Liebe macht stark zum Leben

Fiktive Umfrage einer großen deutschen Tageszeitung: „Wenn sie auf das Jahr 2014 zurückschauen, was bleibt ihnen in Erinnerung?
Wenn sie auf das kommende Jahr vorausblicken: was wünschen sie sich? Vielmehr noch aber: was brauchen sie für ein gutes und zufriedenes Jahr….?“
Die befragten Passanten in der Einkaufspassage tun sich schwer.
Oben auf liegen natürlich die Bilder der letzten Tage und Wochen und kommen als erste in den Sinn:
eine brennende griechische Fähre mit fast 500 Passagieren, die um ihr Leben fürchten
Bilder von ängstlich wartenden Angehörigen eines malaysischen Flugzeuges und die bange Frage, ob sich wiederholt, was im Frühjahr schon einmal geschah
Zehntausende auf den Straßen in Dresden und die Frage nach dem Umgang mit Muslimen, Zuwanderern und Flüchtlingen in Deutschland.
Aber ist das wirklich das Jahr 2014?
Krieg in Syrien und Nigeria, Ebolaepidemie in afrikanischen Staaten,
der ewige Streit zwischen Israelis und Palastinensern,
der Konflikt um die Krim und die Sanktionen gegen Russland
War 2014 ein Jahr, in dem nicht nur der kalte Krieg zurückgekehrt ist, sondern überhaupt ein kriegsschwangeres Jahr, das durchaus Erinnerungen an 1914 wecken kann?
Da geraten dann die Bilder des Fußballsommers 2014 fast in Vergessenheit, mit den Jahresrückblicken steigt aber auch die Euphorie aus der Erinnerung auf (zumindest unter uns, denn der Titel für die einen ist ja zugleich Niederlage und Enttäuschung für viele andere…)
Und bei allem kommen dann die ganz persönlichen Erinnerungen an die glücklichen Augenblicke im Beruf oder mit der Familie, Feste, Begegnungen, familiäre Veränderungen wie die Hochzeiten oder die Geburt der (Enkel-)Kinder…
und/oder die traurigen Abschiede durch Wegzug, Krankheit oder Tod
Je nach der Perspektive fallen die Rückblicke unterschiedlich aus. Und ich möchte mich lieber davor hüten, endgültige Urteile zu fällen, die ein Jahr aus meiner begrenzten Perspektive vermeintlich objektiv als eine Zeit des Segens oder des Fluches, der Gottesnähe oder der Gottesferne, des Glücks oder des Unglücks deuten.
Am Anfang des Jahres 2014 hieß es: Gott nahe zu sein, ist mein Glück.
Ob ich dieses Glück gespürt habe, ob ich damit Gelassenheit für die wechselhaften Zeiten des Jahres gewonnen habe, verrät mir kein Jahresrückblick in den öffentlichen Medien und ist auch keine Meldung in Funk oder Fernsehen wert, sondern allein meine persönliche Jahresbilanz. Allerdings ist und bleibt es ein guter Hinweis darauf, dass zu einem gelingenden Leben eben auch vieles gehört, was nicht mit dem Glücksindikator messbar ist, sondern in den sehr persönlichen Bereich der Einstellungen und Überzeugungen gehört, die mein Empfinden und mein Lebensgefühl aber sehr stark beeinflussen: Gott nahe zu sein, mich gehalten, getragen, geborgen zu wissen, ist und bleibt mein Glück über einen Jahreswechsel und über persönliche Umbrüche hinaus und vielleicht gerade angesichts der vielen, in der Erinnerung sehr präsenten Augenblicke, wo ich Frieden, Sicherheit und Wohlstand unserer Welt sehr bedroht empfunden habe angesichts der vielen ungelösten und aussichtslosen Konflikte der Gegenwart.
Sie bestimmen wohl auch den Ausblick auf das Jahr 2015:
wir brauchen wirtschaftliche Stabilität, damit Menschen ihre Arbeit behalten und noch mehr Menschen von der Arbeit ihrer Hände leben können
wir brauchen Frieden und Verständigung zwischen den Völkern und noch mehr zwischen den Religionen,um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen und den Reichtum der verschiedenen Kulturen als Ausdruck der Schönheit und Buntheit des Lebens freizulegen
wir hoffen auf Gesundheit oder Gesundung, um sich am Leben freuen zu können.
Wir brauchen einen guten Wechsel von Anspannung und Entspannung, von Arbeit und Freizeit, um Glück und Zufriedenheit genießen zu können.
Wir brauchen Freunde und Familie, um nicht mit allem und allen immer allein dazustehen. Keiner kann kann ohne Schulter, an die er sich lehnen kann, ohne eine Hand, die seine ergreift, oder ohne Arme, die ihn umschließen und bergen, wirklich leben.
Brauchen wir Gott, um glücklich zu sein oder nicht?
Mich hat unter den theologischen Büchern in lwetzter Zeit besonders Hans-Martin Bartrh´s Buch „konfessionslos glücklich“ beeindruckt. Es versucht zu fassen , was es für gegenwärtige Menschen heißt ohne Gott zu leben und zu erzählen, wie man Menschen, die meinen, ohne Gott glücklich zu sein, beschreiben kann, was Christen am Glauben unverzichtbar ist. Das ist mehr als Herausforderung genug an unsere klein gewordenen Gemeinden, aber es ist eine Herausforderung, der wir uns stellen können, wenn wir unserem eigenen Glauben zutrauen, das andere ihn wahrnehmen und uns abnehmen.
