Nachkommen

Liebe Gemeinde,

den Predigttext haben wir vorhin als Lesung aus dem AT gehört. Beim Propheten Jesaja steht dieses Lied aus alter Zeit. Das letzte von 4 Liedern, das über den Knecht Gottes aufgeschrieben ist. Ein langer Text, ein schwerer aber auch gewichtiger Text für unseren christlichen Glauben. Lange Zeit vor Jesus aufgeschrieben, erkennen wir dennoch Jesus, auch wenn er damals sicher nicht gemeint war. Heute am Karfreitag, wo wir an das Leiden und Sterben Jesu denken, ist uns dieser Text vorgeschlagen und so wollen wir ihn denn auch auf Jesus hin hören und verstehen. Einige Verse aus diesem Lied möchte ich mit Ihnen bedenken, damit wir darin erkennen können, wer Jesus für uns ist. Die Frage sollten wir uns jeder für sich ganz persönlich stellen: Wer ist Jesus für mich? Und: Warum starb er für mich?

Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? – so beginnt das Lied über den Knecht Gottes und erinnert uns an eine Feststellung des Paulus, der gesagt hat: Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit (Dummheit) denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. – Und so ist wohl bis heute geblieben. Den einen ist der Glaube an den gekreuzigten, leidenden Jesus unverständlich. Sie können nicht verstehen, warum Jesus leiden und sterben musste. Warum sollte jemand stellvertretend für uns leiden und sterben, warum sollte Gott ein solch schlimmes Menschenopfer bringen.

Und dann wird gerne auf die Deutung vom unschuldigen Leiden Jesu zurückgegriffen. Das ist verständlicher, weil es millionenfach in der Welt geschieht und Gott hat sich dann durch Jesus darin eingereiht. Gott ist einer unter vielen geworden und solidarisiert sich mit allen leidenden Menschen. – sicher ist das eine Möglichkeit und eine tröstliche dazu. Wissen wir doch durch Jesus, dass Gott an unserem Leiden teil hat und uns verstehen kann, wenn uns etwas zu schwer wird. – Aber wie bei vielen Dingen ist es nur eine Seite – die Bibel bietet auch andere Erklärungen, die uns kaum verständlich sind oder uns sogar angreifen, uns jedenfalls nicht die Ruhe lassen, die wir uns so gerne vom Glauben wünschen. Er schoß auf … wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich – steht bei Jesaja. Das kennen wir von Weihnachten, erinnert an den neugeborenen Jesus, den wir vor unserem inneren Auge immer im Stall in der Krippe liegen sehen und auch noch niedlich und gemütlich finden und gar nicht gerne daran erinnert werden, dass bereits da die Passion Jesu beginnt.

Er hatte keine Gestalt und Hoheit – heißt es weiter, dabei stellen wir uns Jesus immer als hübschen langhaarigen bärtigen jungen Mann vor, der den typischen sanften Jesusblick hat. – Da geht es unseren russisch orthodoxen Glaubensgeschwistern anders. Sie stellen sich Jesu klein, hässlich und verwachsen vor, in ihrer Vorstellung ist er ein Krüppel, mit einem zu kurzen Bein. So hat das russisch orthodoxe Kreuz hat drei Querbalken. Am größten wurden Jesus die Hände angenagelt, darüber auf einem kleineren steht das Urteil (INRI) und unten gibt es einen weiteren, an dem die Füße festgenagelt sind und der ist schräg, weil Jesus ein zu kurzes Bein hat. Man beruft sich als Begründung auf dies Jesajastelle und nimmt es ernst, dass vom Gottesknecht gesagt wird: da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

Und nicht nur das, das man ihn hässlich fand, nein aus seinem Aussehen wird dann auch noch geschlossen, dass er von Gott verflucht ist: Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. – Was stecken hinter diesem Satz für Vorstellungen, die teilweise bis heute vertreten werden. So wurde behauptet, das Leiden immer eine Strafe Gottes sei und nur den trifft, der gottlos ist – heute wird sogar von Christen behauptet: Leiden sei nicht Gott gewollt und niemand, der richtig an Gott glaube würde zu leiden haben. Wie schnell wird da verkehrt geurteilt, damals wie heute. Gottes Weg geht anders, als wir es denken oder gar bestimmen wollen – und doch lässt Gott seinen Weg durch uns bestimmen und gerät dadurch ins Leid – wird sogar umgebracht, weil er seinen Weg durch uns bestimmen lässt.

