Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen (2. Sam 22,30)

2. Sam 22,30
[30] Denn mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über Mauern springen.

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Mit Steinen kennt sich eure Familie. Es ist noch nicht so lange her, dass Euer Haus fertig geworden ist und gegenüber wird auch fleißig gebaut. Mauern wurden hochgezogen, Räume abgeteilt, Lebensbereiche geschaffen. Wohnraum, Schutzraum, Lebensraum.

Es wird der Lebensraum für Max. In den Mauern, die ihn umgeben, findet sein derzeitiges Leben statt. Und seine Eltern und Großeltern haben in den Mauern Bereiche geschaffen, diese kleine Lebenswelt dann doch immer wieder auch zu verlassen. Durch die Türen kann man neue Lebensräume erschließen. Im Augenblick nur mit Hilfe der Erwachsenen, in kurzer Zeit dann mit der Sorge der Erwachsenen und dann ist man als Eltern manchmal auch froh, wenn die Mauern kurzzeitig verlassen werden.

Die Mauern, die Max jetzt erlebt sind gute und wichtige Mauern, in denen er behütet wachsen und reifen kann. Sie bieten den Schutzraum, den das Leben braucht, in denen man die Sicherheit gewinnen kann, die man braucht, wenn man die Mauern irgendwann verlässt. Ihr gebt dem Kind darin mit, was ihr gut und wichtig haltet für das Leben.

Und hier befinden wir uns in der Kirche, innerhalb der Kirchenmauern, die ja auch sprichwörtlich sind. Die Kirche ist das Symbol des geistlichen Raumes, in dem wir leben und von Gottes Kraft umgeben sind. Natürlich geschieht unser ganzes Leben vor Gott, und die allermeiste Zeit außerhalb dieser Mauern, aber in ihnen ist die bergende Kraft Gottes doch intensiver zu spüren, es ist eben der Ort, an dem die Gegenwart Gottes besonders gefeiert wird. Und so versuchen wir hier die Gewissheit zu stärken, dass wir bei Gott eine Zuflucht haben. Gott ist meine Burg, wo fassen es einige Psalmen in Worte.

Steine, Mauern haben, unter diesem Aspekt gesehen, also etwas sehr wohltuendes. Es sind schützende Mauern, die uns umgeben, in denen wir unser ganz persönliches Leben gestalten können. Die Taufe führt uns hinein in diese Mauern der Geborgenheit bei Gott. „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ so heißt es im letzten Vers des 23. Psalmes. Taufe, das ist die äußerlich sichtbare Aufnahme in die Mauern des Hauses Gottes, in dem wir unser Leben verbringen dürfen, in denen wir uns geborgen und geschützt wissen dürfen, in dem wir die uns anvertrauten Menschen geborgen und geschützt wissen dürfen.

Nun wissen wir aber auch, dass Mauern nicht nur diese Symbolkraft haben. Mauern erzählen auch von etwas anderem. Mauern sind oft genug auch Grenzen, die nicht zu überwinden sind. Wir kennen das von der innerdeutschen Grenze, die es – gottlob – nicht mehr gibt. Mauern sind trennende Bauwerke, die Verbindung und Verbundenheit zunichte machen. Und es gibt auch Menschen, die Mauern um sich aufrichten, um andere Menschen nicht an sich heranzulassen. Sie sollen die Verletzlichkeit der eigenen Person schützen, aber sie verhindern auch, dass man wirklich mit dem, was man ist, zum anderen gelangen kann.

Ja und dann gibt es die Mauern, die jeder von uns immer wieder man vor Augen hat. Mauern, die die Grenzen eines Weges aufzeigen, auf dem man nicht mehr weiterkommt. Da hat man sich in seinem Leben verrannt, ist in eine Sackgasse gekommen, an deren Ende diese Mauer steht, die den Weg versperrt. Nicht mehr Schutzraum, sondern Hindernis, Begrenzung, Endstation sind dann die Begriffe, die diese Lebenssituation beschreiben.

Ich habe ihnen ein Bild mitgebracht, das das sehr eindrücklich macht. Da ist ein junger Mensch, der traurig vor einer Mauer sitzt. Er kann sich wohl an sie anlehnen, aber vor ihm liegen nur Mauern. Das Leben scheint ihm nichts zu bieten, da ist nichts worauf er sich freuen kann. Und der Weg durch die Mauern des Lebens, er sieht wenig hoffnungsvoll aus. Und auch die anderen auf dem Bild. Sie laufen den Weg durch das Labyrinth und nach jeder Ecke geht der Blick wieder auf eine Mauer zu. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Erfurter Schüler sich auch vor solche Mauern gestellt sah, als er seine Zukunft vor Augen hatte, als ihm deutlich war, dass er ohne diesen Schulabschluss nichts ist. Unüberwindbar erscheinen uns oft genug die Mauern, die unserem Lebenslauf plötzlich im Weg stehen.

Aber da ist doch Leben auf dem Bild. Im Hintergrund sind doch Bäume zu sehen. Aber wie soll der Mensch sie sehen, der vor der Mauer steht, und nicht unseren Blick von oben hat?

