Nervensägen

Liebe Gemeinde,

es war einmal ein Richter. Durch und durch verdorben. Sein eigener Vorteil war die Richtschnur aller seiner Urteile. Wenn eine Gerichtsverhandlung angesetzt war, dann konnte man am Abend vorher beobachten, wie die Kläger und Beklagten heimlich im Schutz der Dunkelheit das Haus des Richters aufsuchten. Und wenn man dann einen Blick durch die Ritzen der Fensterläden geworfen hätte, dann hätte man pralle Geldbeutel über den Tisch wandern sehen. Und am nächsten Morgen bekam prompt nicht der Recht, der recht hatte, sondern der, der dem Richter das meiste Geld geboten hatte. Das war schon ein Elend in jener Stadt! Denn wer dem Richter nichts bieten konnte, der konnte ewig auf seinen Prozess warten. Kein Wunder, dass es einen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit gab in jener Stadt. Besonders natürlich in dem Viertel, in dem die Zukurzgekommenen hausten, die Sklaven und Leibeigenen, die kinderreichen Tagelöhner, die Waisenkinder und Witwen. Die Instrumente des Rechtsstaates sind da. Prozesse finden statt. Es gibt Gerichte, an die man appellieren kann. Aber die Praxis sieht anders aus. Verfassung und Verfassungswirklichkeit klaffen auseinander, würden wir heute sagen: nicht das Recht, das Kapital ist König!

Es war einmal eine Witwe in jener Stadt. Die brauchte dringend Recht. Vielleicht rückten die reichen Brüder ihres verstorbenen Mannes das Erbteil nicht heraus, das ihr zustand. Vielleicht zahlte ein einflussreicher Schuldner nach dem Tod ihres Mannes den ihr zustehenden Lebensunterhalt nicht aus. Und dann hatten sie und ihre acht oder zehn Kinder jeden Tag Hunger. Dem korrupten Richter konnte sie nichts bieten. Sollte sie sich abfinden mit dem Unrecht?

Als der Richter im Tor Platz nimmt, um wie immer das Recht der Reichen zu sprechen, da drängelt sich zwischen all die gutgekleideten Herrschaften dieses schwarz verschleierte Weiblein und ruft: „Verschaffe mir Recht!“ Doch die Gerichtsdiener kommen und packen sie und drängen sie hinaus. Und als der Richter am nächsten Morgen aus der Türe seines Hauses tritt, da sitzt da auf seiner Schwelle diese Witwe und macht ein Sit-in und sagt: „Verschaffe mir Recht!“ Aber der Richter steigt über sie hinweg. Und als nachmittags der Richter auf der Prachtstraße der Stadt flaniert und alle ehrenwerten Bürger ehrfurchtsvoll und ängstlich ihren Hut ziehen, da tritt ihm die Witwe mit einem selbstgemalten Plakat in den Weg, auf dem steht: „Verschaffe mir Recht!“ Und abends klopft es an seine Fensterläden und ruft: „Verschaffe mir Recht!“ Und frühmorgens wird er geweckt vom Ruf der Witwe: „Verschaffe mir Recht!“

Und dann passiert das Unglaubliche. Der ungerechte Richter setzt den schon lange fälligen Prozess an und verschafft der machtlosen Witwe Recht. Zum ersten Mal in seinem Leben hat der ungerechte Richter Recht gesprochen. Und seine Frau sagt: „Nanu, hast Du Dich bekehrt? Achtest Du plötzlich die Gebote Gottes? Nimmst Du plötzlich Rücksicht auf die Leute und auf Deinen Ruf?“ – „Nein, nein“, sagt da der Richter zynisch grinsend, „Keine Angst! Ich bleibe, wie ich bin.“ Und bei sich dachte er: „Ich habe auch jetzt nur meinen Vorteil im Sinn. Diese Witwe geht mir auf den Wecker. Ich habe ja keine ruhige Minute mehr. Ich habe ihr Recht verschafft, damit sie nicht am Ende noch kommt und mir die Augen auskratzt oder mich in die Nase beißt.“ (erzählt nach Rainer Stuhlmann, GPM, 3/1995, Heft 3, S. 420 f.)

Was für eine Geschichte, die Jesus da erfindet, um uns vom Himmelreich zu erzählen! Ähnlichkeiten mit heute lebenden Personen und Verhältnissen sind beabsichtigt und alles andere als zufällig. Was soll man tun, wenn man von Leuten regiert wird, die sich nicht zuerst an dem orientieren, was richtig und falsch ist, sondern vor allem daran interessiert sind, ihre Macht zu erhalten oder Kasse zu machen? Ihre Entscheidungen sind vor allem von Risikofolgeabschätzungen geprägt und nicht von Gerechtigkeit. Jesus schreckt nicht einmal vor dem Risiko zurück, dass wir bei diesem korrupten Richter an Gott selbst denken könnten.