Ich wage keinen Jahresausblick, weil auch der nur sehr relativ und sehr persönlichen sein kann, habe natürlich meine Vorstellungen an Gesellschaft und Politik und wünsche mir manchmal auch durchaus prophetischen Eifer und Einsatz unserer Kirchen im Einsatz für die Schwachen und Benachteiligten. Das dürfen wir dann in der nahen Zukunft auch durchaus öffentlich kundtun, gefragt oder ungefragt, egal ob erwünscht oder nicht. Heute aber lade ich nur herzlich dazu ein, die Welt im Kleinen und im Großen, Menschen, bekannt oder unbekannt, mit Bitte und Fürbitte zu begleiten, weil ich glaube, dass dies unser vornehmster Dienst und auch unser Gott genehmer Gottesdienst ist, so die Welt nicht sich zu überlassen, sondern sie immer wieder Gott ganz dringlich aufs Herz zu legen und so zu leben als ob Gott sei. Denn aus dem Beten erwächst das Tun. Aus der Konzentration auf das Menschenmögliche und Gottgefällige erwächst ein menschenfreundliches Antlitz dieser Welt, die wir nicht aufhören als Gottes Schöpfung zu glauben. Und das Menschenmögliche und Gottgefällige ist gar nicht so groß und so fern, wie wir vermuten oder uns zur Entschuldigung einreden.
Wenn ich die Jahreslosung 2015 als Hinweis verstehe, mich daran zu erinnern, was mir möglich und Gott gewollt ist, dann verliert sie befreiend und gut evangelisch ihr moralisches Drohpotential und bekommt eine enorm befreiende Dimension und gibt grundsätzlich Antwort auf die Frage, was ich wirklich auch 2015 zum Leben brauche: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“
Helen, von der ich erzählen möchte, müsste eigentlich ein glücklicher Mensch sein. Sie wird von ihrem Mann geliebt und hat zwei fröhliche und wilde Söhne. Aber sie trägt unbewusst eine schwere Last mit sich, als sie von unbekannten Freunden ihres Bruders an sein Krankenbett gerufen wird. Er möchte, dass sie der Mutter von seiner Aidserkrankung erzählt, eine neben mehreren Wahrheit über ihren kleinen Bruder, die auch sie erst einmal verarbeiten muss. Aber es kommt nach vielen Jahren des Schweigens oder des gegenseitigen Täuschens zu der gewünschten Begegnung des Sterbenskranken, der Schwester, der Mutter und der Großmutter, aber auch von Freunden, die selbstlos für den sterbenden und kranken da sind, weil er ihr Freund ist. Und es kommt zur Sprache in vielen Begegnungen und schmerzhaften Streitgesprächen, was immer das Thema ihres Lebens war und bleiben wird: Warum konnte die Mutter nie zeigen, dass sie bedingungslos und vorbehaltlos ihre Kinder liebt, weil es ihre Kinder sind und weil sie die Liebe benötigen, um ihren Weg und ihren Platz im Leben zu finden. Die ungelösten Konflikte im Leben der Mutter, die alles und alle überfordernden Schicksalsschläge, Krankheit und Tod kommen zu Sprache und nach und nach wird freigelegt und spürbar, was immer zwischen den Kindern, der Mutter und der Großmutter stand und die Liebe nie sprachfähig machte. Am Ende einer schmerzhaften Zeit, die nicht vergessen machen konnte, dass der Sohn, der Bruder bald stirbt, liegt aber frei, oben auf, die bis dahin nicht ausgesprochene Liebe, die alle verband und allem zum Trotz verbindet; am Ende wird sichtbar, was jeder und jede eigentlich braucht, um lebensfähig zu werden, zu sein und zu bleiben, um Mensch sein zu können: die Gewissheit, ohne Vorbedingungen angenommen und geliebt zu sein. Eltern lieben ohne Vorbedingung und Kinder lieben einfach zurück. Eltern machen ihre Kinder so stark für das Leben. Kinder antworten mit Vertrauen.
Mich erinnert die Jahreslosung daran, dass auch Christus ohne Vorbedingung liebt und mich so stark zum Leben, Überleben und dann auch zum Handeln macht. Und da kann ich lieben, in dem ich Menschen annehme als das, was sie in Gottes Augen sind und bleiben: sein Spiegelbild und seine Geschöpfe und damit auch seine Kinder.
Eine andere Richtschnur auch für das Leben in unseren Familien, in unseren Gemeinden und in unserer Gesellschaft brauchen wir nicht als die, aus der Erfahrung der Akzeptanz, der bedingungslose Annahme, ebenso bedingungslos annehmen zu können,ohne damit alles bedingungslos gutheißen zu müssen.
Christi Liebe dürfen wir in dieses neue Jahr mit hinein nehmen. Wir tragen sie in uns. Der Segen ist ein Zeichen für das, was wir am Leib tragen um im Herzen die Glaubensgewissheit des Apostels zu bewahren:
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“

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