Nur wer absteigt, kommt auch an

Christvesper 2016

Nun sind wir hier, Weihnachten beginnt, vielleicht auch für Sie, mit der Christvesper hier in der Kirche. Menschen, Musik, Worte. Klänge der Verheißung, vom Äußeren zum Inneren zu kommen. Von den äußeren Ebenen: Arbeit, Familie, menschlichen Beziehungen, den vielen Herausforderungen des Alltags. Zu den inneren Ebenen: unserem Wesenskern, tiefer als das, was wir besitzen und darstellen, das Bewusstsein unserer Identität als Mensch und Verbundenheit mit dem Göttlichen. Ein Sehnen, vom Äußeren zum Inneren zu kommen, ja, das könnte ein Grund sein, warum wir uns hier an Weihnachten versammeln.

Und dann die Weihnachtsgeschichte – sie beginnt mit der äußeren Ebenen, den äußeren Gegebenheiten: Es begab sich aber zu der Zeit, dass von Kaiser Augustus ein Gebot zur Volkszählung ausging!

Zählen wir auch hier in der Kirche für zwei Momente.

Vor manchen von Ihnen steckt am Vorderstuhl eine grüne Karte. Bitte seien Sie so freundlich und halten sie hoch, damit wir alle die grünen Karten hier in der Kirche sehen können.

Das müssten 18 Karten sein. Das entspricht im Verhältnis von uns hier in der Kirche (1000) ziemlich genau der Zahl der Geflüchteten, die in den vergangenen zwei Jahren nach Deutschland gekommen sind. Gut 80 Millionen Einwohner in Deutschland, etwa 1,4 Millionen Geflüchtete. Und dann hören wir Sprüche, das solle eine Flut von Flüchtlingen sein? Eine Welle, die die äußeren Ebenen unseres Lebens hinwegschwemmt?

Und nun bitte ich alle, die eine blaue Karte im Stuhl vor sich stecken haben, diese für einen Moment hochzuhalten. Das müssten 50 Karten sein. Rund 5 % der Einwohner Deutschlands sind Muslime. Kann uns das wirklich Angst machen? Diese 50 lösen in uns aus, wir dürften nicht mehr leben, wie wir es für richtig halten? Diese 50 von 1000 könnten uns verbieten, an Weihnachten in die Kirche zu gehen? Dir verbieten, im Minirock rumzulaufen oder Ihnen, Schweinefleisch zu essen? Diese 50 könnten uns zwingen, unsere Identität aufzugeben? Diese 50 gehören nicht zu uns? Sind nicht Teil unseres Lebens?

Beim Schreiben der Predigt habe ich überlegt, ob nun manche verärgert die Kirche verlassen – weil das in ihrem Verständnis nicht zu Weihnachten gehört. Was ich inspiriert vom ersten Satz der biblischen Geschichte, sichtbar machen möchte, ist folgendes:

Diese Zählung soll ein kleines Abbild dessen sein, was uns gesellschaftlich so unter Druck setzt. Dass sich der Eindruck festsetzt, es handele sich um unseren Wesenkern, der angegriffen sei. Das passiert, wenn wir Äußeres mit Innerem verwechseln, uns Angst machen lassen, die Vernunft ausschalten, die Herausforderungen unserer Welt ausblenden und wegschieben möchten.

Ja, und das scheint mir eine Gefährdung, wenn wir das trennen möchten: das Gerührtsein-Dürfen an Weihnachten, unsere Sehnsucht und die Spuren unserer Verbundenheit mit dem Göttlichen, das trennen wollen vom harten Griff der Welt, vom Staub der Straße und der Ohnmacht angesichts des Weltgeschehens.

Maria hat sich in den Dienst nehmen lassen. Menschen, die der göttlichen Berufung folgen, müssen nicht in der Kirche arbeiten. Vielleicht arbeiten sie in einem Konzern oder einer Bank. Wenige Menschen genügen, um die Welt von ihrer Gier, Gewalt und Selbstzerstörung abzuhalten. Sauerteig im Mehl, Salz in einer Speise sind nicht sichtbar. Gott braucht nur wenige Menschen, die furchtlos leben. Wer dem Kind folgt, erlebt das Beschädigte, Ärmliche und Verfolgte als Teil des eigenen Lebens. Nicht unsere Sehnsucht nach Widerspruchslosigkeit und einfachen Lösung wird hier gestillt, sondern das Leben in Widersprüchen, bis ins Innerste berührt von der Not in der Welt – das wird gesegnet mit der Geburt des göttlichen Kindes. Gott steigt herab mitten in die Welt – das ist der Inbegriff der biblischen Botschaft an Weihnachten. Glanz in der bescheidensten Hütte, Segen auf der Flucht. Unsere christliche Tradition, millionenfach zur Macht missbraucht, erzählt aber die Botschaft vom Abstieg und vom Loslassen.

Und wenn die ganze Welt das Kampfgeschrei der nationalen Stärke anstimmt, wir Christen können da nicht einstimmen. Mit dem Kind in der Krippe erzählen wir von der Macht im Zerbrechlichen, im Ausgeliefertsein.

Genüge ich? Leiste ich genug? Bin ich würdig?

Nein, bist du nicht. Und das ist Gott sei dank kein Nachteil. Denn Gott ist würdig. Und Gott steigt ab. In die Tiefen unseres menschlichen Lebens. Legt seine Göttlichkeit, seine Würde in die Krippe, in die nackte Existenz. Verschwenden wir doch nicht unsere Zeit damit, uns selbst und uns gegenseitig beweisen zu wollen, dass wir so nackt und hilflos gar nicht sind.

Die Welt will nach oben kommen. Wenn von einem Krisengebiet Bedrohung für uns ausgeht, dann sind die meisten von uns ohne weiteres bereit zu einem präventiven Eingreifen. Im Klartext: bei Bombardierungen und Erschießungen den Tod tausender Menschen in Kauf zu nehmen. Ein Land vor dem Terrorismus zu schützen scheint so plausibel. Doch unausweichlich folgt daraus die Notwendigkeit der Kriegswirtschaft, folgen daraus die obszönen Profite der Waffenhersteller und -händler. Wir pflegen unser Selbstbild und unsere Herrschaft. So vermeiden wir den Weg des Abstiegs.

Es ist schwer mit Erniedrigung umzugehen. Damit meine ich, mir Fehler und Scheitern so schwer eingestehen zu können. Ich will mich rechtfertigen, mich absichern, die Bloßstellung vermeiden, ich will mit meinen Verdiensten anerkannt werden. Erniedrigt werden, so erlebe ich das, weckt den Impuls der Rache in mir. Ich wehre mich zutiefst dagegen zu verlieren, weil es mich im Innersten verletzt.

Macht, Ansehen, Besitz – das sind die großen Versuchungen, denn sie hindern uns daran, Jesus nachzufolgen. Immer geht es um Aufstieg. Dabei wissen wir insgeheim, wenn wir hier sitzen, doch ganz genau, was Gott will. Dass wir unten ankommen, beim neugeborenen Sohn Gottes in der Futterkrippe. Dass wir die Straße des Friedens und der Demut, den Weg der Vergebung, der Gewaltlosigkeit, der Liebe zu den Niedrigsten, den Pfad der Berührbarkeit gehen. Die Straße, die nach unten führt. Das ist nicht der Weg in die Hölle, sondern der Weg ins Leben. Runter – das ist die Schnellstraße, der direkte Weg zu Gott. Wir wissen, dass das der Kern der Lehre und des Lebens Jesu ist.

Das ist noch anspruchsvoller als der Weg vom Äußeren zum Inneren, von den Äußerlichkeiten zum Wesenskern. Nicht horizontal verläuft der Weg, sondern runter. Gott verwendet gerade das, was wir verweigern, verleugnen und fürchten, weil es unterlegen, demütigend und nach Niederlage aussieht. Die Bibel ist voll davon. Es sind die Bloßgestellten, die Ausgeschlossenen und Außenseiter, die ausgewählt werden. Gott verzichtet auf weltliches Ansehen, seinem Menschsein sollen wir nacheifern. Damit wir zu unserer Menschlichkeit finden. Wir sind hier, heute an Weihnachten, um die Angst abzulegen. Zum Beispiel heute abend beim Essen. Das Äußerliche ist nicht so wichtig. Umso wichtiger ist die Begegnung, ja, ich begegne dir heute Abend neu. Meine Schatten, meine Stärken – ich fürchte mich nicht! Und beim nächsten Mal, wenn wieder ein Mensch oder eine Gruppe oder ein Volk nieder gemacht wird, überwinde ich meine Angst und trete dem entgegen. Damit ich Mensch werde, fühlender, mitfühlender Mitmensch. Für’s ganze Jahr soll das vorhalten, was uns heute am Heiligen Abend berührt. Unser Ego, unsere Sicherheit loslassen. Verbundenheit statt Grenzen. Wer sich hingibt, empfängt. Wenn wir absteigen, kommen wir an. Nur wer absteigt, kommt auch an. Bei sich selbst. Bei den Menschen. Bei Gott. In der Liebe.

Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.

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