Nahrungsüberschuss – trotzdem Hunger in der Welt

Liebe Gemeinde!
Die Wunder Jesu: Die bekanntesten sind wahrscheinlich Wasser zu Wein, übers Wasser laufen, die Geschichte mit den Broten und den Fischen.

Hören wir eine seltsame Geschichte:
Zu der Zeit, als wieder eine große Menge Essen da war und sie keine Hungrigen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: „Mich jammert, dass die ganze Nahrung nun schon drei Tage bei uns ist, und wir haben keine Esser. Und wenn ich sie verderben ließe, würde alles weggeworfen.“ Seine Jünger antworteten ihm: „Woher nehmen wir Leute hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“ Und er fragte sie: „Wie viele Leute habt ihr?“ Sie sprachen: „Sieben“.

Und er gebot den Leuten, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die 4000 Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter den Leuten aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen, und nichts blieb übrig. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, nur sieben Krümel. Und er ließ sie gehen.

Das wäre doch mal ein Wunder, aber total unglaubwürdig! Wie soll das gehen? Sieben Leute essen 4000 Brote und dann auch noch Fische dazu?

Auf die Idee muss erst mal einer kommen, dass das alles aufgegessen und nichts weggeworfen wird. Bei uns ist das ja völlig normal, dass Unmengen an Esswaren vorhanden sind.

Allein in Deutschland landen pro Jahr rund 13 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll. Gastronomie, Landwirtschaft und Co. sind da schon mit drin. Allerdings, Privathaushalte machen den Hauptanteil aus.

Pro Person landen, pro Jahr, rund 85 Kilogramm Essen im Müll. Das kostet rund 235 Euro pro Person. Deutschlandweit sind das bis zu 21 Milliarden Euro durch Lebensmittelverschwendung. Alles ganz legal.

Was hingegen strafbar ist, ist das sogenannte „Containern“. Das Retten und Weiterverwenden von Weggeworfenem. Deshalb bleiben besagte 85 Kilogramm Lebensmittel im Müll. Das wäre ein Wunder, wenn das auf einmal jemand verbrauchen würde.

Wobei, Interessenten gäbe es zu Hauf. Viele tausend Menschen leiden Hunger. Alleine mit dem was weggeworfen wird, würden alle Hungernden der Welt satt werden. Es ist eine Schande, dass wir es nicht hinbekommen Lebensmittelüberschüsse sinnvoll und gerecht zu verteilen.

Mir ist unbekannt, ob es bei ihnen die Sitte des Tischgebets gibt? Vor dem Essen zu danken, für die Nahrung auf dem Tisch. Gibt es mittlerweile Familien, die nach dem Essen beten? Vielleicht sogar um Vergebung bitten für das, was übrigbleibt. Aber heute ist nicht Buß- und Bettag, sondern Erntedank.

Allerdings, die Geschichte, die ich eben vortrug, war nicht aus der Bibel. Das Original, wie es im Markusevangelium im 8. Kapitel steht, haben wir in der Evangelienlesung gehört: „Die Speisung der 4000“.

Eins fällt mir an dieser Geschichte spontan auf: Niemand wundert sich! Keine einzige Person, der 4000 Leute, ist „erstaunt“. Sie wird so erzählt, als wenn das, was Jesus tut, das Normalste der Welt wäre.

Vielleicht war dem Erzähler etwas anderes wichtiger, als die Verwunderung der Menschen. Aber was? Oder anders gefragt: „Wo ist das Wunder?“

Ein zweites fällt mir auf: Im ersten Kapitel des Markusevangeliums lehnt Jesus ab, aus Steinen Brot zu machen. (Mk 1,12.13) Ausführlich wird es bei Matthäus im vierten Kapitel (4,1–11) beschrieben. Der Teufel hatte ihn entsprechend herausgefordert. Und er bekam von Jesus zur Antwort: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.“ (Mt 4,4)

Der Predigttext heute, hat eine ganz andere Ausgangssituation. 4000 Menschen folgen Jesus seit drei Tagen und sind entsprechend ausgehungert. Da zeigt sich: Der Mensch kann doch nicht von Gottes Wort allein leben, Brot braucht er auch. Und Gott gibt es ihm.

