Mit Gott im Bunde

1. Der Gott der Geschichte
Von den Vätern aus längst vergangenen Zeiten wird hier gesprochen. Und von Zeiten, als sie noch in fernen Ländern wohnten. Von Zeiten, die aber nicht vergessen worden waren, weil man sich weit ausgeprägter als heute mit den Vorfahren verbunden wusste.

Man hatte ihre Geschichte weiter gelebt. Ihre Geschichte war Teil der eigenen. Sie setzten sich auseinander mit dem, was die Vorfahren geglaubt hatten. Und hier in Sichem fragen sie sich nun: Haben unsere Ahnen bis zu Terach falschen Gottesbildern vertraut?

Die Stämme Israels liefen nicht fort vor unangenehmen Erinnerungen. Sie versteckten nicht die Väter, die auf falschem Wege unterwegs gewesen waren.

Welches Vorbild gibt Sichem uns, die wir uns auseinandersetzen mit der eigenen Geschichte? Welches Vorbild gibt Sichem denen, die die Verstrickung der Eltern und Großeltern in nationalsozialistische oder kommunistische Politik und Verbrechen ahnen – und schweigen? »Lass die alten Zeiten ruhen«, sagt mancher in unserem Volk. Allein Dickenschied und Womrath konnten sich nicht so verstecken. Da wurde geredet, wenn auch mit größter Vorsicht.

Älteste, Anführer, Richter und Aufseher der Stämme Israels bekennen sich zu ihren Vätern. Aber sie machen nicht Halt bei Terach, sondern haben das Ganze im Blick. Und so entfaltet Josua vor ihnen noch einmal den langen Weg von Ur über Haran, Israel, Ägypten und wieder zurück nach Israel, das nun das Land der Amoriter ist.

Er entfaltet ihn, weil eines allen, die da sind, deutlich sein muss: Gott ist nicht ein gedankliches Konstrukt, Gott ist nicht ein moralisches Weltprinzip, nicht eine Formel, sondern Gott erweist sich in der Geschichte als der, der nicht nur einst die Welt erschuf, sondern gestern und heute sie und die Menschen und die ganze Schöpfung bewahrt.

2. Der Gott der Gnade
Mit welchem Recht hat Israel dies erfahren? Mit welchem Recht wohnten sie nun in einem Land, dessen Felder sie nie zuvor bestellt hatten und dessen Städte sie nicht selbst gebaut hatten? Warum konnten sie Trauben von Weinstöcken und Oliven von Bäumen genießen, obwohl sie diese nicht gepflanzt hatten?

Kann man da anders als Hiob antworten (Hiob 1,29):
»Der Herr hat’s gegeben,
der Herr hat’s genommen;
der Name des Herrn sei gelobt!«

Ja, wir können anders antworten. Denn so wie Josua die Geschichte vor den Stammesvertretern entfaltet – ich habe das nur sehr verkürzt vorgelesen –, wird deutlich: Gott hat sich dieses Volk ausgewählt. An diesem Volk soll seine Treue zu den Menschen zuerst offenbar werden. An diesen Menschen und durch sie handelt Gott in der Geschichte beispielhaft.

»Auf dem ganzen Weg … hat er uns beschützt« bekennen die Ältesten. Ohne einen Grund, der bei ihnen selbst zu suchen gewesen wäre. Ohne eine Vorleistung, die Israel hätte erbringen können.

Müssen wir da nicht einstimmen? Müssen wir nicht mit den Israeliten genau so bekennen, dass wir leben, weil Gott es uns in seiner Gnade schenkt?

Was habe ich schon zum Leben beigetragen, das so wertvoll wäre, dass ich jeden Morgen neu aufwachen darf?

– Reicht die Musik, mit der wir andere erfreuen?
– Reichen die freundlichen Worte, mit denen wir uns Kranken zuwenden?
– Reichen die helfenden Hände, die wir haben?
– All das hat seinen großartigen Wert. Aber es ergibt doch keine Summe, die groß genug wäre, um das Geschenk des Lebens an jedem neuen Tag zu begründen.