Warum aber auch nicht? Wer von uns hat noch nicht daran gedacht, dass mit Gottes Regiment über diese Welt etwas nicht stimmen könnte? Der liebe Gott ist im Himmel und auf dieser Welt gibt es Leid und Ungerechtigkeit im eigenen Leben und in der nahen und fernen Nachbarschaft. Das schreit zum Himmel. Und dieses Geschrei stellt uns Jesus als Vorbild hin.

Lerne leiden, ohne zu Klagen? Davon hält Jesus nichts. Er präsentiert uns eine Nervensäge als Vorbild des Glaubens. Glauben heißt: Gott auf den Wecker gehen! Glauben heißt: Gott keine ruhige Minute gönnen. Glauben heißt: Sich nicht abfinden mit Unwahrheit und Ungerechtigkeit. Dem Glauben bleibt die Gleichgültigkeit verwehrt, die wir so gerne mit Toleranz verwechseln. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Leben und leben lassen. Alles und jeden gelten lassen. Jedem seine Meinung. Diese obersten Gesetze des heute politisch Korrekten sind in der Bibel nicht zu finden.

Hier gilt schon eher, was der bekannte Ausspruch Martin Luthers empfiehlt: „Iss, was gar ist, trink, was klar ist, red, was wahr ist.“ Wahrheit und Gerechtigkeit sind keine Demokraten. Sie gehen auf den Wecker. So wie die Diskussion um die Dr. Dietlein-Straße in Hof inzwischen vielen Hofern auf den Wecker geht. Lasst das alte Zeug ruhen, sagen sie. Es gibt Wichtigeres. Aber die Frage bleibt: Können wir heute einen Hofer Archivar und Pfarrer mit einem Straßenschild als Vorbild ehren, der im Vorwort zum Band 1 seiner Stadtchronik aus seiner Nazigesinnung keinen Hehl machte und unverblümt schrieb: „Unsere Heimatstadt kann sich rühmen, an der Begründung des Reiches Hitlers tätigsten Anteil genommen zu haben. Aus der roten Hochburg ward ein starkes, unerschütterliches nationalsozialistisches Bollwerk.“ Gott sei Dank, sagen wir heute, ist unsere Stadt das nicht mehr! Die Antwort auf diese Frage, ist deshalb keine Frage der Demokratie, sondern eine Frage der Wahrhaftigkeit und Verantwortung beim Umgang mit der eigenen Stadtgeschichte und mit der eigenen Kirchengeschichte. Wo es um Wahrhaftigkeit. Gerechtigkeit und Verantwortung beim Umgang mit der eigenen Geschichte geht, haben andere Gründe wie Geld und Unannehmlichkeiten nicht das Geringste verloren. Andernfalls würden wir ja sein, wie der Richter im Gleichnis, bei dem dort, wo Gewissen, Herz und Verstand sein sollten, der Geldsack hängt. Schon wahr, es fällt schwer, sich der Wahrheit zu stellen. Es nervt. Es verlangt, lieb gewordene Vorstellungen und Erinnerungen zu korrigieren. Und das fällt der Christengemeinde so schwer, wie der Bürgergemeinde.

Aber gerade solche Konflikte beschreiben, worum es im Gleichnis Jesu geht. Eine Christenheit, die sich einrichtet und abfindet, und für alle und jeden und für alles und jedes anschlussfähig ist, hört zu allen Zeiten auf, Salz und Licht der Welt zu sein. Christliche Verkündigung, die nicht mehr auf den Wecker geht und nervt, hört auf, frohe Botschaft zu sein. Und sie beleidigt den Gott, von dem Jesus predigt: Wenn selbst ein so verkommener Richter, wie der im Gleichnis, schließlich Recht spricht, wieviel mehr dann Gott im Himmel. „Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.“ Der Lüge, der Ungerechtigkeit, der Unwahrheit, dem Leid und dem Tod und all seinen Handlangern auf dieser Welt sind von Gott die Termine gesetzt.

Das ist die große Ermutigung, die Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gibt. Sie sollen Gott auf den Wecker gehen mit allem, was auf dieser Welt sowieso zum Himmel stinkt und schreit. Gott kann gar nicht weghören und wegsehen. Wer aber so das Elend dieser Welt vor Gott bringt, kann sich mit diesem Elend auch auf dieser Welt nicht abfinden und aufhören, es zu benennen und sich um Abhilfe zu bemühen. Auch das, sagt Jesus, ist nicht umsonst. Unsere Welt braucht den Christenmenschen nicht als frommen Grüßaugust sondern als Nervensäge. Darauf sagen wir: Amen.

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