Namenswechsel

Liebe Gemeinde,

wir stehen auf der Schwelle zu einem neuen Jahr. Gekoppelt ist das bei vielen Menschen mit dem Vorsatz, etwas zu verändern, an sich selbst, alten Gewohnheiten, an Dingen, die einen schon lange gestört haben. Vielleicht wissen Sie ja noch, was Sie sich letztes Jahr vorgenommen hatten? Und was davon geklappt hat und was nicht. Es gibt Dinge, die man selbst ändern kann: Die Tapete abreißen, die einen schon so lange stört, die Papiere in Ordnung bringen oder auch, einen Schlüsselpieper zu kaufen, damit man nicht dauernd in schweißtreibende Situationen gerät. Anderes ist nicht so leicht: Das mit dem Rauchen mag ja noch zu schaffen sein, ein paar Kilo abnehmen auch. Aber „Im neuen Jahr höre ich auf zu trinken“, das wird jemand, für den Alkohol ein Problem ist, mit Sicherheit nicht ganz alleine schaffen, da braucht man zuverlässige Partner, denen man auch sein Problem anvertrauen kann und die sachkundig sind.

Änderungs-Vorsätze von dieser Art gibt es mehr als man denkt – und so ein Jahreswechsel kann auch dazu gut sein, dass man darüber nachdenkt, ob man sich mit seinen Vorsätzen nicht Jahr für Jahr überfordert.

Es ist eine verschwindende Minderheit von Menschen, die sich dazu entschließt, um Gottes Hilfe für ein neues Jahr zu bitten. Das fordert dazu heraus, still zu werden und in sich hineinzusehen, anstatt sich mit Knallern und Böllern Erleichterung zu verschaffen, finanziell und psychisch. Ich freue mich, dass Sie heute hierher gefunden haben.

Unter einigen Texten, die für eine Betrachtung heute vorgeschlagen waren, habe ich mich für den entschieden, der zum Fest der Namensgebung und Beschneidung Christi vorgesehen ist. Wir hören heute die Geschichte von einem, für den sich noch im hohen Alter Entscheidendes geändert hat. Allerdings hatte er einen wirklich starken und zuverlässigen Partner an seiner Seite:

[TEXT]

Da bekommt dieser Abram doch mit 99 Jahren noch einen neuen Namen, „Vater der Völker“ heißt er auf einmal. Das ist gewöhnungsbedürftig.

Ich möchte von meinem Vater erzählen, der erst 85 Jahre alt ist. Er wurde auf den Namen Johann Gottfried getauft, und als jüngstes von fünf Kindern war er für alle „Hans“. In der Dorfschule gehörte er nicht gerade zu den Spitzenschülern, aber so als Hans fiel er auch keinem weiter auf. Als er 13 war, bekam er einen neuen Lehrer. Der nannte ihn auf einmal Gottfried. Und mein Vater wurde binnen Kurzem zum Klassenbesten. Er erlaubte auch seinen Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter nicht mehr, ihn Hans zu nennen. Und bis heute ist mein Vater, der sich später auch in der Kirche vielfältig engagiert hat, im Gemeindekirchenrat und als Graphiker, überzeugt, der Namenswechsel sei die Ursache dafür gewesen, dass er plötzlich Lust bekam, seine Begabungen zu entdecken. „Gottfried“ war ihm eine Herausforderung.

In der Bibel gibt es viele Geschichten, in denen der Namenswechsel dazu führt, dass Menschen ihre Fähigkeiten entdecken, auf die sie Gott in einem beziehungsvollen Namen hinweist. Das fängt bei Abraham an, setzt sich fort bei Jakob, der dann Israel heißt, wir denken aber auch an zwei Apostel, denen Jesus einen neuen Namen gibt. Der eine begegnet uns in der Jahreslosung 2005: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“, sagt Jesus zu Simon, dem Jünger, der ihn gleich verleugnen wird. Simon, dieser Jünger, dem wir alle so ähnlich sind in unserer Begeisterungsfähigkeit, unserer Selbstüberschätzung und unserer Voreiligkeit, aber auch in unserer Feigheit, Simon wird bald den Namen „Petrus“ erhalten oder „Kephas“, was „Fels“ bedeutet. Jesus gibt dem Simon eine Hilfe mit diesem Namen. Nun weiß er, was Gott von ihm hält. Er baut auf ihn. Aus Saulus, der so stolz war, dass er endlich die Erlaubnis bekam, eine Christenverfolger-Truppe zu leiten, er, der bei der Steinigung des Stephanus noch die Mäntel halten muss, wird „Paulus“, der „Kleine“ – ihm, dem jüdischen Gelehrten, wird klar, dass er in Glaubensdingen noch ein Anfänger ist.

