Licht und Schatten

Licht und Schatten auf diesem Heilig Abend, Licht und Schatten hier auf uns in der Kirche – wie in jedem Jahr. Was wir mitbringen – niemals nur Freude oder nur Trauer allein – immer gemischt. Wer wir sind – wer wir geworden sind im Laufe des Lebens – immer Mischgestalten zwischen Himmel und Erde, zwischen Gelingen und Misslingen, zwischen Erfolg und Schuld, zwischen Nähe und Einsamkeit. Ja, geradezu Zwittergestalten sind wir zwischen Glanz und Dunkel, zwischen Lebenssinn und Sinnlosigkeit. Bis in unser Innerstes, ja, gerade dort, wo wir uns vor anderen verbergen und nicht mal vor uns selbst ganz ehrlich sein mögen, bis in die Tiefe unseres Wesens, dicht nebeneinander Glanz und Dunkel. Was da bisweilen neben Ansehnlichem, Guten und Anständigen als Nebengedanke, als Handlungsantrieb liegt – nicht schön, bestimmt nicht sehr anständig oder gut. Ich fühle mich ein in die Geschichten der Nachbarin und habe ein gutes Wort für sie und daneben bin ich voll Hochmut, dass mir das nicht passieren würde. Ich helfe und daneben warte ich auf Dank und Unterwürfigkeit für meine Hilfe. Ich bin freundlich und nett zu denen, denen ich begegne und daneben fühle ich den Neid auf alle, bei denen dies oder das einfach besser ist. Ich bin überzeugt will mich durchsetzen um der Sache willen und daneben mein Drang den anderen zu unterwerfen und Recht zu behalten. Ich kümmere mich um andere und spüre meinen Wunsch Macht zu haben über andere. Ich begeistere mich für eine Sache und daneben steht mein unstillbares Bedürfnis nach Anerkennung. Die Wirklichkeit unserer Seele entspricht der Wirklichkeit unserer Welt – ambivalent, hinkend, zwiespältig, widersprüchlich, voller gemischter Gefühle und Absichten, Gutes getränkt von Allzumenschlichem – in unserer Gesellschaft, in unseren Beziehungen, ja, in uns selbst. Es ist wohl so, es gibt nichts an uns, was eindeutig und eindeutig gut und edel sind. Alles ist dicht nebeneinander.

So auch heute Abend. Licht und Schatten nebeneinander, gemischte Gefühle, wohl für die meisten von uns. Bereiche unseres Lebens, die wir als glücklich erleben und daneben Bereiche, in denen wir unser Unvermögen, unser Scheitern, ja, unsere Schuld deutlich wahrnehmen. Weihnachten sieht so ungefährlich aus. So wurde es ausgestattet im Laufe der Jahrhundert mit dem süssen Kindlein, mit Engelchen und Sternchen, mit Stille Nacht und holdem Knaben mit lockigem Haar, mit Ochs und Esel und allem Drum und Dran. Damit wir Licht und Schatten einmal nicht so deutlich wahrnehmen müssen? Damit wir einmal der Sehnsucht Raum geben dürfen, hier sei Glanz unvermischt mit Schatten? Damit wir uns einmal erlauben, der Sentimentalität und Sehnsucht zu erliegen, einen Abend ohne Ambivalenz, ohne Zerrissenheit, ohne Zwiespalt erleben zu können.

