Neue Lebensqualität

Leider finden in unseren Gottesdiensten zurzeit coronabedingt keine Taufen statt. Da fehlt der Gemeinde etwas. Denn eigentlich ist es ja nicht eine Pfarrerin oder ein Pfarrer, der Menschen tauft, sondern in der Taufe handelt die Gemeinde, in deren Sinne getauft wird im Auftrag Jesus Christi. Da ist es schade, dass Taufen sozusagen nebenbei und unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und nicht im Gottesdienst der Gemeinde.

Die Taufe bleibt nicht nur der entscheidende Moment im Leben eines Menschen, sondern auch im Leben der Gemeinde ist es entscheidend, dass sie taufen darf. Sie darf im Namen Gottes Menschen zu seiner Gemeinde hinzufügen und immer neu erfahren, wie Gott Getaufte verändert.

Der Schreiber des Epheserbriefes versucht seiner Gemeinde mitzuteilen, wie das aussehen kann: 

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen 27 und gebt nicht Raum dem Teufel. 28 Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. 29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 30 Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. 31 Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

Wäre dieser Schreiber doch ein bisschen pädagogischer gebildet, dann hätte er vielleicht auf die vielen Imperative verzichtet. So ärgern die mich und verhindern beinahe, dass ich höre, was er mir eigentlich zu sagen hat.

Wenn ich aber hinhöre, dann würde ich vielleicht hören, wie er erzählt von seinem Traum, wie die Menschen in der Gemeinde immer weiter an ihrem Christ-Sein arbeiten. Und ich würde hören, wie er mich einlädt, daran teilzunehmen. Das vergessen wir manchmal, dass ein Imperativ auch eine Einladung sein kann. Wenn ich zu einem Gast sage: Setz dich!, ist das eben kein Befehl, sondern eine Einladung.

So lädt der Schreiber seine Leserinnen und Leser ein. So lädt er auch uns ein. Wir dürfen ausprobieren, was sich alles verändern kann, wenn wir nur immer wieder daran denken, dass wir getauft sind, dass wir zur Gemeinde des Herrn Jesus Christus gehören. 

Der Hintergrund unseres Briefes an die Gemeinde in Ephesus ist der, dass das Leben Christi schon eine Weile zurückliegt und das auch der Apostel Paulus längst Geschichte ist. Nun regiert der Alltag. Die Gemeinde wächst, es geht ihr gut. Aber manche Gemeindeglieder spüren auch, dass das Besondere, das, was die Gemeinde von Beginn an ausgezeichnet hat, langsam blasser wird. Die Unterschiede zu anderen Religionen und Gruppierungen werden immer undeutlicher. Hier will unser Schreiber Mut machen, zu mehr Deutlichkeit.

Es geht im Kern darum, dass wir uns immer wieder erinnern lassen, getauft zu sein. Und dass wir uns daran erinnern lassen als Gemeinde. Wir taufen Menschen, meistens als Kinder und wir übernehmen eine Verantwortung dafür, dass wir sie begleiten, ihnen helfen zu lernen, dass Leben mehr ist als Essen und Trinken.

Was das bedeutet, davon erzählt der Epheserbrief in seinen einfachen Anweisungen, die so selbstverständlich klingen, dass wir die Herausforderung nicht unbedingt sofort sehen können.

Keine Lüge, keinen Zorn, keinen Diebstahl, das klingt doch alles nett und ist gleichzeitig eine dicke Herausforderung.

Ich muss nur meinen Alltag beobachten, wie oft ich aufbrause, zornig werde, wie leicht ich wichtige Termine vorgebe, anstatt zu sagen ‚ich mag nicht‘. Wenn ich ehrlich mit mir selber bin, sind auch die leichtesten Herausforderungen manchmal zu viel für meine schwache Moral. Ich gebe Versuchungen in  meinem Alltag manchmal allzu leicht nach und manchmal bemerke ich das nicht einmal. 

Darum lädt mich der Epheserbrief immer neu dazu ein, mein Verhalten auf den Prüfstand zu stellen, mich selber zu überprüfen: Inwiefern passt mein Verhalten noch zu meinen Standards oder dienen diese Standards nur dazu, andere zu beurteilen und gegebenenfalls zu verurteilen? Bin ich vielleicht auch dort wo die EmpfängerInnen dieses Briefes sind. Es läuft doch – egal wie.

Ein Vers hat mir in unserem Gesamtzusammenhang besonders gut gefallen, weil er besonders gut ausdrückt, was für mich heute besonders wichtig sein könnte:

29 Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. 

Drastisch spricht der Autor mich an: Öfter mal die Klappe halten!

Und ich spüre, wie oft ich rede, ohne zu wissen, wie oft ich Gerüchte verbreite oder Vorurteile, wie oft ich über Menschen rede, statt mit ihnen. 

Natürlich erlebe ich das immer wieder, dass Menschen sich nichts mehr zu sagen haben, wenn sie aufhören über Andere schlecht zu reden. Aber vielleicht liegt hier genau ein Lernfeld für uns gemeinsam als Gemeinde der Getauften. Dass wir lernen, miteinander zu reden und zu handeln, nicht um Menschen zu verletzen, nicht um uns selber große zu machen, sondern um Gemeinschaft zu bauen, die niemanden ausgrenzt.

Ich bin getauft, das heißt Gott hat sich zu mir bekannt – und ich will dieses Ja zu Gott, dass die PatInnen bei meiner Taufe stellvertretend gesprochen haben, täglich wiederholen. Dazu reicht es nicht, dieses Ja zu sprechen, sondern es muss auch mit diesem Ja gelebt werden. Meine Taten, mein Reden und Schweigen, mein Handeln und mein nichts tun, müssen standhalten vor dem Anspruch meines Gewissens, das mir sagt, was richtig ist und was falsch.

Wer weiß schon ganz genau, wie sich unser Leben verändern würde, wenn wir alles tun, dass unsere Worte nützen und niemandem schaden. Wenn ich darauf achte, dass ich niemanden kränke, sei er nun anwesend oder zufällig nicht. Vielleicht könnten wir eine ganz neue Lebensqualität gewinnen, wenn wir damit anfangen, gut zu reden über unsere Mitmenschen, auch über die, die uns nicht so sympathisch sind. Unser Reden über Andere kann auch uns verändern, wenn es uns hilft, das Gute in allen Menschen zu sehen. 

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