Immer wieder erleben wir es, dass Gott so eingreift in das Leben von Menschen, dass sie fähig werden, Kräfte zu entwickeln, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten. Gott kennt die Menschen genau, er weiß, wie sie sind, wie wir sind – sie und ich. Immer wieder voller guter Vorsätze und immer wieder zu schwach, sie durchzuziehen. Aber wie nun – sollen wir nun alle warten, bis uns Gott einen neuen Namen gibt? Oder umgekehrt: Können wir sagen: Ich habe ja als die, die ich bin, sowieso keine Chance, meine Schwäch ist angeboren, ich kann nicht aus meiner Haut. Ich als Hilde Müller, als Karl Meier bin eben so und so, wie sollte Gott mit mir etwas Besonderes vorhaben?

Wir brauchen unsere Namen nicht mehr zu ändern, wir sind schon ausgesucht, wir sind getauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, mit jedem von uns hat Gott schon einen Bund geschlossen, damals, als er seinen Sohn hat Mensch werden lassen. Er will unser Gott sein, immer wieder. Auch dann, wenn wir ihn manchmal nicht spüren oder nicht erkennen, auch dann, wenn wir ihn verraten, verleugnet und auch vergessen haben. Er ist da. „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre“, das sagt Jesus zu jedem von uns und darauf können wir uns verlassen. Auch dann, wenn wir wieder einmal denken, unsere Kräfte reichen nicht aus, um das zuwege zu bringen, was wir uns vorgenommen haben.

Es muss ja auch nicht unbedingt ein neuer Name sein, der kenntlich macht, dass sich jemand vorgenommen hat, seinem Leben eine neue Wendung zu geben. Aber ein sichtbares Zeichen ist schon nötig und auch hilfreich, den Vorsatz durchzuhalten. Klar, wenn Menschen heiraten oder auch, wenn sie in einen Orden eintreten, dann wechseln sie den Namen, die einen, weil sie auch der Umwelt ein Zeichen dafür setzen wollen, dass sie nun einen gemeinsamen Weg mit einem anderen Menschen gehen wollen, die anderen, weil sie nun – ähnlich wie Abraham oder Paulus, zu ihrem Bund mit Gott stehen wollen. Entschiedene Christen kleben sich manchmal einen Fisch aufs Auto. Sie sind damit bereit dazu, Auskunft darüber zu geben, wofür der Fisch steht. Nicht für Angelsportverein, sondern für Jesus Christus, den Sohn Gottes und unserem Erlöser.

Manchmal hilft mir so ein Blick auf diesen Fisch – ich habe ihn auch als Schlüsselanhänger – nicht gleich loszufluchen, wenn was nicht klappt, sondern kurz innezuhalten und nachzudenken, was sich alles zum Segen gewendet hat in meinem Leben. Und manchmal, wenn ich richtig Angst habe, vor einen schwierigen und wichtigen Gespräch, vor einer Entscheidung, dann halte ich mich fest an dem kleinen Goldkreuz an meinem Hals, das ich auch nachts nie ablege. Und ich denke daran, dass es einen gibt, der durch alle Schwierigkeiten durchgegangen ist, der alle menschenmöglichen Qualen und Leiden kennt.

Meistens lasse ich das Kreuz nicht groß heraushängen, aber es gibt Situationen, wo ich es bewusst unter dem Pullover hervorkrame und eindeutig sein will, ohne große Worte zu machen. Ich meine, niemand würde sich wundern, wenn ein Pastor mit einem Kreuz herumläuft, es gehört mehr oder weniger zu seinem Handwerkszeug. Und kaum jemand wird in seiner Gegenwart abfällig über Kirche reden. Aber bei einem Journalisten, einem Handwerker, einem Fließbandarbeiter, einer Kellnerin sieht das anders aus. Ich bin, das wissen Sie, noch nicht lange hauptberuflich im kirchlichen Dienst. Und ich habe ziemlich deutlich zu spüren bekommen, wie anders die Leute über Glauben und Christen reden, wenn sie keinen „Kirchenmenschen“ in ihrer Umgebung vermuten. Da hat es mir oft geholfen, dieses kleine Symbol deutlich zu zeigen, um selbst wieder daran zu denken, dass ich mich nicht zu verstecken brauche. Es hat mich mehr als einmal davor bewahrt, Jesus zu verleugnen oder zu verraten, meinen Glauben, der ja zu mir gehört – und damit auch ein Stück von mir selbst.

Gott seinerseits hat ja auch bestimmte Zeichen seines Bundes mit uns ausgemacht. Das sehen wir bei jedem Regenbogen, der uns sagt: Gott wird diese Welt nie mehr vernichten, das sehen wir aber auch dann, wenn wir Brot und Wein miteinander teilen. Dann wissen wir, er ist mitten unter uns Wir feiern in diesem Gottesdienst gemeinsam Abendmahl …

<i>[Es folgt offene Schuld und Überleitung zum Abendmahlsteil.</i>

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