Mehr als eine Nummer! (Jes 43,1)

Jes 43,1
[1] Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

[Bewohner eines Seniorenstifts, Mitte 50, geistig behindert]

Liebe Trauergemeinde,

wir sind zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von N.N. und ihn in Gottes Hände zu legen. Ich möchte diesen Abschied unter einen Satz des Propheten Jesaja stellen:

[TEXT]

Was war das für ein Mensch, der N.N., der am 9. Mai umfiel und tot war? Wir wissen sehr wenig über ihn. Sein Tod macht uns das erst so richtig bewusst. Seine Lebensgeschichte liegt im Dunkeln.

Nur so viel scheint klar: Er wurde sein Leben lang immer wieder herumgereicht, kam von einem Heim in das nächste. Was ihn dabei begleitete, war eine Akte, die die Ärzte mitschickten. Ein medizinischer Fall, der weitergereicht wurde; seine Lebensgeschichte war nicht wert, mitgeteilt zu werden.

Was N.N. erlebt hat, was ihn geprägt hat, wir wissen es nicht. Gott allein weiß es, er kennt seine Lebensgeschichte und wird sie bei sich bewahren. Bei ihm ist sie aufgehoben.

Eines freilich wissen wir: N.N. war getauft. Seine Eltern haben ihn zur Taufe gebracht und sein Leben unter den Schutz des dreieinigen Gottes gestellt. Dem haben sie ihr Kind anvertraut.

Auch wenn dieses Kind behindert war – Gott hat es gewollt und geliebt und gesagt: „Nichts kann dich aus meiner Hand reißen. Ich bin dein Beschützer und gebe auf dich acht. Keinen Augenblick deines Lebens bist du allein, ich lasse dich nicht aus den Augen.“ Jesus hat dieses Versprechen in die Worte gefasst: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ (Matthäus 6,26)

Die Liebe Gottes zu den kleinen Kindern, zu den Schutzlosen und Unmündigen spricht ganz besonders aus dem Satz: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Mir fällt dabei ein, was mir der Heimleiter erzählt hat: Wenn jemand N.N. bei seinem Nachnamen rief, reagierte er nicht. Bei seinem Vornamen jedoch wusste er, dass er gemeint war.

„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen …“ – auch wenn es nur der Vorname war, den der Verstorbene verstand: Gott reichte das vollkommen. „Du, N., hast für mich einen Namen, der dich unverwechselbar macht. Du bist nicht ein Namenloser, ein medizinischer Fall, einer von vielen, sondern du hast für mich ein ganz eigenes Gesicht und einen Namen. Ich kenne dich und deine Lebensgeschichte.“

Ich will noch einen kleinen Augenblick bei der Taufe bleiben: Zu ihr werden kleine Kinder gebracht, die unmündig und wehrlos sind. Sie können noch nicht alleine leben, sie brauchen die Eltern und ihre Fürsorge. Die Taufe von unmündigen Kindern drückt aus: Da kommt ein hilfloses Wesen vor Gott und wird von ihm reich beschenkt. Damit wird deutlich: Gottes Liebe gilt gerade den Schwachen und Unmündigen, er macht sich zu ihrem Anwalt und Vormund. Die, die sich selbst nicht helfen können, nimmt er unter seine Fittiche. Im Jesajabuch verspricht er nach unserem Vers: „Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“ –

Dass Gottes Liebe und Hilfe gerade den Unmündigen und Schwachen gilt, hat besonders Jesus deutlich gemacht, wenn er die Kinder segnete, wenn er sich um Menschen kümmerte, die an den Herausforderungen des Lebens gescheitert waren. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ Wir, die vermeintlich Mündigen und Starken, können nur lernen von denen, die ganz auf andere angewiesen sind. Wir meinen immer wieder, von Gott Hilfe verlangen zu können, weil wir ihm eine Gegenleistung erbringen. Von Kindern können wir das Vertrauen lernen, ohne das abhängige Menschen nicht leben können.

N.N. ist sein Leben lang unmündig gewesen. Aber er ist darum kein armer Teufel, den wir bemitleiden müssten. Wir können von ihm das Vertrauen lernen, dass Gott uns gibt, was wir zum Leben brauchen.

Wer Gott so vertrauen kann, wer sich auf ihn als seinen Vormund und Hirten verlässt, der braucht keine Angst zu haben, was auch auf ihn zukommen mag. So sagt auch Gott am Anfang des Verses: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst“. Wir dürfen nicht meinen, der Tod sei für N.N. die Erlösung gewesen: „Wie gut, dass er von diesem armseligen Leben erlöst ist.“ Nein, so nicht. Für einen geistig Behinderten kann das Leben sehr schön sein und es ist unsere Aufgabe als Christen, es ihm schön zu machen.

Nein, die Erlösung ist, dass Christus für uns gestorben und auferstanden ist und damit unser Leben geworden ist:

Christus, der ist mein Leben,
Sterben ist mein Gewinn.
Dem tu ich mich ergeben,
mit Freud fahr ich dahin.

Die Erlösung ist, dass wir nicht mehr verlorengehen können und dass Gott vollenden wird, was bei N.N. in diesem Leben nur unvollkommen und buchstückhaft war.

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