Liebe und Dankbarkeit (Phil 4,13)

Phil 4,13
[13] Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

[85-jähriger Mann nach erfülltem Leben]

Liebe Frau N.N., liebe Angehörigen, werte Trauergemeinde.

Mit Beerdigungsansprachen verhält es sich so: Keine Ansprache gleicht der anderen, denn jedes Mal, wenn ich hier an dieser Stelle stehe, um zu predigen, um Ihnen das Wort Gottes nahe zu bringen, geht es um den einzelnen Menschen, den wir zu Grabe tragen müssen. Heute ist es auch so: N.N. war und ist ein Einzelstück aus der Schöpfung Gottes. Kein Mensch war wie er, kein Mensch auf dieser weiten Welt hat so empfunden wie er, keiner so ausgesehen und gesprochen wie er.
Wie komme ich nun dazu, Ihnen das zu sagen?

Bevor ich vorgestern vom Gespräch nach Hause fuhr, habe ich noch einen Augenblick an meinem Auto gestanden und habe wahrgenommen: Die Sonne geht unter. In einem flammenden Rot wurden die Zweige der Bäume in Ihrem Garten hervorgehoben und ergaben so ein Bild, das ich mir einfach ansehen musste. Kein Tag gleicht dem anderen, so dachte ich. Kein Sonnenuntergang ist mit dem anderen identisch. Gott ist in seiner Schöpferlaune nicht langweilig oder fade, sondern sprüht nur so vor Ideen und Farben und Stimmungen. Kein Tag im Leben von N.N. war gleich. Sondern jeder Tag, und es waren viele Tage, hat sein eigenes Gepräge gehabt. Und das bis zum Schluss. Liebe N.N., liebe Kinder und Schwiegerkinder unseres Verstorbenen, sie müssen heute einen ganz besonderen Menschen loslassen. Und es gibt, wenn Sie zurückblicken zwei Worte, die Ihr Verhältnis zu ihm beschreiben können: Das eine Wort heißt Liebe. Das andere Wort lautet Dankbarkeit.

Sehen wir uns diese Verhältnismäßigkeiten an. Sie, die drei Töchter unseres Verstorbenen haben von ihm alle Liebe bekommen, die er Ihnen geben konnte. Und dieser Ihr Vater hat es von Herzen gerne getan, das habe ich in unserem Gespräch wohl gemerkt. Wissen Sie woran ich das auch gemerkt habe? Ich habe es an seinen Augen, an seinem Blick gesehen. Da war kein Falsch und auch kein Hintergedanke zu erkennen, was N.N. getan hat, das hat er gerne getan. Ihnen zur Liebe, Ihnen seinen Schwiegersöhnen und auch den Enkelkindern.

Es gibt so einige Schlaglichter, die das belegen: Abends wenn sie als Kinder ins Bett gegangen waren und man wusste, am nächsten Tag sollten Faschingskostüme gebraucht werden, dann hat er sich hingesetzt und hat welche gemacht. Er hat sich am nächsten Tag sicherlich genauso gefreut wie Sie seinerzeit. N.N. war ein einzigartiger Mensch, einer der auf der Klaviatur des Lebens spielen konnte und dabei schöne Melodien hervorzaubern konnte. Musik war etwas, was er mochte. Sie wurden als Kinder schon früh an die Musik von Verdi herangeführt und das kann nur gut gewesen sein, denn es ist ein Stückchen Bildung, was Ihnen da mitgegeben wurde. Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder, das Wort kennen sie alle aus nächster Nähe und das Wesen von N.N. hat es immerzu unterstrichen. Dabei galt seine große Liebe dem Tango. Wie oft haben sie Tango gehört und nach dieser Musik getanzt, vor allen Dingen Sie, liebe Frau N.N. N.N. war weltoffen, er hat sich für viele Dinge interessiert und ich denken, das wurde ihm mitgegeben von seinen Eltern und er hat dieses Erbe gepflegt und ausgebaut. Das ist prima, denn so kann man ja in positiver Weise etwas weiter geben, was man selber bekommen hat.

N.N. wurde am 6. Juni 1917 in Höfer geboren, in Beedenbostel getauft und als zweijähriger kam er mit den Eltern nach Habighorst. Hier besuchte er die Schule. Nach der Konfirmation am 29.3.31 wurde er zu Semmlers nach Eschede gegeben, um dort eine kaufmännische Lehre zu absolvieren. Es kam dann in den kommenden Jahren so, wie es für viele kam: N.N. musste zum Arbeitsdienst und dann für die Dauer des ganzen 2.Weltkrieges war er gezwungenermaßen Kriegsteilnehmer. Er wurde in Berlin zum Funker ausgebildet. 1949 haben Sie beide geheiratet und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie das war, als Sie Goldene Hochzeit gefeiert haben. Über fünfzig Jahre haben Sie, liebe N.N. mit N.N. Ihr Leben geteilt, Ihnen wurden drei tüchtige Töchter geschenkt; auch das ein Hinweis auf die Liebe und Warmherzigkeit, die Gott Ihnen zuteil werden ließ. N.N. war über 40 Jahre im Bergwerk Maria Glück beschäftigt. Urkunden belegen seine Treue, die er tagtäglich bei seiner Arbeit unter Beweis stellte. Das ist gut so und das stiftet an, so wie er treu zu sein, in den kleinen und großen Dingen des Lebens. N.N. war beliebt in Habighorst, denn er war freundlich und jedermann gegenüber hilfsbereit. Dieser intelligente Mensch war naturwissenschaftlich interessiert und er hat darüber hinaus gerne getüftelt und gebastelt. Nach einem Messebesuch in Hannover hat er sich beispielsweise selber einen Plattenspieler gebaut, auf denen er auch seine Jazzplatten gehört hat. Und so einen Menschen trifft man ja nun fürwahr nicht alle Tage.