Wir leben. Wir leben, weil Gott es uns aus Gnaden schenkt. Da können wir uns neben die Stammesältesten in Sichem stellen. Und auch über die Distanz von 3½ Jahrtausenden hinweg mit ihnen bekennen wir: Gott hat uns beschützt. Und Gott beschützt uns heute immer noch. Und wir sind sicher, dass er es auch morgen noch tun wird.

3. Die Antwort der Geretteten
»Darum wollen wir dem Herrn dienen; er allein ist unser Gott!« beschließen die Vertreter der Stämme Israels ihre Erinnerung an die Geschichte. »Darum« – weil Gott uns in der Geschichte beigestanden hat. »Darum« – weil wir Gottes Liebe erfahren haben. »Darum« – weil wir leben dürfen. Nicht aber darum, weil es Gottes Gesetz gibt. Gottes erstes Wort ist nicht das Gesetz. Gottes erster Satz beginnt nicht mit »Du sollst«. Gottes erstes Wort sein »Ja« zu unserem Leben.

»Darum wollen wir dem Herrn dienen; er allein ist unser Gott!« Das ist nicht die Antwort der Gehorsamen. Das ist die Antwort der Geretteten. Der Geliebten. Der Beschenkten. Das ist die Antwort derer, die sich »dankbar gegenüber Gott für seine Wohltat erweisen« wollen, die wollen, dass durch ihr Leben Gott nun gepriesen werde. So haben wir es mit 86. Frage des Heidelberger Katechismus gelernt.

Die Geretteten und Bewahrten möchten Gott mit ihrem ganzen Leben danken.

Wir können nicht auf eine solch signifikante Geschichte mit unserem Herrn zurück schauen. Und doch wissen auch wir, dass wir aus Gnade und auf Gnade hin leben. Unsere Antwort kann daher kaum anders lauten die am Heiligtum zu Sichem.

Wir legen keinen Bundesschwur für unsere ganze Sippe ab. Wir können nur für uns sprechen. Jeder für sich. Das heißt aber auch: Jeder muss schon für sich selbst sprechen. Wir können uns nicht hinter irgend welchen Familien- oder Sippenoberhäuptern verstecken. Unser eigenes Bekenntnis ist gefragt. Was ich glaube, das habe ich zu auszusprechen. Ich kann nicht leben nach Lust und Laune und in allem darauf vertrauen, dass irgend wer schon meinen Teil übernehmen wird.

Es ist schön zu hören: »Du bist gerettet.« Ich freue mich darüber, beschenkt zu werden. Aber merken meine Mitmenschen das? Sieht man mir die Freude an? Das sollte man ganz sicherlich. An den Worten, an den Taten, am ganzen Leben.

»Darum wollen wir dem Herrn dienen; er allein ist unser Gott!«

4. Die Mühen der Antwort
Als die Ältesten das sagen, da bremst Josua sie: »Stellt euch das nicht so leicht vor, dem Herrn zu dienen; denn er ist ein heiliger Gott, der ungeteilten Gehorsam fordert.«

Sich auf Gott einzulassen bereitet große Mühe. Ohne Frage. Wie können wir nur Gott ungeteilten Gehorsam entgegen bringen? Immer wieder haben wir das erlebt, dass uns Wege gleichwertig nebeneinander zu liegen schienen. Dass alle gangbaren Wege – im Licht des Glaubens betrachtet – gleichermaßen zusagten oder gleichermaßen inakzeptabel waren. Da sei noch einmal an die Alternative erinnert, vor die sich Dietrich Bonhoeffer gestellt sah: Er hatte zwei Wege vor sich, die er beide ablehnte; weder konnte der nationalsozialistische Terror weiter wüten, noch konnte der Hitler oder andere Führungsfiguren morden. Am Ende entschloss er sich für den Tyrannenmord.

Es sei an unsere Nöte erinnert, die wir haben in einer Gesellschaft, die in vielem kaum mehr vom christlichen Glauben geprägt ist. Wenn wir gedrängt werden, mit dem Zeitgeist zu heulen.

