Noch nicht in Sicht …

Liebe Gemeinde,

das Reich Gottes ist heute unser Thema. Im Vaterunser beten wir „Dein Reich komme“. Was meinen wir damit?

Ein Reich, was ist das? Aus der Geschichte kennen wir das heilige römische Reich deutscher Nation, oder das dritte Reich. Aus den aktuellen Kinofilmen kennen wir das Imperium aus der Star wars Serie oder das Reich der Maschinen aus der Matrix Trilogie. Aus den politischen Reden des Präsidenten Bush kennen wir das Reich des Bösen, die Schurkenstaaten und das Reich des Guten, Amerika.

Ein Reich, das ist ein Herrschaftsgebiet. Aber wir können es nicht beschreiben als ein Land mit bestimmten Grenzen. Es ist vielmehr eine tiefergehende Herrschaft, die nicht nur politisch bestimmt ist, sondern bis in die Gefühle der Menschen reicht, und das Schicksal der Menschen bestimmt.

Was also ist das Reich Gottes?

Es ist das Herrschaftsgebiet Gottes. Es ist dann da, wenn der Wille Gottes die Gefühle und das Schicksal der Menschen bestimmt. Aus unseren heutigen Predigttext erfahren wir genaueres über das Reich Gottes: Ich lese Lukas 17,20ff.

[TEXT]

Zwei Antworten auf die Frage: Was ist das Reich Gottes. Die erste Antwort ist für die Gegner: Das Reich Gottes ist unsichtbar mitten unter euch! Die zweite Antwort ist für die Anhänger: Ihr werdet euch danach sehnen, und es wird nicht gleich kommen. Am Ende aber wird es so offensichtlich sein, dass niemand es übersehen kann. Ihr braucht nicht danach zu suchen, ihr könnt es gar nicht verpassen.

Sehen wir uns die Antworten näher an. Das Reich Gottes ist unsichtbar. Das ist wichtig. Weder Amerika noch Europa kann behaupten: Unser Land ist das Reich Gottes oder das Reich des Guten. Und wenn es unsichtbar ist, dann ist auch nicht so einfach zu sagen, wer dazu gehört und wer nicht. Man weiß auch nicht so genau, wo die Grenzen sind. Wir erfahren nur: Es ist schon da, aber noch nicht so richtig offensichtlich. Es ist mitten unter uns. Das heißt aber auch: Es ist ganz nahe. Und eigentlich müssten wir seine Wirkungen spüren können. Die Pharisäer haben ja gefragt: Wann kommt das Reich Gottes? Sie haben also angenommen, es läge in der Zukunft. Aber Jesus sagt: Nein, das Reich Gottes liegt nicht einfach in der Zukunft, es liegt in der Gegenwart, zumindest hat es jetzt schon angefangen. Also wo ist das Reich Gottes heute?

Hier! Hier in der Kirche versammeln sich Menschen, die in Kontakt mit Gott treten wollen. Also ist hier Herrschaftsbereich Gottes. Aber nicht nur hier, jeder andere Ort kommt auch in Frage. Wie können wir das Reich Gottes wahrnehmen?

Das ist nicht so einfach, denn unsichtbar ist der Herrschaftsbereich Gottes heute immer noch. Aber er ist auch mitten unter uns. Das Reich Gottes passiert zwischen uns. Aber zwischen uns Menschen passiert eine Menge, was davon ist nun Reich Gottes und was nicht?

Das ist schwer objektiv zu beschreiben. Wir sind Menschen und können es nicht endgültig wissen. Wir können aber unsere Erfahrungen deuten und sagen: Da war für mich Gott am Werk. Für mich war das eindeutig bei den beiden Geburten. Es war einfach überwältigend. Dieses kleine Neugeborene hochzuheben, es anzusehen und zu wissen. Diesen Menschen gab es vorher nicht, und jetzt ist er da. Wahnsinn. Dieses Kind zu spüren und merken, es lebt und es wird wachsen und einmal mindestens, so groß sein wie ich. Dieses Kleine anzusehen und zu merken, das ist ein eigener Mensch, es ist ein Wesen, das hat einen eigenen Willen und es wird eigene Vorstellungen haben. Und ich darf die nächsten zwei Jahrzehnte mit ihm verbringen. In diesem Moment hat mich eine überwältigende Dankbarkeit erfüllt. In diesem Moment war für mich die Frage nach dem Sinn der Lebens und wer Gott ist erledigt. Das war ein purer Moment Reich Gottes. Das war wie der Blitz leuchtet über den Himmel, nicht zu übersehen, ein Moment völliger Klarheit. Das ist eine meiner Reich Gottes Geschichten.

Andere Menschen haben andere Geschichten: Ein Freund erzählt von einer schweren Krankheit. Er liegt im Krankenhaus – fast bewusstlos. Plötzlich sieht er ein helles Licht. Und es überströmt ihn ein Gefühl von unendlicher Geborgenheit. In diesem Moment weiß er: Eines Tages werde ich zu diesem Licht hingehen. Aber noch nicht jetzt. Das ist der Wendepunkt der Krankheit. Ab da geht es aufwärts. Seit diesem Erlebnis fürchtet er sich nicht mehr vor dem Tod.

Das Reich Gottes, das sind aber nicht nur die ungewöhnlichen Geschichten an der Grenze von Tod und Leben. Das Reich Gottes ist auch einfach Alltag: Das kann genauso ein nettes Gespräch über den Gartenzaun sein wie ein Besuch zu einer Zeit, wo ich mich sehr einsam gefühlt habe. Oder wenn die Jugendlichen im Jugendzentrum jemand haben, der sie erzählen können, was sie bedrückt. Oder wie in diesem Fall: Zwei ehemalige Freunde haben sich zerstritten, zwei Jahre kein Wort mehr miteinander gewechselt. Sie kommen sich auf der Strasse entgegen. Normalerweise würde jetzt einer die Straßenseite wechseln. Aber diesmal nicht. Sie gehen aufeinander zu und sie bleiben stehen, wechseln zwei freundliche Worte und gehen dann weiter. Das ist noch nicht die endgültige Versöhnung. Aber es ist ein neuer Anfang. Auch darin zeigt sich Reich Gottes.

Das Reich Gottes ist mitten unter uns. Wir können es sehen, wenn wir aufmerksam darauf achten. Aber es gibt noch so viel auf der Erde, was nicht Reich Gottes ist. Es gibt noch so viel Leid und Streit und Bitterkeit und entsetzliche Ungerechtigkeit und Schlimmes, was Menschen einander antun. Wir müssen also immer noch in jedem Vater unser bitten: Dein Reich komme! Denn die Herrschaft Gottes hat unter den Menschen schon angefangen, aber sie ist noch lange nicht auch nur annähernd vollständig. Insofern haben auch die Pharisäer recht. Das Reich Gottes liegt auch in der Zukunft, in der Zukunft der Menschheit wie in der Zukunft jedes einzelnen Menschen. Und wir hoffen weiterhin, dass eines Tages wie ein Blitz am Himmel wir erfahren, dass alles gut wird. Wir hoffen, dass eines Tages alle Tränen abgewischt werden und alles Leid und aller Schmerz zu Ende sein wird und Gottes Gerechtigkeit im Weltall durchgesetzt sein wird.

Aber noch ist das nicht in Sicht. Wir begnügen uns also mit den Stellen, wo Reich Gottes unter uns schon anfängt. Und versuchen so viel wie möglich davon heute schon zu leben.

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