Mein Stellvertreter

Zuerst hat man ihn ins Gesicht gespuckt. Dann hat man ihn geschlagen und blutig geprügelt. Mit blutigem und verquollenem Gesicht wurde er zum Statthalter geschleppt, und der ließ ihn ausziehen und auspeitschen. Wie einen Verbrecher. Die Soldaten machen so was sehr gründlich. Sehr sorgfältig. Dann wurde er verurteilt und dem Spott der Soldaten ausgeliefert. Als König haben sie ihn verkleidet. Mit einem Stock als Zepter. Mit einer Krone aus Dornengestrüpp, die sie ihm auf den Kopf drücken. Eine jämmerliche Karikatur eines Königs. Sie johlen und lachen. Sie nahmen ihm das Zepter aus der Hand und droschen damit auf seinen Kopf, immer auf die Dornen. Und dann haben sie ihm das Kreuz aufgeladen. Was für ein Sadismus. Dein Folterinstrument musst du selber zum Richtplatz tragen. Leider war er von den Misshandlungen so geschwächt, dass er es nicht mehr tragen konnte. Macht nichts. Nimmt man halt einen Passanten, der es für ihn tragen muss. Seine Kreuzigung war Routine für die Soldaten. Sie hatten Übung darin und hatten ihren Spaß daran, die Verurteilten dabei zu quälen. Ans Kreuz nageln und anschließend aufrichten. Und dann hing Jesus in der Luft. Er hing nackt. Die Soldaten spielen um seine Kleider. Und alle gaffen. Männer, Frauen, Kindern. Seine Wunden und seine zerfetzte Haut brennen wie Feuer. Jeder Windhauch, jede kleine Bewegung tut unerträglich weh an den Händen, an den Füßen. Furchtbarer Durst. Rasende Kopfschmerzen. Atemnot. Er kriegt keine Luft. Instinktiv versucht er sich aufzurichten, um nach Luft zu schnappen. Immer wieder. Eine entsetzliche Quälerei. Die Passion des Jesus von Nazareth.

Da hing er nun – elend und anzusehen, wie eben ein Mensch aussieht, an dem sich Hass und Grausamkeit ausgetobt haben.

Eigentlich ist nichts Besonderes passiert damals. Hinrichtungen gab es bei den Römern am laufenden Band. Nach dem Spartakusaufstand standen in Rom an der Via Appia 6000 Kreuze, an denen besiegte Sklaven angenagelt waren. Und auch für Pontius Pilatus, dem römischen Stadthalter, war es etwas alltägliches, irgend so einen armen Schlucker ans Kreuz zu schicken. Hunderte. Tausende. Du gehst ans Kreuz. Die damals grausamste und sadistischste Art, einen Menschen schön langsam umzubringen.

Und doch war etwas anders. So anders, dass wir uns noch heute im Zeichen des Kreuzes versammeln. Das Besondere war der Mensch, der da zu Tode gequält worden ist. Nicht ein normaler Mensch, sondern ein Mensch, der anders als wir – niemals etwas Böses getan oder gedacht hat. Nicht ein normaler Mensch, sondern der Sohn Gottes. Einer, der grenzenlos und bedingungslos gütig ist. Einer, der uns vorlebt, wie wir Menschen eigentlich leben sollen. Einer, der darum unseren inneren Frieden gefährdet. Einer, der sich nicht gegen die Ungerechtigkeit wehrt. Einer, der nicht gegen sein Todesurteil protestiert. Einer, der keinen Hass auf die hat, die ihn aufs Kreuz legen. Einer, der seine Peiniger nicht verflucht. Er sagt von ihnen, dass sie nicht wissen, was sie tun. Er denkt bis zum Ende nicht an sich selber, sondern an die Menschen, die ihn festnageln. Er fragt bis zum Schluss nicht: Was wird aus mir? Sondern er fragt: Was wird aus ihnen? Er ruft: Vater, vergib ihnen. Er hat Hoffnung für die Menschen, die ihn aus ihrem Leben vertreiben. Er hat Hoffnung für seine Gegner, für seine Todfeinde.

Er ist kein normaler Mensch. Er ist der einzige Mensch, der immer ganz eng mit Gott verbunden war. So, wie wir es nur in ganz wenigen Momenten unseres Lebens sind. Weil sonst sind wir immer zu beschäftigt. Sonst wenden wir Gott immer wieder den Rücken zu, weil wir uns anderen Dingen zuwenden. Und weil es uns sonst auch lieber ist, wenn Gott nicht so genau sieht, was wir so machen. Weil wir meistens lieber Gott los sind. Denn er stört. Immer will er was von uns. Nie ist er zufrieden mit uns. Immer zieht er uns den Wecker des Gewissens auf. Das ist lästig. Besser ist, wenn er weit weg ist. Außer im Notfall. Meinen wir. Denn wir kennen Gott gar nicht. Jedenfalls nicht so, wie Jesus Gott kennt. Seinen Vater. Voller Liebe. Voller Phantasie. Voller Verständnis. Voller Mitgefühl. Voller Kraft. Voller Lebendigkeit. Voller Wärme. Jesus kennt seinen Vater und er liebt ihn und er ist immer in seiner Nähe.

Außer am Kreuz. Denn am Kreuz, so sagt es die Bibel, so weissagen es die Profeten, so erklären es die Apostel, am Kreuz nimmt Jesus, der schuldlose Jesus, der Gottessohn Jesus, die Schuld der ganzen Welt auf sich. Die Todverfallenheit der ganzen Welt nimmt er auf sich. Das Böse der ganzen Welt nimmt er auf sich. Die unvermeidlichen Folgen auch unseres ganzen Tuns und Lassens. Der Sold der Sünde ist der Tod, schreibt Paulus. Das heißt doch: Wer sich von Gott abwendet, wer in seinem Leben Gott los sein will, der entfernt sich damit von der Quelle des Lebens. Und der wird verdursten. Der wird verhungern. Der wird dem Tod verfallen in seiner Gottlosigkeit. Und wir Menschen drehen auch hier den Spieß herum. Wir geben Gott die Schuld und jammern und klagen, dass Gott uns im Stich lässt. So sind wir Menschen. Und Jesus, er ist ganz Mensch, ganz unser Bruder. Auch er kann das am Kreuz nicht mehr aushalten. Die Last der Schuld der ganzen Welt. Aller Menschen. Auch die von mir und von dir. Und er fühlt sich so verlassen. So von Gott verlassen. Und er klagt seinen Vater an: Eli, Eli, lema sabachtani. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen. Aber Gott hat ihn nicht verlassen. Sondern Jesus hat ihn verlassen. Hat ihn mit uns, für uns, stellvertretend für uns verlassen. Geht an unserer Stelle dahin, wohin uns unser Weg eigentlich führt. Weit weg von Gott. Dahin, wo Gott nicht hineinkommen kann. Dahin, wo es keinen Gott mehr gibt. Dahin, wo man Gott nicht einmal mehr von weitem sieht. Hinein in den Tod. Hinein in die Hölle. Hinein in die Dunkelheit. Hinein in die Hoffnungslosigkeit. An unserer Stelle. An meiner Stelle. Damit ich einmal sagen kann: Ich muss nicht hinein in das Reich des Todes. Denn ich habe schon meinen Stellvertreter hingeschickt. Er ist hinabgestiegen in das Reich des Todes. Er ist an meiner Stelle dorthin gegangen. Er nimmt dort meinen Platz ein. Und darum ist dort für mich kein Platz mehr. Darum habe ich dort einmal nichts zu suchen.<BR /><BR />Gott sei Dank.

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