaum und das Gebäck, singen und essen. Und je älter wir werden, desto schneller wird die Abfolge von Weihnachtsfesten in unserem Leben, desto häufiger seufzen wir vielleicht „alle Jahre wieder und schon wieder“ und desto merkwürdiger, desto fragwürdiger wird in all diesen Jahren diese alljährliche Aufforderung: freut euch! Freut euch, denn euch ist heute der Heiland geboren!

Freude und Jubel und Aufforderung rund ums Fest, in Werbung und Bildern, in biblischen Texten und Liedern, in unseren Vorstellungen und Sehnsüchten, dieses Weihnachtsgejubel – wenn wir ehrlich sind – verstehen wir das eigentlich? Könnten wir einem Jugendlichen, einem Kind erklären, warum man sich über die Geburt eines Babys vor 2000 Jahren freuen soll und könnten wir es so erklären, dass dieses Kind sich dann selbst wirklich freut? Freue ich mich denn darüber? Freuen Sie sich? Ist es Freude, die uns heute Abend hier zusammenbringt?

Ganz alltäglich frage ich: Worüber haben wir uns in unserem Leben so von ganzem Herzen gefreut? Als wir geheiratet haben? Als wir ein Kind zur Welt bringen durften? Eine schöne Reise? Liebe, die unvorstellbar schien. Etwas, was wir dachten verloren zu haben, wieder gefunden? Von einer Sorge und Angst befreit zu sein? Wann waren wir außer uns vor Freude? Wann war das, gab es das in unserem Leben, erfüllt von Glück und Freude? Dass das Herz schier überläuft? Dass die ganze Welt verwandelt scheint, verliebt in einen Menschen, in die Welt, in Gott? Und heute? In diesem vergehenden Jahr 2009, in diesen vier Wochen, in der Adventszeit oder auch: heute, Heilig Abend, vorbereiten, Gottesdienste, nachher essen und Geschenke. Wie groß ist die Freude in unserem Leben? Eine Freude, so groß und tief, dass uns nichts festhält? Denn so groß und so tief wird in den Evangelien und in unseren Kirchenliedern das Gefühl beschrieben, das die Geburt Jesu auslöst.

Ach, könnten wir doch heute Abend auch so voller Freude sein! Wir sehnen uns doch nach nichts mehr als nach tiefer Freude, dem überströmenden Glücksgefühl, das Schmerz und Sehnsucht stillt, nach Heimat, nach Ankommen, nach Glückseligkeit. „Nun freu dich doch, du musst nur glauben, dass Gott Mensch geworden ist und dann kannst du dich freuen!“ – leider funktioniert das überhaupt nicht. Manchmal nicht zur angegebenen Zeit – und manchmal funktioniert es gar nicht. Weihnachten um Weihnachten vergeht, wir besingen die Freude, bloß, wo bleibt sie?

Manche von uns spüren etwas davon, Gewissheit und inneren Frieden, Verbundenheit und Geborgenheit. Manche von uns spüren die Sehnsucht, werden nostalgisch und ein bisschen rührselig. Und manche von uns haben das Projekt aufgegeben. Für viele Menschen ist gerade Weihnachten die Zeit von Qual, von düsterer Bilanzierung, von Stress und schmerzlichen Gefühlen. Es ist die Zeit, in der das was fehlt, der Mangel, schmerzlich bewusst wird. Mehr als sonst leiden wir daran, wenn unsere Arbeit und unser Engagement gleichgültig, selbstverständlich hingenommen werden. Wenn niemand fragt: was denkst und fühlst du wirklich, wie geht es dir? Wenn die dringenden Wünsche nach Geborgensein, nach Sicherheit, nach Lebensfreude und Erfüllung auch im vergangenen Jahr unerfüllt geblieben sind. Wenn die Menschen fehlen, die wir lieben. Wenn wir Bilanz ziehen und das Defizit größer scheint als der Gewinn.

Wir, genau wir hier, mit unseren Lebensgeschichten, mit unseren Familien und dem, was uns umtreibt und beschäftigt, wir heute Abend in der Kirche, die Gemeinde am Weihnachtsabend. Wie kommen wir hinein in diesen Strom der Freude über die Geburt Jesu? Wie finden wir unseren ganz eigenen Weg zur Weihnachtsfreude, die die Sehnsucht stillt, die uns hinein nimmt in Verheißung UND Erfüllung? Uns über die Geburt Jesu zu freuen – wie geht das?

Ich lade uns alle ein, miteinander zu singen. Egal ob brummen oder jubilieren, nehmen Sie Text und Melodie auf, Sie werden einen Ton finden.

[LIED: EG 37,1-4]

Ich lag in tiefster Todesnacht – Du warest meine Sonne

Dass Christus unsere Sonne wird, das klappt nicht in den hell erleuchteten Lebensräumen – das wird erst in tiefster Todesnacht wahr. Da brauchen wir keine extra Sonne, wenn alles soweit gut läuft, das Haus geheizt, das Auto vor der Tür, die Familie gesund… und worüber wir uns wirklich Gedanken machen sind Altersvorsorge und Lebensversicherung.

Wo Gottes Wort gesprochen wird, tritt das zurück oder ist schon zerbrochen. Wo Gottes Wort gesprochen wird, ist nicht sogleich Jubel. Die Hirten erschrecken und das erste Wort heißt: Fürchtet euch nicht! Aber offensichtlich trifft das Licht, das die Hirten sehen, mitten in ihr Herz. Sie lassen ihr karges Leben, ihre Arbeit, ihre Tiere zurück und machen sich auf den Weg. Und kehren erfüllt und voller Jubel zurück.

Das scheint mir entscheidend: Jubel und Freude entstehen aus Kargheit und Armut. Ob die Hirten losgegangen wären, wenn sie satt und zufrieden gewesen wären? Ja, ob wir losgehen? Weil wir unseren Mangel und unsere Oberflächlichkeit satt haben? Heute Abend frage ich mich und uns alle, ob wir uns darauf einlassen, unser Leben, unsere Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten und Bequemlichkeiten zurückzulassen. Ohne Garantie und Furcht und Erschrecken gehen der Freude voraus. Wenn wir uns darauf einlassen, die Grenzen zu überschreiten, innerhalb derer wir so bequem leben, dann kann Gott geboren werden in uns. Dann kommt Gott zu uns im Ungeborgenen, in der Fremde, im Schmerz. Da und vielleicht nur überhaupt da, wo wir zu Wanderung und Unsicherheit gezwungen sind, da kann es fruchtbar werden, da will Gott geboren werden bei uns, in uns. Der Tod greift nach uns – und aus dem Sterben mitten im Leben kann ein Weg zu innerer Freude führen. Wo wir leiden, bedrückt sind, schuldig geworden sind, dahinein spricht Gott seine Zusage: hinein in dein Leid, in dein Unglück, da lege ich mich hinein wie in eine Krippe. Das Glück liegt in Windeln, armselig, machtlos, heimatlos. Dieser Winzling will von dir gehalten werden. Dein Schmerz hält das neugeborene Leben. In deinen schweren Erfahrungen, in deiner Dunkelheit – bin ich deine Sonne. Da kommt die Wahrheit ans Licht: dass wir am Abgrund, über dem Abgrund gehalten sind bis auf den heutigen Tag. Und dass unser Leben hinein gezogen ist in Gottes unbegrenzte Liebe. Wir brauchen uns nicht zu fürchten. Der gelöste Ton unserer Weihnachtslieder erzählt davon. Lassen wir uns von der Aufforderung zu Freude und Jubel nicht abschrecken – es geschieht in der Banalität unseres Alltags: das Licht leuchtet in der Finsternis, in tiefster Nacht erscheint Gott. Möge diese Erkenntnis uns ergreifen. Möge sie unser kostbarster Schatz werden, möge sie uns Freude schenken, vielleicht an diesem Weihnachtsfest, vielleicht eines Tages. Ich wünsche uns das von Herzen.

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