Nähe und Distanz

Und auf einmal war Jesus verschwunden! Gerade eben noch hatten wir, seine engsten Freunde, mit ihm geredet und einen Augenblick später war er nicht mehr da. Wir alle hatten den Eindruck, er sei zum Himmel aufgefahren.

Ist schon wahr, dass das in euren Ohren ein wenig seltsam klingen mag. Aber ich versichere euch: während ich mit diesem Menschen, der sich Jesus von Nazareth nannte, fast drei Jahre lang herumgereist bin, habe ich einige sehr wunderliche Dinge erlebt. Das Unglaublichste dabei war seine Auferstehung. Drei Tage waren es hergewesen, dass sie ihn an Kreuz genagelt und begraben hatten. Und auf einmal war er wieder da. Unfassbar!

Und jetzt – kurze Zeit später – haben wir schon wieder etwas ungeheures mit ihm erlebt. Also, ich muss sagen, wir waren ganz perplex und vor den Kopf gestoßen, als das passierte. Wir standen da, haben in den Himmel gestarrt und von dem, was um uns herum geschah, nichts mehr mitgekriegt. Wie Hans-guck-in-die-Luft sahen wir nur noch nach oben … alles andere wurde uns unwichtig!

Ich weiß nicht mehr, wie lange unser völlig aus der Welt gerückte, im wahrsten Sinne des Wortes verrückte Zustand angedauert hat. Aber auf einmal waren dort zwei Menschen, die uns aus unserer Lethargie herausgerissen haben. Wir kannten sie nicht, aber sie hatten ein sehr beeindruckendes Auftreten und wir vertrauten ihnen sofort.

Sie haben uns daran erinnert, dass es keinen Sinn macht, in dieser sicher ehrfürchtigen, bewundernden aber zugleich weltfremden Haltung zu verharren. Ganz im Gegenteil! Jesus, so sagten sie, würde irgendwann zurückkommen und es gäbe bis dahin noch eine Menge zu tun für uns, um die Welt auf seine erneute Ankunft vorzubereiten. Wir sollten uns gefälligst aufmachen, um allen, denen wir begegnen würden, zu erzählen, dass sie eingeladen sind, sich auf diesen Tag zu freuen …

Das haben wir dann auch so gemacht. Allerdings war das nicht so einfach. Jedes Mal, wenn z.B. ich, Andreas, von Jesus erzählte, haben die Leute mich gefragt, was denn diese Himmelfahrt bedeuten solle? Irgendeinen Sinn muss sie doch machen, so eine phantastische Geschichte. Sonst kann man mit ihr ja gar nichts anfangen.

Eine berechtigte Frage, sagte ich mir. Selbst ich, der ich das ja miterlebt habe, habe sie mir nicht selten selbst gestellt. Was bedeutet das: Jesus ist zum Himmel aufgefahren? Was heißt das, Gott hat ihn zu seiner Rechten gesetzt?

Ich habe ja die Erfahrung gemacht, das letztendlich jede und jeder selbst eine Antwort darauf finden muss. Aber die Gedanken, die man sich schon gemacht hat, die sollte man austauschen, das kann nie schaden. Also, mit eurer Erlaubnis, würde ich euch gerne meine Ideen dazu erzählen und vielleicht habt ihr ja bei der ein oder anderen Gelegenheit ja auch Lust, mir eure mitzuteilen.

Also, ich glaube ja, dass Gott, seitdem er die Welt ins Leben gerufen hat, ganz nah bei den Menschen sein wollte. Er hat uns als Partner geschaffen, er wollte uns von Angesicht zu Angesicht begegnen. Mir gefällt das Bild, das die alten Schriften dafür verwenden, ja so sehr: Gott, wie er abends durch den Garten spazieren geht und die kühle Luft genießt, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass ja jemand im nächsten um die Ecke biegen und ihm begegnen könnte. Doch das scheint ihn nicht sonderlich beunruhigt zu haben.

Aber, der Mensch konnte diese Nähe nicht ertragen, übrigens: auch heute ist er nicht fähig dazu. Warum, weiß ich nicht. "Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde", steht da ja irgendwo auch geschrieben. Vielleicht ähneln sich Mensch und Gott ja zu sehr, obwohl sie doch auch so verschieden sind. Es stimmt ja: um sich mit jemandem vernünftig unterhalten zu können, brauche ich einen Gegenüber, der mir gleicht, also in dem ich mich auf der einen Seite wiedererkennen kann und der doch auf der anderen Seite ganz anders ist als ich. Ansonsten ist ein sinnvolles Gespräch, eine wirkliche Kommunikation ja nicht möglich.

Aber genau das will Gott ja! Eine echte Kommunikation und damit eine wirkliche Gemeinschaft mit uns. Und jedes Mal, wenn der Mensch versucht, genau wie Gott zu sein, da setzt er die Beziehung zu ihm aufs Spiel. Deshalb vertreibt Gott ihn auch immer wieder aus dem Paradies: nicht, weil er den Menschen bestrafen will, sondern vielmehr um die Gemeinschaft zu schützen, das Gespräch mit ihm aufrechterhalten zu können.

Na, wie dem auch sei, jedenfalls sucht Gott seit Menschen gedenken die Nähe zu seinen Geschöpfen und was machen wir, wir suchen das Weite, die Distanz! Und wir sind mit der Zeit dabei sehr erfinderisch geworden, wenn es darum geht, Gott nicht zu nah an unser Leben heranzulassen! Ich möchte hier nicht alles aufzählen, das würde den Rahmen dieser Versammlung sprengen, aber von einem geradezu genial-gemeinen Coup des Menschen möchte ich doch erzählen.

Er sagte sich nämlich: "Ich werde Gott so sehr verehren, dass er für mich unerreichbar wird. Ich mache ihn so groß, so erhaben, so übernatürlich und mit alldem mir so unähnlich, kurz: ich lasse ihn mir so fremd werden, dass Gott sich kaum noch wiedererkennen wird und ich mit ihm nichts mehr zu tun haben brauche."

Und so lobte man Gott so weit weg, dass niemand mehr den Mut aufbrachte, ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu treten und in die Augen zu schauen. Das fand er nun wieder so dumm und es machte ihn dermaßen traurig, dass er noch einen letzten Versuch startete, sich den Menschen zu nähern. In Jesus hat er noch einmal klar machen wollen, dass er eben nicht der große, übermächtige Gott sein will, sondern jemand, der ganz einfach mitten unter uns wohnen und unser Nachbar werden möchte.

Auch diesen Plan haben die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu durchkreuzen versucht. Jesus musste deshalb elendig sterben. Und mit dem Stein, den man dann vor dieses Loch rollte, haben alle gedacht – auch wir, seine Freunde -, Gott endgültig und ein für allemal los zu sein.

Aber: dieses Mal sind sie gescheitert – auch ein für allemal! Denn Gott hat Jesus aus diesem Loch geholt und ihn zu seiner Rechten geholt, was ja nichts anderes bedeutet als: unmittelbar in seine Nähe. Gott hat nicht zugelassen, dass diese endgültige Trennung vollzogen würde. Denn, ich erinnere mich, dass Jesus einmal gesagt hat, dass er nur der erste sein wird und dass wir ihm alle irgendwann einmal folgen würden. Damals habe ich das nicht verstanden und ich glaube, die anderen alle auch nicht. Aber jetzt kann ich etwas damit anfangen.

Gott sagt uns: "Ihr seid nicht fähig, meine Nähe zu Ertragen – ich aber bin nicht fähig, eure Ferne zu ertragen. Uns beiden tut das weh. Und immer wieder bekommen wir das zu spüren. Aber dieser Zustand wird nicht ewig dauern."

Also: die Himmelfahrt Jesu, für mich bedeutet sie: Gott und Mensch können sich wieder ohne Umstände begegnen und sie machen gemeinsam einen neuen Anfang mit dieser Welt.

Leider vergessen die Menschen das sehr oft und machen aus der Rückkehr Jesu einen Tag, vor dem man sich fürchten muss. Dabei ist es ganz einfach und schön zugleich: Gott wird wieder in seinem Garten spazieren gehen – und wir werden wieder um die Ecke biegen dürfen.

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