Liebe für ein ganzes Leben – zur Jahreslosung 2016

Mit großen und braunen Augen schaut mich das kleine Mädchen, über die Schultern und an den Hals der Mutter geschmiegt, von dem Bild zur diesjährigen Jahreslosung an. Es ist kein Bild schön gemalter und damit ausgeblendeter Wirklichkeit, aber eins voller kindlichem Vertrauen inmitten eines Alltags, der überhaupt nicht idyllisch daherkommt und auch nicht glückliche Kindheit suggeriert.
Das Kind ist sicher und geborgen auf dem Arm der Mutter, aber das Leben ist hart und ungemütlich, denn die Umgebung erzählt von Armut, Verfall, Schmutz und Resignation.
Und so kann man in den Augen dieses kleinen Mädchens schon beides Lesen: Urvertrauen in die Fürsorge der Mutter, wie das Kind sich ganz darein gibt, und die Sorge angesichts der bedrohlichen Umwelt, in der es zu Hause ist und in der es aufwachsen wird. Es ist auch ein Sinnbild für unseren Umgang mit den Tagen zwischen den Jahren, die ich einfach als eine Ansammlung von normalen Tagen betrachten und damit mehr oder weniger ignorieren, auf Normalmaß reduzieren könnte – oder aber als Schwelle zu einem neuen und unbekannten Land und Lebensabschnitt mit allen Chancen, die das Neue bietet, aber auch mit allen Risiken, Gefahren und Herausforderungen im nicht zu stoppenden Fluss der Zeit.
Ich kann diese anschmiegsame Körperhaltung des Kindes beinahe körperlich nachvollziehen, denn auch ich möchte mich ja manchmal einfach anlehnen dürfen, nicht immer der starke, alles überschauende und dann entscheidende Mensch sein müssen. Auch ich brauche neben der Sorge, die meine Aufgabe ist, die Sorge mitfühlender und liebender Begleiter und Begleiterinnen im Leben um mich und für mich und damit ihre Fürsorge. Ich kann mich noch an das Vertrauen erinnern, sich im Arm der Mutter einfach bergen zu können, wenn irgendetwas die Kinderseele schmerzt oder gekränkt hat, obwohl meine Mutter, früh verstorben, diese Rolle nur einen Teil meiner Kindheit ausfüllen durfte.
Es ist gut stark zu sein, anderen eine Schulter hinhalten zu können, aber es ist genauso wichtig, in jedem Alter auch eine Schulter zum Anlehnen finden zu können.
Mir wurde nie mit dem Vater gedroht, der irgendwann nach Hause kommt und sich der unangenehmen Dinge der Kindererziehung wie Disziplin und Strenge gar Strafe annehmen musste. Aber die Rollen waren doch klar verteilt. Für die warme, fürsorgliche Zärtlichkeit war die Mutter zuständig. Ich bin froh, dass sich die Rollen und die Zeiten ein wenig geändert haben und hoffe darauf, dass meine Kinder zärtliche Sorge und Fürsorge von Mutter und Vater erlebt haben und als Urvertrauen in sich tragen. Ich bin ich froh, dass sich die Rollen und Zeiten geändert haben, weil es doch auf die Erfahrung hinter der mütterlichen Fürsorge ankommt, die genauso gut eine väterliche sein kann, weil es um die Liebe geht, die ein Lebensmittel wie Brot und Luft und Wasser ist.
Mir ist vor kurzem einer meiner ersten Konfirmanden wieder begegnet. Ich kann mich gut an seinen ersten Auftritt in meiner ersten Gemeinden im Konfirmandenunterricht erinnern. Er kam immer gern etwas später, damit alle sein Erscheinen wahrnehmen konnten und war dann sofort mit seinem lebensbejahenden Lachen präsent und dominant. Jahrelang besuchte er die Junge Gemeinde und war gerne Mittelpunkt und bei allen sehr beliebt. Vor wenigen Tagen traf ich ihn gewissermaßen in einer Talkshow mit seinem Lebenspartner wieder und sie erzählten von ihren Erfahrungen als schwule Pflegeeltern zweier Kinder, die in ihre Obhut gegeben wurden, weil sich die Mutter nicht um ihre Kinder kümmern konnte, einfach überfordert mit dieser Aufgabe war. Und sie erzählten, wie die Kinder Kontakt zu ihrer Mutter halten, aber wie selbstverständlich mit Papa und Papi leben, die auch in Kindergarten und Schule selbstverständlich Papa und Papi sind. Sie haben einen schwierigen Start ins Leben gehabt, aber sie haben einen Ort und Menschen gefunden, die sie lieben und liebevoll aufwachsen lassen und mit dem Grundvertrauen ausstatten, das sie wie wir alle im Leben brauchen.
Ich weiß, dass die vielen verschiedenen Lebensentwürfe und viele verschiedenen Familienkonstruktionen, die wir heute erleben, viele verunsichern. Aber dann sehe die Bilder dieses so mir vertrauten Konfirmanden, heute ein erwachsener Mann mitten im Leben, mit seinen so fröhlichen und glücklichen Kindern, die eine unbeschwerte Kindheit erleben dürfen, ebenso wie die Grüße eines Kollegen, der mir schreibt, wie sehr er sich über die Texte in dem Entwurf der Trauagende freut, die Anwendung finden soll wenn nach dem Anhörungsverfahren, das ja auch in unserem Kirchenkreis läuft, gleichgeschlechtliche Paare getraut werden können. Er möchte gerne einer der ersten sein, der so unter Gottes Segen Ja zu seinem Partner sagen und zugleich anderen vom Geschenk der Liebe und des Vertrauens erzählen kann, weil aus beiden immer auch Liebe und Vertrauen zu Gott leuchten kann.