Zum Glück, geht Gottes Weg anders, denn obwohl durch unsere Schuld ins Leiden gestürzt – aber wer glaubt es, dass es durch unsere Schuld geschieht – durch unsere Schuld ins Leiden gestürzt, trägt er auch noch gleich die Strafe, die wir dafür bekommen müssten: Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt – sagt es Jesaja über den Knecht Gottes. Das ist ein ganz anderer Weg als wir ihn gehen würden, den führt uns Jesaja auch noch gleich vor Augen: Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. So sind wir. Wir sehen auf unseren Weg, weder links noch rechts und das geht soweit, dass wir uns darin versteigen zu meinen, jeder müsse für seine eigene Schuld gerade stehen und dafür büßen und Strafe bekommen. – Hören wir es? – Jesus, der Sohn Gottes, trägt und erträgt die Strafe, die wir verdient haben. – Verstehen wir das? Warum muss das so sein? Weil es Schuld gibt, die nicht wieder gut zu machen ist. Aber Gott sagt es uns zu: Deine Sünden sind dir vergeben, wenn du dem glaubst, den ich gesandt habe und durch deine Schuld umgekommen ist – Schuld muss uns hinfort nicht mehr erdrücken, sie wird uns vergeben, wenn wir uns an den wenden, der es uns versprochen hat. Dadurch ist Frieden möglich.

Beim Abschied von Verstorbenen nehmen wir es in unserer Kirche ernst damit, wenn wir folgende Abschiedsworte verwenden: Wer ihr/ihm etwas schuldig blieb, bitte Gott um Vergebung. – Und wem sie/er etwas schuldig geblieben ist, der verzeihe ihr/ihm, wie Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten. – Da wird die Schuld ernst genommen, die den Frieden nimmt. Frieden nimmt im kleinen, wie im Großen. Ist aber Gottes Frieden abwesend, dann wächst und gedeiht jede Form des Unfriedens bis hin zum Terrorismus oder den Krieg dagegen. – Und auf welcher Seite steht Gott? – Auf der Seite der Wahrheit – und die wird mit Jesus immer wieder ans Kreuz genagelt. So werden wir mitschuldig am Tod Jesu, wenn wir die Wahrheit über uns nicht hören wollen – dass auch wir die Wahrheit verdrehen, bis sie uns passt – dass auch wir meistens uns selbst sehen – dass auch wir mehr auf Erfolg und äußeren Schein achten – und dem Trug anhängen, dass nur der sichtbar Erfolgreiche von Gott geliebt sei.

Der Erfolg Jesu war nicht sichtbar. Am Kreuz verreckt, wie der schlimmste Verbrecher – gescheitert und von Gott verlassen – begraben und vergessen, so würde die menschliche Geschichte eines solchen Versagers weiter gehen. Vom Knecht Gottes wird bei Jesaja gesagt: er wird Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen – und von Jesus wissen wir: Er ist nicht im Grab des Scheiterns geblieben, sondern das, was wie eine Niederlage aussah, ist der Sieg Gottes.

Jesaja beschreibt bereits Auferstehung, der Knecht Gottes wird Nachkommen haben, die leben und glauben wie er. Jesus Christus ist heute lebendig, wenn wir seine Nachkommen sind – dann ist für uns Auferstehung und Ostern. Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? – Wer sich im Lichte Gottes sehen will, der glaubt – der sieht seine Schuld und der sieht auch die Vergebung. Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit (Dummheit) denen, die verloren werden; uns aber, die wir gerettet sind, ist’s eine Gotteskraft.

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