Menschenskind, Jesus

Gott gebe uns sein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

 

1.

Menschenskind, liebe Gemeinde.

Es ist voll.

Richtig voll.

Menschenmassen.

Von hinten werde ich geschoben.

Und nach vorne gebe ich den Druck dann automatisch weiter.

Das geht gar nicht anders.

 

Und ich kann gar nicht anders gehen.

Schieben und geschoben werden.

 

 

Immerhin vorwärts.

In einer gemeinsamen Richtung, hin zu einem gemeinsamen Ziel.

 

Vielleicht sind das die beiden Hauptbühnen beim Wacken Open Air im August.

Oder die Eingangstore des Volksparkstadions an einem Samstagmittag während der Bundesligasaison.

Oder die Rolltreppen im U-Bahnhof nach dem Eröffnungsabend des Kirchentages in Köln im Juni vor vielen Jahren.

 

An diesen drei Orten ist es nämlich richtig voll gewesen, das kann ich ihnen sagen.

Weil ich es miterlebt habe.

Und der Grund, warum ich dieses enge Gewühle längst nicht vergessen habe – es herrschte eine richtige Volksfeststimmung.

 

 

Vielleicht kann der eine oder die andere von Ihnen gedanklich daran andocken.

Und zustimmend nicken.

 

Oder Ihr lasst euch erinnern an eigene Wegstrecken, wo es richtig voll war.

Ihr wart auf dem Weg zu einem Ziel – gemeinsam mit vielen, vielen anderen Menschen.

Menschenmassen.

Drücken und gedrückt werden. Aber kein Kampf, sondern ein Nach-vorne-drängen, voller Vorfreude.

 

Als das noch alles erlaubt war.

 

Davon hatten wir ja im letzten Jahr nicht ganz so viel.

 

Aber davor.

Und noch früher auch.

 

Und ganz viel früher.

 

 

2.

Lasst Euch jetzt mitnehmen in ein Gedränge vor ungefähr 2.000 Jahren:

 

Lesung aus Lukas 2, die Verse 41 bis 43:

 

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht.

 

Menschenskind, liebe Gemeinde.

Das war – so stell ich es mir lebhaft vor – so richtig voll. Und eng.

Voll eng.

 

Schieben und Drücken.

Vorwärts.

 

Keine Atempause.

Geschichte wird gemacht.

Es geht voran.

 

Gemeinsame Richtung, gemeinsames Ziel: möglicherweise die Tempelanlagen.

 

Ein ganzes Volk in Feststimmung!

 

 

Für einen zwölfjährigen Jungen vom Land musste solch ein Besuch in der Hauptstadt sowieso schon mal eine riesige Fülle an neuen Eindrücken und Reizen bereithalten.

Und wenn dann auch noch dieses große Befreiungsfest so riesig gefeiert wurde – wie muss es da wohl für Jesus gewesen sein?!

 

Ich versuche, mir das vorzustellen.

Und denke, das war lauter als beim Wacken Open Air.

Und vorfreudiger als bei einem Heimspiel des HSV.

Und mindestens so Geist-erfüllt wie das pulsierende Treiben durch die Kölner Innenstadt am Abend der Begegnung des Kirchentags!

 

 

3.

Wie gut, wenn Mann, Frau oder Kind dann nicht alleine unterwegs ist und sich einer Gruppe angeschlossen hat.

Dann brauchen sich die Eltern nämlich erst einmal keine Sorgen zu machen, wenn ihr Junge sich nicht mit Ihnen gemeinsam auf den Rückweg macht.

 

 

Lesung aus Lukas 2, die Verse 44 und 45:

 

44 Sie (Maria und Josef) meinten aber, er (Jesus) wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

 

 

Menschenskind, liebe Gemeinde.

 

Irgendwann schaffen es Maria und Josef nicht mehr, sich gegenseitig und auch selber zu beruhigen.

Ist stelle mir vor, wie sie miteinander aufgezählt haben, welche Verwandten, Freunde und Nachbarn sie unterwegs und im Gewühl bereits getroffen haben und dass Jesus sich denen ja angeschlossen haben könnte.

Hätte …

Wäre …

 

Aber die Minuten und Stunden vergehen, ohne dass ihre Hoffnung der Gewissheit Platz machen würde.

 

„Abend ward, bald kommt die Nacht, schlafen geht die Welt …“

Und der Junge ist nicht bei ihnen.

Und dabei ist er doch erst zwölf.

Noch ein Kind – oder nicht?

 

 

Wo mag er nur stecken?

Wenn er nicht auf dem Weg ist, dann wohl immer noch in Jerusalem.

Oder nicht?

Oh, doch, lieber Gott – hoffentlich ist es so, sonst…

 

 

Ich lese, was in den nächsten drei Versen für uns aufgeschrieben worden ist:

 

Lesung aus Lukas 2, die Verse 46 bis 48:

 

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

 

Endlich!

Da ist er ja!

Und es geht ihm gut!

Gott sei Dank!

Er lebt und ist unversehrt!

 

Nach drei Tagen dunkler Ungewissheit und Angst.

Vielleicht so, wie Jona damals im Bauch des großen Wals. Und vielleicht auch schon ein Vorgriff auf das, was später am Kreuz geschehen wird?

Drei Tage Ausnahmezustand – aber nie von Gott verlassen. Sondern ganz nah bei ihm.

 

Auf jeden Fall ist das so in dieser Geschichte.

 

Das wird in den nächsten Versen ganz deutlich:

 

Lesung aus Lukas 2, die Verse 49 bis 52:

 

49 Und er (Jesus) sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?

50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.

52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

 

Tja, was soll man dazu sagen?

 

Sorgen gemacht hat Jesus sich jedenfalls nicht, das steht schon mal fest.

Vielleicht, ja vielleicht hat er nicht einmal gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist.

 

Ich hebe jetzt mal die guten Nachrichten für Josef und Maria hervor:

Jesus kommt mit ihnen.

Nach Hause.

Aus seines Vaters Hause nach Hause.

Zurück dahin, wo die Mutter wohnt.

Das klingt nach zwei Haushalten – und ist schon ein bisschen verwirrend.

 

Jesus ist gehorsam.

Und gibt seiner Mutter etwas zu denken.

Sie bewahrt die Worte in ihrem Herzen.

Sie legt sie zu denen dazu, die ihr einst – vor etwa zwölf Jahren – von den Hirten gesagt worden waren.

 

Und Jesus nimmt zu.

Er wird reifer und weiser.

Und es lässt sich wohl mehr und mehr an ihm erkennen, wer und was er ist und einmal sein wird.

 

 

4.

Menschenskind. Jesus.

 

Liebe Gemeinde, was nehme ich mit aus dieser Kindheitsgeschichte Jesu?

 

Wie gut, wenn wir mit vielen anderen in eine Richtung unterwegs sind und Gemeinschaft erfahren dürfen.

 

Wie gut, wenn dieses gemeinsame Ziel auch eine spirituelle Komponente hat.

Und dadurch – nichts gegen Musik oder Ballsport – einen Mehrwert.

 

Wie gut, wenn wir angstfrei sein dürfen.

 

Wie gut, wenn wir uns bei Gott, in seinem Haus, in seiner Nähe, geborgen fühlen dürfen.

 

Wie gut, wenn wir den Menschen und Gott gegenüber gehorsam sind.

 

Wie gut, wenn wir anderen Menschen – und sie uns – etwas zum Nachdenken geben können.

 

So, wie Jesus in dieser Geschichte.

 

Menschenskind. Jesus.

Gotteskind.

 

So, wie wir.

 

Amen.

 

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