Und wenn ich mir diese Bilder mit all den anderen Erfahrungen von Liebe und Fürsorge im letzten Jahr vor Augen halte und mich zugleich an die Spuren der Liebe von Gott und Menschen in meinem Leben erinnere, dann erfüllt mich das mit Dank und mit Freude und mit einer gehörigen Portion Gelassenheit, die mir gerade am Anfang eines Jahres gut tut. Ich weiß wohl, dass nicht alles gut war und alles gut ist.
Ich muss die Schreckensbilder von Anschlägen und Unglücken des letzten Jahres nicht alle noch einmal in Erinnerung rufen, das Schicksal der Flüchtlinge, egal ob sie aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen geflüchtet sind – beide Fluchtursachen sind so alt wie die Menschheit und schon in der Bibel Grund für Wanderungsbewegungen, übrigens auch des Gottesvolkes – nicht noch einmal thematisieren, auch wenn mir die zunehmende Angst der Menschen, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, Sorge macht. Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aus ihr erwachsen Ablehnung, Hass und Gewalt.
Ich erlebe die persönlichen Schicksalsschläge und menschlichen Tragödien, die besonders in diesen Festzeiten Menschen besonders treffen und aus der Bahn werfen, und bin hilflos wie andere, wenn Krankheit, Unfall und Tod nicht halt vor Weihnachten oder Neujahr machen und muss meine eigene Ratlosigkeit ebenso wie meine unmittelbare Betroffenheit dann aushalten.
Aber ich habe immer in meiner Hand wie als Gegengewicht, als trotziges „Dennoch“, als mutiges „jetzt erst recht“ oder als entschlossenes und tröstliches „nicht tiefer als in Gottes Hand“ das Grundvertrauen, dass Gott mütterlich, väterlich tröstend, bergend, fürsorglich und aufmerksam an meiner Seite ist. Das hat mich das Leben und der Glaube gelehrt. Und die Zeichen dieses Vertrauens trage ich auf meinen Wegen durch die Zeit in mir und an mir.
Ich kann nicht immer wie das Kind auf den Armen der Mutter und in ihrer Obhut bleiben. Schon wenige Augenblicke später, wird die Mutter das Kind für eine kürzere oder längere Zeit absetzen, auf die eigenen Beine stellen, es eigene Wege auch inmitten einer bedrohlichen Welt gehen lassen, ohne allerdings aufzuhören ein Auge auf ihr Kind zu werfen oder es in der beobachtenden Aufsicht anderer zu wissen.
Auch das gehört ja zur Liebe und zur Fürsorge dazu, nicht ein ganzes Leben lang zu klammern, sondern in aller Liebe loszulassen.
Gottes Liebe hört nicht auf, in uns seine Kinder zu sehen, er hört nicht auf tröstend und fürsorglich Vater und Mutter zu sein. Aber er klammert nicht und er hält nicht klein. Er hält uns seine Liebe auch nicht als unausgesprochenen Vorwurf vor – mit dem Unterton „nach allem, was ich euch für euch getan habe…“, denn das war, wir erinnern uns zwischen Weihnachten und Ostern, sehr viel…, sondern er lässt uns ins Leben gehen, er lässt uns den eigenen Schritten trauen, er mutet sie uns ebenso zu, wie er sie uns zutraut: du kannst das – du musst nicht ein Leben lang getragen werden.
„Aber wenn es darauf ankommt, dann bin ich da, wenn du den Halt unter den Füssen verlierst, wenn keiner deine Tränen mehr sieht und trocknet, wenn deine Fragen dich zermürben, wenn deine Zeit sich neigt, dann bin ich da, lege meinen Arm zärtlich um dich, hülle dich in meinen Segen, decke dich mit meiner Liebe, denn du bist und bleibst mein Kind.“
Ich finde diese Ermutigung am Anfang eines Jahres und das ganze Jahr, die ganze Zeit hindurch, großartig. Das ist fester Boden unter den Füssen, Halt, egal, was kommt.
Dabei weiß ich sehr wohl, dass Liebe und Fürsorge, selbst Trost auch streng sein können und so wahrgenommen werden, weil sie nicht einfach alles nur zudecken.
Eltern müssen Kindern in Liebe und Entschlossenheit auch Grenzen zeigen und die Enttäuschung darüber zulassen und aushalten. Aber Gottes Liebe wird nie zerstören, auch wenn sie kritisch wachrüttelt, sie ist nie destruktiv, sondern immer zielführend: sie will zum Aufstehen ins Leben hinein ermutigen, zur Verantwortung, auch zum ehrlichen Umgang mit eigenen Fehlern und Fehlentscheidungen. Und das geht, weil Liebe nie auf Fehler, Schuld und Versagen reduziert, sondern dahinter schaut und den Menschen in aller Schuld sieht. Damit hält sie zugleich die Sehnsucht nach Gottes Welt wach, gibt uns so hier schon einen Vorgeschmack auf das, was kommt. Wir haben also allen Grund zuversichtlich und getrost ins neue Jahr zu gehen. Es ist und es bleibt ein Jahr des Herrn und wir bleiben in der Hand des Gottes, der uns tröstet wie uns ein zärtlicher Vater und eine zärtliche Mutter trösten.
Amen

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen