Neue Ziele

Es war eine seltsame Fastnacht und mein Respekt gilt vielen Menschen, die trotzdem versucht haben, Menschen Freude zu bereiten. Auch wenn Fastnacht nicht wirklich christlich ist, der Respekt bleibt für Menschen, die sich anstrengen, anderen Menschen das Leben etwas fröhlicher und freundlicher zu machen. 

Aber nun ist Fastnacht vorbei – Passionszeit angesagt, im katholischen Bereich Fastenzeit. Fastenzeit – da weiß man, was los ist, was angesagt ist, aber was bedeutet Passionszeit – Leidenszeit unseres Herrn Jesus Christus?

Vordergründig erinnern wir uns an ein Geschehen von vor 2000 Jahren. Aber dafür brauchen wir die Kirche und unsere Gottesdienste nur bedingt. Erst wenn wir unsere Rolle in diesem Geschehen entdecken, begehen wir auch Passionszeit wirklich. Darauf will uns eine Episode aus der Passion hinweisen: 

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Die Szene, in die uns Johannes führt erinnert an die Abendmahlsgeschichten der anderen Evangelisten. Das gehört zum Wesen des Johannesevangeliums, dass Dinge etwas anders dargestellt werden, um unseren Blick etwas anders zu lenken. Dort wo die anderen Evangelisten vom Abendmahl erzählen, erzählt er von der Fußwaschung, als noch mehr vom letzten Dienst Jesu an den Seinen. Aber auch unsere Geschichte gehört in die letzten Tage oder Wochen Christi mit den Seinen. 

Um sie richtig zu verstehen, müssten wir eigentlich das Mahl miteinander feiern. Das ist aber im Moment leider nicht möglich. Aber wir haben ja Phantasie.

Da sitzen Menschen beim Abendmahl. Ein seltsames Gespräch entwickelt sich – von Verrat und Schuld. Und der Verräter ist mittendrin. Und der Herr des Mahls bleibt ihm freundlich zugewandt – und die Anderen merken nicht, was wirklich geschieht. 

Das passiert vielleicht öfter. Ich weiß nicht, wer mit mir da zum Mahl des Herrn geht. Ich weiß nicht, was die einzelnen Menschen fühlen, was sie belastet oder welche Schuld sie auf sich geladen haben. Ich weiß nur, dass sie in diesem Moment vor Allem eins sind: Meine Schwestern und Brüder – und dafür will ich täglich neu lernen, dankbar zu sein. 

Judas ist die biblische Symbolfigur für Menschen in der Versuchung. Es gibt viele Versuche sein Handeln zu erläutern. Manche Generationen haben ihn verdammt, weil er den Herrn verraten und damit ans Kreuz gebracht hat. Andere haben ihn fast heiliggesprochen, weil nur durch ihn die Heilsgeschichte ins Rollen gekommen wäre. Beides ist nicht richtig. Judas war ein normaler Mensch, der eine Entscheidung getroffen hat. Er war darin mir ähnlich. Auch mir werden immer wieder Entscheidungen abverlangt. Ich muss meinen Weg im Leben finden, meine Antworten auf die Fragendes Lebens und manchmal bin ich unsicher, ob das alles so richtig ist.

Wo Nachfolge gelebt wird, versuchen Menschen, ihren Weg zu gehen – im Glauben. Und manchmal suchen sie den schöneren oder einleuchtenden. Manchmal treffe ich Entscheidungen aus Bequemlichkeit oder aus einem Vorurteil heraus. Manchmal auch, weil ich nach längerem Denken zu einem Entschluss gekommen bin. Egal wie. Nicht jede Entscheidung in meinem Leben ist oder war richtig und schon gar nicht waren meine Entscheidungen immer wirklich vor Gott und den Menschen verantwortbar. Vielleicht weil ich auch öfter mal bequeme Wege gesucht habe, vielleicht auch gelebt habe nach der Maxime: Das machen alle so oder Das haben wir ja schon immer so gemacht. 

Passionszeit ist Zeit des Kreuzes, Zeit, dass Menschen sich nicht nur an das Leiden Christi erinnern, sondern auch an das Leiden von Menschen denken, die heute leben. Das Kreuz ist in der Gemeinde immer gegenwärtig. Das Kreuz des Herrn und das Kreuz der Menschen. Wo das verlorengeht, werden wir schnell zu VerräterInnen des Herrn. So wie Judas unbehelligt am Tisch sitzt und Jesus freundlich mit ihm spricht, als würden sie über das Wetter reden und nicht vom Verrat, so stehen wir manchmal auch beim Abendmahl zusammen. Menschen sind mitten unter uns, in deren Leben manches in Unordnung geraten ist, die ihr Leben gestalten ohne Rücksicht zu nehmen auf das Leiden Anderer. 

Bewusst wird uns das zum Beispiel, wenn wir Kleidungsstücke in die Hand nehmen und spüren: Da war Kinderarbeit im Spiel. Zumindest haben wir beim Kauf nicht auf die Herkunft geachtet. Es war auch zu schön und dazu noch günstig und da haben wir (unbewusst vielleicht) das Leiden von Kindern oder die ungerechte Be-zahlung von Arbeiterinnen in Kauf genommen.

Manchmal haben wir uns eingerichtet in einem schönen Wohlfühlchristentum. Das ist ein angenehmer Weg, aber nicht immer der Weg, der die Wahrheit und das Leben ist. Das ist bekanntlich nur Jesus Christus, an dessen Leiden wir in dieser Passionszeit denken und dessen Verräter aus der Mitte der Gläubigen gekommen ist.

Unser Abschnitt ist aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu. Johannes stellt Er-eignisse und Reden zusammen, mit denen Jesus sich von den Seinen verabschiedet. Und die merken gar nicht, was sich da gerade beim gemeinsamen Mahl abspielt. Sie fragen noch nach ihrer eigenen Rolle. Das spricht für sie: Sie rechnen damit, dass sie schuldig werden können. Aber sie bemerken nicht mehr, dass Judas es ist. Wir merken nicht die Judasse unter uns und wir merken nicht, wo wir zum Judas werden. 

Wir stehen am Eingang der Passionszeit, der Zeit des Nachdenkens über eigenes Versagen, eigene Fehler. Da kann es gut tun, diese Geschichte zu hören, nicht Vorwürfe zu hören, wie schlecht wir sind, sondern in Gemeinschaft mit den Jüngern Jesus zu fragen: bin ich’s? Mit ihnen damit zu rechnen, dass auch ich zu denen gehören, deren Weg dem Weg Gottes widerspricht.

Wir Menschen brauchen immer wieder Zeiten in unserem Leben, in denen wir still werden, bedenken, was unser Leben bestimmt, was unser Leben ausmacht und was in unserem Leben wichtig ist. 

Und auch die Kirche braucht stille Zeiten, in der sie sich selbst begegnet, ihrem Tun und Lassen. Wir brauchen Zeiten der Stille, nicht um irgendein Gebot zu erfüllen, sondern um zu bedenken, wer wir sind, was wir tun.

Was auffällt ist die Souveränität Jesu: Er ist der Handelnde, er erfüllt die Schrift und die Gemeinde bemerkt nicht einmal, was sich da unter ihnen ereignet. Vielleicht wäre das ja ein Ziel in dieser Corona-belasteten Passionszeit, zu bedenken, wie und wann Jesus mit uns redet und auf ihn zu hören. 

Auch damit könnten wir unserem Leben neue Ziele und neue Inhalte zufügen.

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