Liedpredigt Wir pflügen und wir streuen

Predigt über EG 508 „Wir pflügen und wir streuen“

Kanzelgruß

Liebe Gemeinde,
wie schön, dass wir heute so viel singen im Gottesdienst.
Heute, am Erntedanktag, singen wir besonders viele Lieder, die die Natur beschreiben: das schöne Himmelzelt, Feld und Tau und Regen.
Da darf natürlich auch das Erntelied von Matthias Claudius nicht fehlen. Über dieses Lied möchte ich heute mit Ihnen nachdenken. Wenn Sie möchten, lassen Sie das Gesangbuch während der Predigt an dieser Stelle (EG 508) aufgeschlagen.
Lassen Sie uns zuerst die 1. Strophe mit Kehrvers singen. Später werden wir dann die jeweils nächsten Strophen mit ihren Kehrversen singen.

1. Wir pflügen, und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

Refrain: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Beginnen wir mit der Melodie des Liedes.
Der Tonumfang verlangt uns einiges ab. Er führt uns nach ganz oben und ganz unten in unserer Stimme. Zuerst geht die Melodie in Sprüngen nach oben (Wir pflügen und wir streuen), dann in kleinen Schritten wieder nach unten (den Samen auf das Land). So haben wir fast den ganzen Tonumfang schon abgemessen. Und dann passiert etwas Neues: Im nächsten kleinen Abschnitt verlassen wir zwar nicht den Tonumfang, aber die Tonart: (Doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand). Dann kehren wir wieder in die alte Tonart zurück und gehen dabei ganz schön hoch (der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf), und am Schluß geht’s dann wieder hinunter (und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.) – Die Melodie ist also ein bisschen wie eine Achterbahn.
Dabei legt die Melodie den Text aus: wenn die Erde gepflügt und der Acker besät wird, dann endet die Melodie unten, fast beim tiefsten Ton des ganzen Liedes. Dann ist von Wachsen und Gedeihen die Rede ist, und die Melodie steigt auf. Danach geht es wieder hinab, wie die Hand, die sich vom Himmel hinunter neigt.
Der Wechsel in eine andere Tonart geschieht an genau dieser Stelle. Bislang war von der Erde, dem Acker und seine Pflanzen gesprochen worden. Nun kommt der Himmel hinzu, also etwas Neues, Anderes. Darum eine neue Tonart.
Doch Himmel und Erde treten in Verbindung. Und so kehrt auch die Melodie wieder zur alten Tonart zurück, die Töne sind dabei himmelhoch (der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf) und dann fällt die Melodie mit dem Regen ab, bis zum tiefsten Ton der Melodie: (und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.) – Bis in die hinterste Ritze dringt der Regen vor und befeuchtet die Erde.

Der Rhythmus des Liedes ist zunächst ganz gleichmäßig. Man könnte bequem danach gehen. Doch im Kehrvers tauchen dann punktierte Noten auf und Noten mit einem Fähnchen am Hals. So wird der Rhythmus unregelmäßig. Es ist, als ob man hüpft, nicht mehr gleichmäßig geht. Hüpft wie ein Kind vor Freude.

Wir wollen nun die 2. Strophe singen:

2. Er sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behände
in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Refrain

Nun zum Text.
In der ersten Strophe schreibt Matthias Claudius einerseits von der Erde und den Menschen, die darauf leben, sie bestellen und so von ihr leben. Und andererseits über den Himmel, der sich über das Land wölbt und es beregnet und die Saat zum Wachsen bringt. Man könnte meinen, dass hier der Wachstumskreislauf und die Jahreszeiten geschildert werden, und so ist es ja auch. Doch da ist noch mehr. Hinter der guten Ordnung von Saat und Ernte, Frühling und Herbst, steht Gott.
In der zweiten Strophe benennt Matthias Claudius offen, was in der ersten Strophe erst erahnt werden konnte: Gott sendet, was wir selbst nicht machen können und was doch zum Leben notwendig ist: Sonne und Regen, Tag und Nacht. Die Ernte und was daraus verarbeitet wird – dafür haben Menschen gearbeitet. Doch Gott gibt seinen Segen dazu, wickelt ihn allerdings „zart und künstlich“ ein. Und deshalb übersehen Menschen Gottes gute Gaben oft.
Matthias Claudius sagt uns: im Leben spielt beides zusammen: unser Tun und Lassen und Gottes Handeln.

Nun wollen wir die 3. Strophe singen:

3. Was nah ist und was ferne,
von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne,
der Sperling und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter
und Korn und Obst von ihm,
das schöne Frühlingswetter
und Schnee und Ungestüm.

Refrain

Matthias Claudius wird noch einmal deutlicher: Nahes und Fernes, Großes und Kleines – also auch Gegensätzliches – und dazu alles, was wir zum Leben brauchen, woran wir uns freuen, kommt von Gott.
Nun mag man sagen: das ist ja alles ganz hübsch. Aber Matthias Claudius malt die Welt ja reichlich schön. Wenn wir die Zeitung aufschlagen oder das Radio oder den Fernseher einschalten, hören wir von Krieg und Gewalt und Menschen auf der Flucht, von Hungersnöten und Katastrophen. Das alles fehlt in diesem Lied.
Ich denke, wir täten Matthias Claudius Unrecht, wenn wir ihm Naivität und Schönmalerei vorwürfen. Der Dichter hat in seinem Leben Schmerz und Leid und Not selbst erlebt und bei anderen gesehen. So stirbt sein älterer Bruder Josias als junger Mann an den Pocken, und Claudius hält die Trauerrede für ihn. Später verstirbt sein erstgeborenes Kind kurz nach der Geburt. Claudius lebte bis 1785 immer am Rande der Armut und hatte eine elfköpfige Kinderschar zu ernähren. Vor dem Schrecken des Krieges verschließt er nicht die Augen und dichtet: „ ‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! / ‘s ist leider Krieg – / und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein!“

In unserm Erntelied sehe ich das Wissen um Leid und Not angedeutet in den Worten „und Schnee und Ungestüm“.
Alle gute Gabe kommt aus Gottes Hand. Aus Gottes Hand kommt auch, worunter wir leiden, was uns Angst macht. Doch wie Schnee und Ungestüm geht auch das vorbei – und verändert uns.
Gott ist also der Urheber des Kosmos, des Großen. Und doch wendet Gott sich auch dem Kleinen zu – und dazu auch jedem einzelnen von uns. Er schenkt uns Freude, schenkt uns Gesundheit, Menschen, die wir lieben können und für die wir sorgen sollen, und das, was wir zum Leben brauchen. So heißt es in der letzten Strophe, die wir jetzt singen:

4. Er lässt die Sonn aufgehen,
er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen
und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude,
er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide
und unsern Kindern Brot.

Refrain

Und wir? Was ist unser Teil dabei?
Wir Menschen haben unsere Aufgaben: unser Leben verantwortlich und aufmerksam zu gestalten. Dazu gehört auch Dankbarkeit.
Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens, sagt man.
Und dazu gehört, dafür zu sorgen, dass die Nahrung, die auf Äckern und in Ställen wächst, gerecht verteilt wird, damit alle Menschen satt werden. Ernten und Nahrungsmittel dürfen also nicht als Spekulationsobjekte oder alternative Energiequellen missbraucht werden, solange Menschen hungern müssen. Die Preise für Lebensmittel dürfen nicht so sehr gedrückt werden, daß – insbesondere kleinere -landwirtschaftliche Betriebe aufgeben müssen – wie das zuletzt bei den Milchbauern geschehen ist.
Dazu gehört außerdem zu erkennen, wo die Grenzen unseres verantwortlichen Handelns sind.
Und zu erkennen, wo Gott handelt.
Gott können wir mit Danken begegnen – oder auch in der Klage. Wir können – nein, sollen – Gott mit dem in den Ohren liegen, was uns bewegt – positiv oder negativ. Und wir können auf Gott hoffen, dass er zurecht und zuende bringt, was wir beginnen.
Darum lassen Sie uns noch einmal den Kehrvers singen:

Refrain

Amen
Kanzelsegen

PS: Das zitierte Gedicht: M. Claudius, Kriegslied, 1778

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