Marathon

Elisabeth Zimmer heißt sie, ist 62 Jahre alt, wohnt in München. Im Mai vergangenen Jahres der Ruhestand. Zuvor hat sie als Sozialarbeiterin gearbeitet. Jugendamt? Konfliktberatung? Aidskranke? Ich weiß es nicht. Schreibtischjob? Streetworkerin? Ich weiß es auch nicht – obwohl, wenn ich mir die Geschichte anhöre, die sie erzählt: Streetworkerin würde passen. – der Reihe nach:

Nachdem Elisabeth Zimmer das Etappenziel Ruhestand erreicht hat, beschließt sie, etwas gegen das Einrosten zu unternehmen. Eine abenteuerliche Idee entsteht in ihr: „Ich, weiblich, 62 Jahre, alleinstehend, mache mich auf den Weg nach Santiago de Compostella.“ – Das sind 2500 Kilometer auf dem alten Jakobspilgerpfad zu Fuß, meist allein von München durch das Allgäu hier am Bodensee entlang in die Schweiz, nach Frankreich, Spanien, die Pyrenäen. Ihr hier, neunzehn Konfirmanden: Ihr habt zwar noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand – aber das Etappenziel Konfirmation liegt nur noch Minuten vor Euch. Und gearbeitet habt Ihr auch dafür. Was nun? Ruhestand in Sachen Kirche, Sitzfleisch pflegen? Weitergehen, ausprobieren, was Ihr könnt und dürft? Ihr dürft. Tut es.

Es ist kalt an dem Maimorgen, an dem ich zuerst von Elisabeth Zimmer höre. Kein Ende des Nieselregens ist abzusehen, als sie am Nordportal des Münchner Hauptbahnhofs steht, Temperatur knapp unter 10°. In der Hand einen Wanderstock, Alu, auf dem Rücken ein Rucksack mit dem Nötigsten. Ein Blick zum Himmel – Ehrlich: Sie hat keine Lust, aufzubrechen. Die Wohnung zu Hause, warm, gemütlich, das wäre eine Alternative. Aber so? Und wie soll das enden, wenn’s schon so losgeht. Sie zögert.

Ich kann’s keiner und keinem verdenken, wenn Ihr selbst auch zögert. „Ja sagen ist leicht – „Ja“ leben ist schon etwas anderes. Doch lieber zurück ins warme Nest des Alltags? Ein Leben lang als Christ leben? Mit allen Folgen? „Man kann’s ja auch übertreiben! Bin ich Mitarbeiter? Kirchenälteste? Pfarrer? Ist mir etwa ein Heiligenschein gewachsen?“ Komm, lassen wir’s. Warten wir auf besseres Wetter.

Elisabeth Zimmer fühlt sich gar nicht wohl: Der erste Schritt kostet unendlich viel Mut – es ist mehr als nur ein Schritt. Es heißt: „Ich nehme mich selbst, meine Absichten und Pläne ernst, und nicht die Umstände. Ich lasse das Gewohnte los. Jedenfalls heute – morgen ist wieder ein anderer Tag.“ – Der Rucksack ist leicht. Viel ist zu Hause geblieben, Liebgewordenes. Kleider zum Wechseln im Rucksack, Waschzeug, ein Buch, eine Kladde, Schreiber, Pflaster, eine Elastikbinde, wenig Kleinkram, Vesper und Trinkflasche – jedes Gramm abgewogen, austariert: Bei so einem langen Weg zählt jedes Gramm.

Sie macht den ersten Schritt. Und den zweiten. Am Ende der Straße ist der Schritt sicher geworden, fordernder; Sie will etwas – und sie tuts auch. Der erste Schritt kostet Mut. Jeder erste Schritt kostet Mut. Was wird Euer erster Schritt sein? Was werdet Ihr mitnehmen? Was ist wichtig? Was ist nett, aber am Ende Ballast? Was einpacken, was erst einmal liegen lassen? Tage später kommt sie hier in der Gegend vorbei, ein Stück am See entlang, dann in die Schweiz hinein. Die Muschel, Zeichen des Apostel Jakobus, ist das Wegzeichen. Sie verlässt die Schweiz, folgt dem Rhônetal auf dem Weg nach dem Süden. Plötzlich eine ganz neue Erfahrung: „Eigentlich für uns undenkbar – wilde Hunde, ein aggressives Volk, richtige Wadenbeißer, wenn man sie lässt. Da hab ich mehr als einmal auf dem Weg zwischen den Dörfern meinen Pilgerstab als Knüppel benutzen müssen.“ Sagt sie und zeigt ein, zwei Narben im Holz, die Hundezähne hinterlassen haben. „Und Sie?“ „Bis auf einmal bin ich mit heiler Haut davongekommen – diese Biester,“ Sie lacht. „Als ob sie mich wieder nach Hause zurücktreiben wollten. Einmal ist mir so ein Kerl zwei Kilometer gefolgt. Der wollte einfach nicht aufgeben!“ Wilde Hunde in Savoyen – Wilde Hunde – die gibt’s auch, wenn sich eine, einer auf den Weg macht, Jesus nachzufolgen. Kann gut sein, dass Leute dann ausflippen „Hast wohl´n Rad ab?“ „Bist Du jetzt wirklich fromm geworden? Spott. Unverständnis, manchmal aggressiv. Frommsein ist nicht „in“, wirklich nicht. Und wenn dann die wilden Kerle kommen – was ist dann Dein Stock?

Wieder Wochen später: Savoyen liegt hinter ihr, sie hat die Rhône überquert, es ist Juni geworden, die Wärme des Südens kommt ihr entgegen. Schöne und entspannende Tage. Gehen wie ein angenehmer Spaziergang. Sie freut sich über jeden neuen Tag. Aber dann die weiten Maisfelder. Sie machen ihr Mühe. Hoch steht der Mais. Sie kann nicht drüber hinwegsehen. Mal folgt sie dem Muschelzeichen, dann dem Kompass, dann einer Wegbeschreibung, dann dem Gefühl. Aber die alten Beschreibungen stimmen nicht mehr. Die Zeit, die Menschen, die weiträumige Landwirtschaft hat die Landschaft verändert. Einmal, mehr als einmal läuft sie in eine Sackgasse. Einmal, mehr als einmal läuft sie wieder zurück und heraus, schimpfend, die Füße tun weh, der eine blutig. Sie ist durstig und an manchen Tagen kurz, ganz kurz vor dem Aufgeben. Ich kenne das: Christsein nach der Konfirmation ist ein Marathon, kein Zuschauersport, auch keine Kurzstreckendisziplin. Und die Wegzeichen sind manchmal schwer zu finden. Vieles ist heute gültig, gleich gültig, eigentlich gleichgültig. Welche Wege werdet Ihr gehen – Ihr werdet Wege gehen mit Eurem Lebensweg. Es gibt so viele Wegzeichen, ein ganzes Dickicht von Möglichkeiten zu leben – wie die hohen, weiten Maisfelder. Wo finde ich da rein – und am Ende wieder heraus? Was, wenn die Kraft ausgeht und die Lust? . In welche Sackgassen werdet Ihr geraten? (Es ist nicht schlimm, in Sackgassen zu geraten – schlimm ist nur, darin stec ken zu bleiben.) Elisabeth Zimmer kommt in eine Herberge. Die Füße sind blutig. Vor ihrem inneren Auge sieht sie sich schon im Zug nach Hause sitzen: Lyon, Genf, München, die eigene Wohnung, das eigene Bett – und dann begegnet sie Menschen, die für sie da sind: für die zermürbte Seele, für die blutigen Füße. Sie bleibt ein paar Tage. „Die Menschen dort,“ wird sie später berichten, „das waren Menschen wie eine Herberge. Die hatten einfach Zeit, die konnten zuhören – und die Zwischentöne meiner Resignation, die hörten sie auch, ohne sie mir gleich ausreden zu wollen. Die waren einfach für mich da, absichtslos. Das tat gut.“

Menschen wie eine Herberge, Menschen, die einfach da sind, ohne gleich etwas von mir zu wollen, die es einfach bringen: Die gibt es. Hier, in der HöriGemeinde. Ich habe das erlebt. Ihr werdet es auch erleben, wenn Ihr’s nur sucht. Das sind Menschen, die in den Durststrecken von Christsein wie eine Oase sind. Ich wünsche Euch solche Menschen dann, wenn Ihr sie braucht. Die machen einem Mut, nicht die Flinte ins Korn zu werfen, weiterzumachen. Sie ging weiter; mit neuem Mut. Sie kam in die Pyrenäen. Das Auf und Ab, Berge und Täler – bald summierten sich die Höhenmeter in Höhenkilometer. Sie berichtet: „Je näher ich dem Ziel kam, desto mehr Menschen traf ich, die mit demselben Ziel unterwegs waren. Da war der Engländer, der nachts schnarchte, dass die ganze Herberge es hören konnte, da waren die beiden Frauen aus Dänemark, Mutter und Tochter, die so herrlich lachen konnten, da war das Ehepaar aus Belgien und die Jugendgruppe aus Würzburg. Am Abend, in der Herberge, waren wir zusammen, erzählten, lachten, bei Tag gingen wir weiter – jeder in seiner Geschwindigkeit, allein meist, bis wir uns am Abend wieder trafen.“

Nicht allein sein. Menschen finden, die das gleiche Ziel haben, womöglich jemanden finden wie die aus der Jugendgruppe, die gemeinsam die Tage teilen, das ist ein Segen. Ihr seid neunzehn – wie werdet Ihr den Weg gehen, wen werdet Ihr unterwegs treffen, was werdet Ihr Euch am Ende einer Etappe erzählen wollen. [Und: Selbst der Schnarcher ist unterwegs.] „Dann das Ziel. Ich setzte mich erst einmal hin und schaute in das Tal. Zum Lachen und zum Weinen zugleich war mir zumute. Meine Füße spürte ich nicht mehr. Es war einfach alles gut und ein Gefühl von ganz tiefer Befriedigung, angekommen zu sein. Ich machte mich auf den Weg in den Talgrund, traf die, die mit mir unterwegs waren und noch viel mehr drunten in Santiago. – Und dann das Fest, das wir am Ende der Woche feierten. Es war wunderbar.“ Ihre Augen leuchten …

Wie werden Eure Augen leuchten, wenn Ihr das Ziel erreicht habt? Nicht Santiago de Compostella – obwohl: der Weg ist nicht schlecht. Es gibt viele andere Orte. Etappenziele. Am Ende das Ziel mit Gott für Eure Leben. Weiß Gott – ich würde gerne dabeisein, wenn Eure Augen strahlen, wenn Ihr über Euch selbst staunt, dass Ihr das Unmögliche geschafft habt, wenn Ihr zurückschaut und die Gegenden und Menschen und Situationen noch einmal vor Euch seht, den Nieselregen, die Hunde von Savoyen, die Irrwege durch die Maisfelder, Menschen, die Euch wie eine Herberge sein werden, die, die mit unterwegs sind – die Sympathischen, die Unsympathischen – und sagt: „Gott sei Dank.“

Alles eine Nummer zu groß für Dich? Abraham hat’s geschafft. Hätte man ihn vorher darauf angesprochen, er hätte die Zumutung von sich gewiesen. Aber dann kam die Anrede Gottes und er ging. Den ersten Schritt, den zweiten, die anderen, Wege, Umwege, kam an. Und: „Der in Euch das gute Werk des Glaubens begonnen hat, der wird es auch vollenden hin zum Tag der Wiederkunft Jesu Christi.“ Gott segne Euch. Gott segne Dich.

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