Mit meinem Gott kann ich Mauern überspringen. So lautet der Taufspruch vom Max. Ein sehr ermutigendes Wort, das Euch beide gleich angesprochen hat und das ihr Eurem Sohn mit auf den Weg geben wollt. Was bedeutet dieses Wort angesichts des Bildes und angesichts des bisher Gehörten?

Mit meinem Gott – so beginnt der Taufspruch. Zunächst einmal steckt dahinter, dass ich Gott als etwas in meinem Leben sehe, das zu mir gehört. Gott als ein Gegenüber ansehe, das für mich und mein Leben von Bedeutung ist. Das heißt: Gott ist nicht nur einfach ein etwas, das da ist, eine irgendwie vorhandene Macht, sondern er ist jemand, den wir uns vertraut machen müssen, der zu unserem Gott werden muss. Die Taufe ist der Anfang: von Seiten Gottes ist es die unverbrüchliche Zusage: Du bist mir wichtig. Du bist in meinem Herzen und ich bin für dich da. Von Seiten des Menschen ist die Taufe das Versprechen: wir wollen dir, Max, diesen Gott nahe bringen.

Als Eltern und Paten, die mit ihrem ganz persönlichen Vertrauen zu Gott, diesen Gott als ein gutes Gegenüber deutlich machen. Wir als Christen, die mit unserem Vorbild zeigen, was Glaube im Leben bedeutet. Wir als Kirche, die Angebote macht, diesen Gott näher kennen zu lernen. Die Taufe ist der Anfang. Der Weg aber, dass Gott zu meinem Gott wird, geht dann weiter. Die Beziehung muss wachsen, durch Nähe und Distanz, durch Zuwendung und Abkehr reift die Beziehung und bleibt dadurch lebendig. Mein Gott gewinnt dadurch viele Seiten, die in meinem Leben Platz haben und die ihre Bedeutung gewinnen fürs Leben.

Und wenn dieser Gott zu meinem Gott geworden ist, dann ist das MIT meinem Gott ganz automatisch vorhanden. Du bist meine Burg und mein Fels, der Herr ist mein Hirte, das heißt, ich lebe MIT diesem Gott, er begleitet und trägt mein Leben und führt mich auf seiner Straße.

Seine Straße heißt allerdings nicht, Gradlinigkeit, immer freie Bahn, klare Zielvorgaben. Die Straße des Lebens führt eben auch auf Mauern zu, an denen man so manches mal verzweifeln möchte. Aber da war doch was? Da war und ist doch dieser Gott, der Zukunft und Leben versprochen hat? Mit diesem, meinem Gott kann ich diese Mauern überspringen. Wenn wir noch einmal das Bild anschauen – wir schauen von oben auf die Situation. Der Junge kann nur unten die Mauern sehen – wir haben die Möglichkeit darüber weg zu sehen. Wir schauen von oben, das heißt doch, wir nehmen die Perspektive Gottes ein, der eben nicht nur die ganz persönliche Lebenssicht des einzelnen Menschen vor Augen hat, sondern der weit darüber hinausblickt. Den Blickwinkel meines Gottes einnehmen, heißt über die Mauern, über die Grenzen des Lebens hinwegschauen, es heißt, Wege entdecken, die ich selber so nie gesehen hätte, das heißt, das Leben eben nicht an der Mauer enden zu lassen, sondern mit meinem Gott diese Mauern überspringen. Es heißt, diese Mauern nicht zulassen, weil dahinter etwas ist, was mein Leben bereichert, auch wenn der Weg dahin mühsam sein mag.

Mit Gott Mauern überspringen, das kann auch heißen: Mauern einreißen, weil sie trennen, was nicht getrennt werden soll. Es kann heißen, die Mauern, die Menschen untereinander aufgebaut haben, einzureißen, weil sie Gott nicht entsprechen: die Mauern des Hasses, des Neides, der Gewalt, der Ungerechtigkeit und was uns alles noch einfallen mag, wo Mauern aufgebaut werden, die es einzureißen gilt.

Mit meinem Gott kann ich das. Mit meinem Gott empfange ich eine Kraft, die stärker ist, als meine eigene, kleine menschliche Kraft. In der Taufe werden wir mit einer solchen Kraft begabt, wir empfangen Gottes heiligen Geist und auf den können wir bauen, wenn wir vor den Mauern unseres Lebens stehen. Mit meinem Gott habe ich alle Möglichkeiten. Und mancher Sprung über die Mauer macht dann auch deutlich, dass wir nicht nur ein Hindernis überwunden haben, sondern in einen Raum kommen, dessen Mauern uns sehr angenehm und hilfreich sind, in denen wir spüren, dass die Grenzen, die uns da aufgezeigt werden, gute und hilfreiche Grenzen Gottes sind, der uns so Geborgenheit und Lebensraum für alle schafft.

Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen – das wünschen wir als Lebensgefühl heute an erster Stelle dem Max, aber ebenso auch uns allen, die wir ihn begleiten – aus der Nähe oder aus der Ferne. Mit einem solchen Lebensgefühl kann einen nichts schrecken und seien die Mauern des Lebens aus unserer Sicht noch so unüberwindbar. Helfen dazu möge euch dieser Stein, der uns bereits die ganze Zeit sichtbar vor Augen ist.

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