Mietling

Der Herr ist mein Hirte – das haben wir vorhin gebetet. Und es sorgt manchmal für Proteste, das so zu sprechen. Menschen tun sich schwer damit, zu bekennen, dass es jemanden gibt, der über sie wacht. Zuzugeben, dass ich Teil einer blökenden Herde sein könnte, fällt mir nicht eben leicht.

Da lohnt es sich schon zu sehen, was das Bild wirklich meint, wie weit es trägt und wo es seine Grenzen hat. Vor Allem aber auch, wie Jesus es anwendet:

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Wie gesagt: Aus dem Alten Testament ist uns das Bild vom Hirten mit seiner Herde als Bild für Gott, der die Menschen bewahrt bekannt. Jesus bezieht dieses Bild auf sich und seine Mission unter den Menschen. Und dabei verliert das Bild jeden Gedanken an die blökende Herde. Ganz im Mittelpunkt steht der gute Hirte, der das tut, was gut und wichtig ist für die Herde. Der sich mit seiner Existenz dafür einsetzt dass es der Herde gut geht.

Der Mietling (so übersetzt Martin Luther) ist ein ‚gemieteter Hirte‘, einer dem die Herde nicht gehört und dessen Einsatz nicht so überragend ist. Der Mietling, das ist in dem Bild der Mensch, der Macht hat, der Einfluss hat, der was zu sagen hat. Aber er ist nicht wirklich interessiert an den Menschen, für die er Verantwortung übernommen hat. Er arbeitet an seiner Karriere oder an seiner Rente, aber nicht für die Menschen. Der gute Hirte ist der, der mit dem Herzen bei der Sache ist – wie Jesus. Gute Hirtinnen und Hirten sind Menschen, die viel von Jesus verstanden haben und darum in seinem Sinne und mit seinem Heiligen Geist Gemeinde bauen und Liebe leben.

Es geht in dem Bild, das Jesus zeichnet eben nicht nur um ihn, sondern genauso um alle Menschen, die er berufen hat um seine Nachfolgerinnen und Nachfolger, es geht um seine Gemeinde und Menschen, die in seiner Gemeinde oder in der Welt Macht und Einfluss haben.

Im Psalm ist der Hirte Gott, der Herr, der mit den Seinen geht und sie beschützt. Hier ist es der Mensch Jesus, der einerseits Hirte ist im Sinne des Psalms, und andrerseits andere Menschen in seine Nachfolge einlädt und damit auch beruft zu Hirtinnen und Hirten in seinem Namen. Das dürfen wir nie vergessen. Wir leben als Christinnen und Christen in der Nachfolge dieses Herrn, der der gute Hirte ist, der für uns da sein will. Darum dürfen wir auch gute Hirtinnen und Hirten seiner Herde sein. Wir dürfen Verantwortung übernehmen in der Gemeinde des Auferstandenen. Wir dürfen seine Gemeinde leiten, weil wir Teil seiner Herde sind, vom Herrn selber berufen.

Wenn Jesus sagt: ‚Ich kenne die Meinen‘, dann bedeutet das Wort ‚Kennen‘ etwas Enges im Sinne von: ‚diese Menschen sind mir vertraut‘. Jesus ist vertraut mit den Menschen, die zu ihm gehören, mit ihren Sorgen und Nöten, ihren Lebensumständen. Darum ist Gott schließlich Mensch geworden, dass er ganz nahe bei den Menschen ist. Er ist gerade dann bei ihnen, wenn Gefahr droht. Darum spielte unser Bild auch eine große Rolle in der Kirchengeschichte: Reformation und Kirchenkampf. In solchen Zeiten der Bedrohung tat es immer wieder gut zu bekennen: Egal, wie wir uns gegenseitig verletzen, weil wir Wahrheit suchen, wir sind und bleiben doch Teil der einen Herde, gehören zum dem einen Herrn, der für uns da ist und mit unseren Gedanken vertraut ist. Er wird uns hoffentlich auch Wege zeigen, unseren Weg zu finden.

Der Vergleich erzählt von Jesus, der für die Seinen in idealer Weise da ist und stellt die Frage an jeden einzelnen von uns: Wie seid ihr da und aus welchen Gründen – für die Gemeinde, für meine Gemeinschaft. Seid ihr bereit Verantwortung zu übernehmen für die Schwestern und Brüder oder lehnt ihr euch zurück und lasst machen?

Nun mögen es die Anderen ja oft gar nicht besonders gerne, wenn ich für sie entscheiden will, wenn ich für sie Verantwortung übernehme. Manchmal kommt da schon ein starker Widerspruch – mit einem gewissen Recht. Ich mag es eben auch nicht, wenn ein autoritärer Hirte mir erklären will, wie das Leben läuft. Und genau deswegen sagt Jesus hier so viel über das Wesen des Hirte-Seins. Der Hirte ist eben nicht Einer, der alles besser weiß, der vor allem Ruhe und Ordnung will und alle sollen schön in der Spur laufen.

Der Hirte, wie ihn Jesus schildert ist einer, der Tag und Nacht darüber nachdenkt, was jetzt für die Herde dran ist, was sie jetzt braucht. Der gute Hirte weiß, dass die Herde Führung braucht und er übt sie aus in geschwisterlicher Verantwortung. Wer in der Gemeinde Jesu Christi lebt, der weiß das auch: Führung muss manchmal sein. Aber wer führt mit welcher Vollmacht und mit welcher Rückendeckung? Und vor Allem mit welchem Ziel?

Ziel des Guten Hirten ist es, den Seinen zum Leben zu verhelfen. Dahin müssen sich auch die bewegen, die Nachfolgerinnen und Nachfolger des guten Hirten sind.

Ziel ist nicht Herrschaft aufzubauen und aus den Leuten blökende Schafe zu machen. Ziel ist die Gemeinde zu berufen zu einer Herde mündiger Christrinnen und Christen, die sich als Schwestern und Brüder Menschen suchen, die Führung übernehmen und für die Gemeinschaft wahrnehmen.

Das Gegenbild zu einem Hirten, der Verantwortung übernimmt und sich in den Dienst der Gemeinde stellt, ist für Jesus das, was Martin Luther mit Mietling übersetzt, der Mensch, der für einen bestimmten Lohn Leitungsaufgaben übernimmt. Dieser Lohn muss nicht aus Geld bestehen, es können auch Ruhm und Ehre sein, es kann Geltungsbedürfnis sein oder Eitelkeit.

Den Begriff ‚Mietling‘ kann ich missbrauchen als gefährliche Folie, so als wären alle Angestellten ohne Herzblut bei der Sache – aber es gibt solche Mietlinge. Im Beruf, in der Politik, in der Kirche. Menschen, die mehr für sich arbeiten als für die Menschen.

Ich kann da natürlich stundenlang über andere reden, oder ich kann mich betrachten. Wer bin ich? Welche Rolle nehme ich ein? Bin ich guter Hirte in der Nachfolge Christi oder doch eher Mietling?

Wer weiß, wer Jesus ist und ihn wirklich anerkennt, erkennt auch eher die falschen HirtInnen, die VerführerInnen, die nur ihren Vorteil sehen.

Fürsorge und Pflege gehören genauso zu unseren Grundbedürfnissen wie Freiheit und Unabhängigkeit. Beides soll Raum haben in christlicher Gemeinde und von Menschen behütet werden, weil sie als Schwestern und Brüder füreinander Verantwortung tragen und einander Hirten sein dürfen in der Nachfolge des guten Hirten.

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