– Man uns auffordert, homosexuelle Paare zu segnen.
– Man uns bedrängt, Feiertage der Christenheit wie den Sonntag der Welt preis zu geben, damit sie ihre Geschäfte rund um die Uhr treiben kann.
– Man es für selbstverständlich hält, dass wir unsere Gottesdienste an die profanen Feiern anpassen.
– Man energisch darauf beharrt, dass Christen ihre Einwände zurück stellen, um den Wirtschafts- oder Forschungsstandort Deutschland nicht zu gefährden.

Gott dienen – das wollen wir als Christinnen und Christen. Aber damit haben wir in dieser Welt unsere liebe Not.

Und die Not haben wir dabei nicht nur mit denen in unserer Umwelt, die den christlichen Glauben nicht akzeptieren. Gott zu dienen ist auch deshalb nicht leicht, weil wir unserem eigenen Glauben zuweilen im Wege stehen. Mit unseren Ideen. Mit unserer Biographie.

»Schafft die fremden Götter fort, die ihr noch bei euch habt!« So sagt Josua den Israeliten. Da sollen sie etwas beiseite räumen, das – bei aller Distanz – doch immer noch Bindeglied zwischen ihnen und ihren Vorfahren war. Sie haben die alten Vorstellungen von Göttern nicht weggeschafft. Sie haben sie aufbewahrt in ihren Gedanken und wahrscheinlich gegenständlich so wie wir etwas auf dem Speicher horten. Und wenn wir dann nach langer Zeit mal wieder hinauf gehen, sehen wir’s und Erinnerungen an Geschichten überkommen uns.

Wir bewahren Gegenstände ebenso auf wie Gedanken. Wir wollen Christen sein. Da haben wir diese Dinge und Ideen aus dem Blickfeld schaffen wollen. Sie sind vielleicht schon ein wenig angestaubt. Und an den meisten Tagen haben wir sie vergessen. Aber dann, in besonderen Situationen, erinnern wir uns. Und das Alte prägt uns. Ideen, die wir abseits von unserem Glauben bekamen und sich auch nicht mit ihm vereinbaren lassen. Ideen von Magie und Zauber, von Wunschdenken und Selbstbetrug, von naturwissenschaftlicher oder wirtschaftswissenschaftlicher Allgläubigkeit.

Über diese alten oder neueren Idee stolpern wir, weil wir an ihnen hängen, wie damals viele in Israels Stämmen noch den Göttervorstellungen der Vorfahren nachhingen oder sich neuerdings für die gerade entdeckte Götterwelt der Amoriter, mit denen sie sich das Land in Israel teilten, begeisterten.

»Stellt euch das nicht so leicht vor, dem Herrn zu dienen; denn er ist ein heiliger Gott, der ungeteilten Gehorsam fordert.«

Nein – leicht fällt es uns nicht zu glauben. Aber nehmen wir es auf uns, den mühevollen Weg zu gehen.

5. Gottes Heil
Wenn wir diesen Weg des Glaubens gehen, dann dürfen wir um Gottes Treue wissen. In Sichem schließt Gott einen Bund mit den Stämmen Israels. Da bekennt Gott sich zu seinem Volk. Da sagt er wie am Sinaïberg »Ja« zu ihnen. Egal, wie ihre Weg verliefen: der Herr hat den Bund gehalten.

Und er hat ihn erneuert, so wie er es durch Jeremia ankündigen ließ: »›Siehe, es kommt die Zeit‹, spricht der Herr, ›da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein‹« (Jeremia 31,31.33).

»Fest soll mein Taufbund immer stehn« singen Katholiken vor allem in Taufgottesdiensten oft. Lassen Sie auch uns dies uns vornehmen. Lassen Sie auch uns Gott um die Treue bitten: »Lass diesen Vorsatz nimmer wanken, Gott Vater, Sohn und Heilger Geist. Halt mich in deines Bundes Schranken« (EG 200,6).

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