Aber, alle unsere Tage sind gezählt. Nicht von uns, das können wir nicht. Gott kann das und er alleine weiß, wie und wann unser letztes Stündlein kommt. Und das hat er auch bei N.N. gewusst. Vor dreieinhalb Jahren erlitt er einen Infarkt und in der letzten Zeit wurde er heimgesucht von der Alzheimerkrankheit. Die Kundigen unter uns wissen, wie es sich mit dieser Krankheit verhält. N.N. hat in der letzten Zeit immer wieder Dinge von früher erzählt, er hat – so würde es die Psychologen sagen – Teile seiner Vergangenheit aufgearbeitet. Mir fiel bei Ihren Schilderungen folgendes ein: Ich will das mal mit einem Bild sagen: N.N. hat sich mit leichtem Gepäck auf diese letzte Reise gemacht, denn vieles hat er für sich sortiert und hier gelassen. Das ist gut so und das kann nicht jeder für sich in Anspruch nehmen und deswegen konnte er auch in Frieden einschlafen. Am 22. Februar verstarb er in einem hohen Alter. Er hatte ein schönes Leben, denn er hat geliebt und wurde wieder geliebt. Und dieser Umstand macht nun den Abschied nicht gerade leicht, denn den, den man liebt, möchte man gerne bei sich behalten. Aber das geht nicht und Sie, alle Angehörigen werden auf Ihre Erinnerungen verwiesen. Ihnen wird beim Anblick dieses Sarges deutlich, dass das Streben zum Leben dazu gehört. Bewahren Sie N.N. ein liebevolles Andenken, das wird Ihnen auch helfen, mit dem Abschied, den wir heute nehmen müssen, besser klar zu kommen.

Der Konfirmationsspruch, den N.N. bekam und der dieser Ansprache zugrunde liegt, wird Ihnen möglicherweise helfen. Er lautet: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig Macht, Christus.

Liebe Trauergemeinde, in diesem Text geht es auch um Kraft, Kraft zum Leben. Und das kommt in einem ungeheuren, ja verwegenen Bekenntnis des Paulus zum Ausdruck. Paulus sagt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“. Aber der Apostel lässt nicht offen, nein, er fügt gleich hinzu, woher er diese Kraft hat. Dafür steht ein Name, eine Person: Christus, der Träger von Gottes Kraft. So spricht Paulus.

Und er sagt noch dazu, wie sich diese Kraft, die er von Christus empfängt, in seinem Leben auswirkt: „Ich kann mir genügen lassen, wie’s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden“. Erst mit diesen Sätzen wird die ganze Verwegenheit seines Bekenntnisses deutlich. Und ich frage mich und auch Sie, ob nicht dies auch das Bekenntnis von N.N. gewesen sein könnte, auch wenn er nie großartig darüber gesprochen hat, so hat er es doch gelebt. N.N. war Christ. Ein Christ, so könnte man folgern, ist eine Art Virtuose verschiedenster Lebenslagen und -situationen. Er kann das, weil er über ihnen steht. Er hat ihnen gegenüber eine gewaltige Freiheit. Die Freiheit der Wahl und des Sichfügens in bestimmte Situationen. Luthers berühmte Sätze, dass ein Christenmensch ein freier Herr über alle Dinge und zugleich ein dienstbarer Knecht aller Dinge ist, haben auch hier einen Anknüpfungspunkt gehabt. Im Apostel lebt etwas von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, auf deren Offenbarung die ganze Kreatur wartet.

Da mag aber vielleicht jemand aufstehen und einwänden: „Ja, das höre ich mit Bewunderung, wie Paulus so kühn und strahlend sagen kann: ‚Ich kann alles, weil Christus mir Kraft gibt in jeder und für jede Lebenslage'“. Der Fragende mag dann hinzufügen: „Lieber Paulus, mir ist es leider nicht so gegangen. Mich hat Christus oft enttäuscht, er hat mich auf langen Strecken sitzen lassen. Ich habe zu ihm gerufen und gebetet und mir hat er keine Kraft gegeben.“

Wie würde Paulus wohl darauf antworten? Ich denke etwa so: „Auch mir ist die Kraft, die Christus gibt, nicht per Druckknopf zugeflossen. Er hat mich oft und lange genug mehr meine Schwachheit spüren lassen als seine Kraft.“ Und Paulus würde wohl fortfahren: „Mein Bekenntnis habe ich nicht geschrieben, um andere zu beschämen oder gar klein zu machen. Ich bin kein Hagestolz. Ich schreibe doch zunächst von meiner Freude, und die Freude gilt nicht mir selber, zunächst auch nicht einmal Jesus Christus, sondern der Gemeinde in Philippi. Meine Freude entspringt der Dankbarkeit für erwiesene Solidarität. Die Leute aus Philippi hatten mir durch einige Leute Gaben ins Gefängnis bringen lassen. Sie wollten damit zeigen, dass sie sich um mich sorgen, und diese Teilnahme sollte mir Kraft verleihen im Gefängnis. Nun schreibe ich ihnen, damit sie sich nicht zu viel Sorgen machen. Ihre Teilnahme ist zwar sehr wichtig für mich.

Liebe Angehörigen, so haben Sie es in ähnlicher Weise auch mit N.N. gehalten. Sie waren ganz oft bei ihm und haben ihm gezeigt, wie sehr Sie ihn lieben und wie sehr Sie ja auch mit gelitten haben. Und nichts anderes heißt ja Sympathie, nämlich mit jemanden mitleiden können. „Die Christen in Philippi müssen aber wissen, dass ich mich inzwischen in den unterschiedlichsten Lebenslagen auskenne und ihnen auch gewachsen bin. Das aber verdanke ich einer anderen Beziehung. Das verdanke ich dem Herrn, der für uns Knecht wurde, dem König, der unser aller Diener ist. Das verdanke ich der Freiheit Jesu Christi.“ So würde Paulus wohl antworten.

Für sich genommen sind das Hochsein und das Niedrigsein, das Sattsein und das Hungern, das Überflusshaben und das Mangelleiden nicht Quellen der Befreiung, sondern der Bedrohungen des Lebens. Nicht nur der Hunger ist lebensgefährlich. Genau so sehr ist es das Überflusshaben.

Häufig genug ist die Kraft, die von Christus ausgeht, dort verschlossen, wo Hochmut, Überfluss und Sattheit herrschen. Diese unheilige Allianz bildet geradezu eine eiserne Mauer gegenüber Christus. Deshalb atmet die Welt auf, wo es Menschen gibt, die mit allem und jedem vertraut sind. Sie bürgen für eine solidarische Welt. Genau das kennzeichnet aber den Christen: Er ist vertraut mit allem und jedem, er ist bewährt in verschiedensten Lebenssituationen.

Das ist übrigens auch der Grund, warum Christen so sozial gesonnen sind. Ihnen sind alle Lebenslagen vertraut. Sie weinen mit den Weinenden, sie freuen sich mit den Fröhlichen, sie sehnen sich mit den Hungernden nach Gerechtigkeit.
Bewährt in verschiedenen Lebenslagen wird man aber nicht von einem Tag auf den anderen. Deshalb sagt Paulus auch: „Ich habe gelernt“. Und das hat N.N. auch getan. Er hat gelernt und sicherlich hat er auch das Loslassen gelernt. Entscheidend aber waren für das Leben von N.N. zwei Dinge: die Familie, die er gegründet hatte und die Arbeit, die er getan hat in seinem Leben. Ähnlich ist das bei Paulus: Der Apostel hatte eine klare Herkunft und ein klares Ziel. Die waren ihm Kraftquellen. Aber es stimmt: „Viel mehr als Ziele braucht man vor sich, um leben zu können, ein Gesicht“ (E. Canetti). Ein Gesicht? Paulus kannte viele Gesichter, aber sie waren ihm Widerschein des einen Gesichtes Jesu Christi, der ihm Lebenskraft gab zu allem und jedem. Christus ist die Kraft hinter und im Leben von N.N. gewesen Der Glaube an Christus war für unseren Verstorbenen wichtig, auch wenn er diesen Glauben nicht zu Markte getragen hat.

Lasst es uns dem Paulus nachsprechen und so in diesen neuen Lebensabschnitt gehen als zuversichtliche „Virtuosen“ unterschiedlicher Lebenslagen.
Lasst es uns wieder lernen, was es heißt, Gott die Sorgen zu sagen, Gott um Beistand zu bitten. Er, der seinen Sohn für uns in den Tod gab, der seinen Sohn hat auferstehen lassen, verheißt uns ewiges Leben. Und dieses Leben soll mitten in Trauer und Abschied beginnen. Er, Gott, ist mit uns, so wie er es auch bei N.N. war. Seine Treue und seine Güte ist jeden Tag neu und damit können wir rechnen, darauf sollen wir bauen. N.N. ist uns vorausgegangen. Gott wird sich auf ihn freuen und ich kann mir vorstellen, dass er sagen wird: Komm N.N., komm, hier bei mir ist Deine Bleibe, hier ist Dein neues Zuhause. Ich freu mich, dass Du kommst.

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