In der Wüste aus Steinen Brot machen. Was für eine fragwürdige Machtdemonstration. Deswegen ließ sich Jesus nicht darauf ein. Aber hier, angesichts von 4000 Ausgehungerten ist es keine Machtdemonstration, sondern Barmherzigkeit.

In der Wüste hätte niemand die Brote gebraucht; es war ja keiner da. In der heutigen Geschichte hätten es auch 40.000 sein können. Der Brotvorrat wäre unerschöpflich gewesen.

Meine Frage war, „Wo ist das Wunder?“ Wenn ich weit zurückdenke scheint es dies zu sein, wir Menschen leben und haben genug zum Leben. Gott lässt wachsen und gedeihen. Dabei ist es wichtig, nicht die Bodenhaftung zu verlieren.

Hier droht Gefahr. Es könnte uns gehen, wie dem Pfarrer der einen Bauern besucht. Zusammen gehen sie über Hof und Felder. Der Pfarrer schwärmt und mahnt unablässig, dass das alles von Gott kommt:
„Siehst du, lieber Bauer, deine Felder: Alles stammt von Gott.“ „Guck doch mal, dein Vieh und deren Nachkommen: Alles Gottes Werk.“ „Dein Hof, mit all den Scheunen und Gebäuden, alles von Gott gegeben.“
Irgendwann wird es dem Bauern zu blöd und er sagt zum Pfarrer: „Sie hätten hier mal vor ein paar Jahren vorbeikommen sollen, wie es hier aussah, als Gott hier noch alleine gearbeitet hat.“

Bodenhaftung verliert sich schnell, wird Gott größer gemacht und der Menschen kleingeredet. Das ist nicht Erntedank. Es hilft aber auch nichts, auf der anderen Seite vom Trecker zu fallen. Denn, wer das Danken vergisst, schneidet sich selbst von der Quelle allen Lebens ab.

„Vergiss nicht zu danken“ dieser Satz wird Kindern immer wieder vorgehalten. Wenn du etwas bekommst, sag fein artig: „Danke“. Im Prinzip ist das ja nicht verkehrt, sondern eine schöne, gesellschaftliche Konvention. Eben: „Höflichkeit“. Es sollte automatisch und ganz schlicht passieren, mich zu bedanke. Denn alles ist dankenswert, nichts ist selbstverständlich. Allerdings, bei Nichtnutzung verlernt der Mensch es sehr schnell. Oftmals nehmen wir die Wohltat nicht mehr wahr oder empfinden sie als „mein Recht“. Aber selbst das sollte mich nicht am Danken hindern.

Kinder haben ein Recht darauf, dass ihre Mütter sich um sie kümmern, und sie sehen es als selbstverständlich an. Das soll auch so sein! Und trotzdem gibt es den Muttertag, wenigstens einen Tag im Jahr, an dem das ausdrücklich Thema ist. Dankbar sein für das, was selbstverständlich ist und mein Recht.

Satt werden ist ein Menschenrecht. Selbstverständlich ist es leider nicht, aber das könnte unmittelbar mit fehlendem Dank zu tun haben. Wir haben genug und Gott gibt genug. Wir bekommen es nur nicht hin, alles gerecht zu verteilen. Wenn ich aber für etwas Dankbar bin, dann landet es nicht ungenutzt (bzw. ungegessen) in der Mülltonne.

Ein Tag wie der Muttertag kann uns sichtbar machen, wie wichtig dieser Mensch für uns ist und was er schon alles für uns getan hat. Geburtstage können auch diesen Effekt haben. Vielleicht auch das Erntedankfest.

Das Geniale daran: Wir müssen niemandem was schenken, höchstens jeder und jede sich selbst. Indem wir einen Moment Pause machen, staunen angesichts der Fülle und sie genießen. Ich kann dann gar nicht anders als, mit einem freundlichen Blick nach oben, zu nicken.

Wo ist das Wunder in der Bibelgeschichte, die wir gehört haben? Dass keiner der 4000 „Danke“ sagt? Ist das „Normal“?
Dass genug für alle da ist? Ist das „Normal“?
Dass Jesus das Wohlergehen aller Menschen im Blick hat, nicht nur seiner Gläubigen? Die Bibel ist voll von solchen Aspekten. Wo ist das Wunder?

Der Friede Gottes, der uns versorgt und erhält, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Sebastian Kuhlmann.)

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen