Liedpredigt: Die Nacht ist vorgedrungen (zum 75.Todestag Jochen Kleppers)

Für Donnerstag, den 10.Dezember 1942, also genau 75 Jahren, findet sich ein letzter Tagebucheintrag: „Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“
Wie dunkel ist es wohl in einem Menschen und um ihn herum, wenn er aus dem Leben scheidet, weil er nicht mehr an ein gutes Morgen glauben kann, weil es womöglich für ihn kein gutes Morgen mehr geben kann oder weil ihm einfach die Kraft fehlt vom Morgen etwas zu erhoffen oder zu befürchten. Das kann wohl nur erahnen, wer selbst einmal solche Finsternis erlebt hat. Aber viele leben mit diesem ewigen Kampf ihres Daseins und finden nicht immer das Verständnis und den Beistand, der ihnen ein Lichtblick sein könnte
Jochen Klepper hat vor beinahe 75 Jahren mit seiner Frau Johanna und der noch bei ihnen lebenden (Stief-)Tochter Renate diesen Weg gewählt, um der drohenden Deportation beider Frauen, die nach den NS-Rassegesetzen Jüdinnen waren, zuvorzukommen. Dabei hat er in seinem Leben schon häufiger solche dunklen Phasen durchlitten und in ihnen um sein Leben gerungen. Ist es Sünde, Gotteslästerung aus eigenen Stücken aus dem Leben zu scheiden, wie es ja in dem umgangssprachlichen Wort „Selbstmord“ bis heute durchschimmert? Oder kann man mit dem Blick auf Christus gleichsam erhobenen Hauptes mit dem frei gewählten Tod aus der Dunkelheit in das Licht schreiten? 1933 hat der Dichter Jochen Klepper einmal geschrieben: „Ich glaube, dass der Selbstmord unter die Vergebung fällt wie alle andere Sünde. Und der , der ich heute bin, will mit Hanni sterben… der Mensch, der mein Leben ist, soll auch die letzte Stunde meines Lebens bestimmen. Und dann ist nur noch Gott.“ Im Tagebucheintrag vom 3.April 1933 dagegen heißt es: „Ich stehen dem Leben von Tag zu Tag nicht feindselig gegenüber.“
Es war also schon lange ein Leben hin und hergerrissen zwischen Licht und Dunkelheit.
Und zugleich ist dieser zerrissene, verzweifelte, nach Halt, Liebe und Zukunft suchende Mensch von einer Glaubensgewissheit und einer Zuversicht getragen, die ihn zu einem der großen Liederdichter in unsrem Gesangbuch macht. Wer um die Tragik, die in ihm über Jahre, ja Jahrzehnte gekämpft hat, weiß, singt vielleicht auch vertraute Strophen mit einem anderen Bewusstsein: EG 16,1

Das Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ schrieb Jochen Klepper am Vorabend des vierten Advent 1937. 1937 war das Jahr, in dem er (mit Einschreiben vom 25.März) aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen wurde mit der Begründung keinen positiven Einfluss auf die geistige und kulturelle Entwicklung der Nation nehmen zu können. Dieses Berufsverbot traf einen, der davon träumte ein protestantischer Dichter zu sein, dessen Werke nun aber nicht mehr verlegt, dessen Artikel nicht mehr gedruckt werden durften. Dabei war sein gerade erschienener Roman „ der Vater“ ein großer Erfolg. Mit dem Konflikt zwischen dem preußischen Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I., und dessen Sohn Friedrich II. dem Großen thematisierte er seinen eigenen Vater-Sohn-Konflikt, er stammte aus einem evangelischen Pfarrhaus, und entwarf im Bild eines Königs, der in allem nach Gott fragt und sich als „ersten Diener im Staat“ begreift, das Gegenbild zum Führerkult des Nationalsozialismus. Er war politisch kein Widerständler, aber ein innerlich von der Ideologie des Nationalsozialismus und des Antisemitismus freier Mensch und im Zwiespalt, mit einer Obrigkeit leben zu müssen, die nach biblischen Zeugnis von Gott sei, und einer Weltanschauung, die ihn als Mann einer jüdischen Frau direkt traf. Jochen Klepper war trotz Widerstand in den eigenen Familien seit 1931 mit der Breslauer Witwe Johanna Stein verheiratet, die die beiden Töchter Brigitte und Renate mit in die Ehe brachte. Der Vater Klepper nannte Johanna eine „glaubenslose Frau“, weil sie Jüdin war. 1938 ließ sie sich taufen. Dann wurden sie auch kirchlich getraut.
In dem Bild der Nacht spiegelt sich die persönliche Situation der Familie Klepper ebenso wieder wie die politische und geistige Situation im NS-Deutschland. Aber es sind eben auch schon oft dunkle Schatten auf dieses Leben gefallen. Denn seit seiner Jugend litt er immer wieder unter Depressionen. In seiner Seele war es manchmal Nacht; innenmüde hat jemand dieses Gefühl genannt, keinen Ausweg zu finden und immer nach dem Sinn auch des eigenen Lebens zu suchen. Und dennoch zeigen die Leider und Texte Jochen Kleppers, wie er in den Tiefen der menschlichen Not die Botschaft der Liebe Gottes, die stärker als alle Todesmächte ist, erlebt und weitersagt. Er schöpft dabei wie aus einer lebendigen und erfrischenden, tröstenden und stärkenden. gleichsam mitten in der Nacht lichtspendenden Quelle aus dem Bilder- und Sprachreichtum der Bibel. An der eben gesungenen ersten Strophe kann man das wunderbar studieren:Mit der Epistel des ersten Adventes: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes“ schreibt der Apostel Paulus. Oder aber mit Psalm 30 beten wir: „Den Abend lang währt das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“ Und zu guter letzt mit dem zweiten Petrusbrief: „Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“ Alles verdichtet in einer Strophe dieses Adventsliedes, Die Melodie von Johannes Petzoldt steht in der phrygischen Kirchentonart. Wir kennen sie von den Liedern aus der Passionszeit : „O Haupt voll Blut und Wunden“ oder aber „aus tiefer Not schrei ich zu dir“. So klingen die durchlebten Tiefen menschlicher Erfahrung, aber unser Lied endet mit einem Dur-Akkord hoffnungsvoll. Die Melodie ist wie das Leben in einem ständigen Auf und Ab. Mit dem Motiv eines Schreittanzes schreiten wir voller Hoffnung durch das Dunkel des Lebens und der Zeit und folgen dem Stern hin zu dem Kind, weil es unser Lichtblick ist. EG 16, 2+3

Schuld, Sühne und Gericht sind immer wiederkehrende Motive in den Liedern und Texten Jochen Kleppers. Er fragt nach seiner persönlichen Schuld bei den Entscheidungen über Leben und Tod redet doch zugleich immer von Rettung und Erlösung aus den schuldhaften Zusammenhängen, in denen wir uns vorfinden.
„Schluss mit der Sünde“ hieße für ihn: Gott hat mit den Folgen der Schuld Schuss gemacht. Jochen Klepper spricht von menschlicher Schuld immer aus der Perspektive der Vergebung. Deswegen ist diese zentrale Botschaft unseres Glaubens zutiefst tröstlich. Es wird nicht verurteilt oder ausgegrenzt. Es ist das Gegenteil moralischer Überheblichkeit, denn wo Menschen unter der Last ihrer Schuld leiden, wird verheißen: „er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt.“ Ganz weihnachtlich redet Jochen Klepper dabei gar nicht vom Kreuz Jesu. Das Kind verdient das Vertrauen der Glaubenden, das Heil findet sich im Stall, wenn wir uns wie die Hirten aufmachen. Im Kind hat sich Gott mit uns verbündet. Er ist ganz von der Erfahrung erfüllt, dass Gott Mensch und damit ihm und uns ganz nah geworden ist. Kein Gott, der sich mal eben in Menschengestalt verkleidet, um Menschen zu täuschen, sondern ein Kind ist das Heil, entäußert und hilflos, auf die Fürsorge und den Schutz anderer angewiesen. Die Ohnmacht, die Jochen Klepper in der Nacht seines Lebens auch erfährt, ist es, die ihm im Kind der Krippe zum Heil und zum Zeichen der Nähe und Güte Gottes wird. Ein Zeichen, dafür, dass die Nacht in ihrer größten Dunkelheit schon im Schwinden ist und das Licht aufgeht, auch wenn Dunkelheit das Herz noch einengt und zuschnürt. EG 16, 4+5
Die Nacht ist im Schwinden, aber noch nicht vertrieben. Dunkel ist es manchmal in uns, dunkel um uns herum. Dunkel war Deutschland in den dreißiger Jahren, verloren gegangen schien über weite Teile alle Menschlichkeit und aller Anstand, auch alle Gottesfurcht. Aber Menschenleid und Menschenschuld sind zeitlos, sind schicksalhaft. Ideologien, Angst und Hetze verdunkeln Herzen, verschließen Augen und verbergen so die zum Himmel schreiende Not so vieler auch heute. Viele waren empört als Joachim Gauck nach den Ausschreitungen in Sachsen von Dunkeldeutschland gesprochen hat. Aber mit der Dunkelheit von Schuld privat und in der Gesellschaft, mit der Angst in der Dunkelheit finden wir uns nicht ab. Wir wagen Vertrauen in das Licht der Liebe Gottes manchmal auch gegen allen Augenschein und gegen alle Vernunft: der Stern der Gotteshuld leuchtet.
Gott geht nach und Gott mit und das ist kein billiger Trost, sondern Ermutigung mitten im Alltag: J.K. schreibt 1941 zu Weihnachten: „Weihnachten ist da: und noch immer schreit das Herz: Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab. Und er ist doch herabgefahren; und wir glauben es fest. Und sind doch in so entsetzliche Verwirrung und Versuchung und Verirrung geraten… Ganz gewiß kann Gott aus der äußeren Qual erretten, aber zu dieser Weihnacht und mancher (Weihnacht) hat er viele, viele an sie durch Menschen ausliefern lassen. Dies ist nicht das Entscheidende. In Römer 8 steht alles.“ (vgl Diksuission über Neuübersetzung der Bitte im VU und führe uns nicht in Versuchung….)
Der Zwiespalt zwischen alter und neuer Welt, zwischen Hoffnung und Zweifel, Licht und Dunkelheit gehört nicht nur zu Jochen Klepper und seinem Leben, über das noch viel gesagt werden müsste. Es ist Ausdruck unserer Wirklichkeit. Wir warten auf den großen Advent und leiden mit der Gegenwart und vielen Menschen. Und unterwegs folgen wir dem Stern und lernen von solchen innerlich zerrissenen Glaubenszeugen wie Jochen Klepper, „ dass es im Leben und Glauben einzig darauf ankommt, sich ganz und gar Gott zu übergeben und ihn in sich und an sich wirken zu lassen – sich ihm gänzlich zu überlassen. In allem Dunkel wächst dann eine Verwandlung des Selbstbewusstseins in ein Gottesbewusstsein. Es entsteht eine tiefe Gottgeborgenheit – die Gewissheit eines Endes der Nacht. (Stefan Seidel)“ – auch wenn die Dunkelheit äußerlich nicht weichen mag. EG 19

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