Ich denke nicht, dass Weihnachten uns das bietet. Das ahnt jede, jeder an sich selbst, dass die Zwiespältigkeit auch an diesem Abend besteht. Und das entdecken wir an der Geschichte selbst, an der Legende von der Geburt des göttlichen Kindes in der Gefahr einer feindlichen Welt, in der Heimatlosigkeit einer Notunterkunft, in der Armut einer menschlichen Existenz., Das Neue im Leben kommt erbärmlich daher. Erbärmlich hilflos und klein – so wie das Kind armer Leute in der Krippe. Der Glanz ist erst mal nicht sichtbar. Man muss schon von Engeln informiert werden, um darauf aufmerksam zu werden. Neues kommt nicht prächtig daher. Erst nach der Bitterkeit einer Krankheit kann ich verstehen, was ich für mein Leben ändern, lernen muss, damit ich zurück finde ins Leben. Ein Neuanfang nach einer Enttäuschung, einem Streit, einer Trennung kommt nicht strahlend daher, sondern eher klein, verborgen, erst hinterher sehe ich, wo Neues begonnen hat. Mit dem Verlust von Selbstverständlichem, von guter Ordnung, von Arbeit geht nicht Sinn und Freude am Leben einher, sondern muss in kleinen, kaum sichtbaren Zeichen erst wieder gewonnen werden. Der Tod geliebter Menschen ist nicht vom Glanz der Ewigkeit umstrahlt, sondern bittere Enttäuschung und harte Arbeit in der Veränderung von allem, was bisher galt. Nein, das Neue kommt nicht prächtig daher. Was wir erwarten, was wir annehmen und für gesichert halten – die Erwartung wird uns genommen. Und je älter wir werden, desto deutlicher wird diese Erfahrung. An den festen Bildern dessen, was wir erwarten, scheitern wir. Scheitern in Beziehungen und scheitern an der Sinnlosigkeit des Lebens.

Das beschränkt sich nicht auf Weihnachten – Weihnachten und der Heilige Abend führt es uns aber unvermeidbar vor Augen. „Fürchtet euch nicht“ – das muss vielfach wiederholt werden, nicht nur in dieser Geschichte, das durchzieht die biblischen Texte als tiefes Wissen um unsere Verfasstheit. Das Gerüst, an dem wir uns festhalten, was Weihnachten angeht, das ist ausgestattet mit Kitsch, weil wir auch an diesem Abend fürchten, dass unsere Sehnsucht sich als nicht tragfähig erweist. Aus dem weiten Horizont der Ewigkeit hineingeholt in die Erbärmlichkeit menschlicher Existenz auf der Flucht. Aus dem Glanz der Ewigkeit heruntergeholt in eine Hütte ohne Aufenthaltsrecht – so wird Gott Mensch. Unsere Erwartungen werden uns genommen, die Sehnsucht nach Grösse nicht nur auf ein kleines Mass zu Recht gestutzt, sondern zerschlagen, aus allem Herrschen wird Dienen, aus Grösse wird Niedrigkeit – das wird selig gepriesen, gebenedeit, für gut erklärt. Die Zerschlagung der Bilder beginnt schon am Weihnachtsabend, mit der Legende um die Geburt des göttlichen Kindes, aber sie hört da nicht auf.

Judas scheitert an seinem Bild des Messias. Er ist überzeugt von der Göttlichkeit und der göttlichen Mission. Zwingen möchte er den Freund, den Meister, dass er sich offenbart vor aller Welt, dass er sich erweist als Messias, als der Gottgesandte und Gottesmächtige. Auch ihm wird das Bild zerschlagen – diese Göttlichkeit erweist sich nicht in Stärke, nicht in Macht und nicht in Zauberkraft – und das zerstörte Bild, Kleinheit, Ohnmacht, Hingabe kann Judas nicht ertragen. Und das sehen wir nicht erst in Jesu Sterben und Tod –

von Geburt an kommt er nicht im Glanz der Macht daher, sondern von der ersten Stunde an in der Nähe zum Erbärmlichen und Geringen. In Wirklichkeit führt uns das Weihnachtsfest an die Grenzen der Welt, an die Abgründe des Lebens und in einen Raum, der uns unbegreifbar ist, weil hier etwas Unbegreifbares geschieht: Gott wird Mensch. Einer dieser fast unbegreiflichen Weihnachtssätze lautet: Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

Gott liebt diese Welt – das ist ein so kleiner Satz und doch so unfassbar in seiner Tragweite. Diese Welt lieben? Ganz ehrlich – wie kann man das? Hast Du genau hingeschaut, Gott – bist Du sicher? Ich vermute, Gott liebt diese Welt wegen uns, uns Menschen und zwar aller Menschen und nicht nur wegen der Guten. Gott liebt uns mit unseren Ambivalenzen, der Grösse und dem Scheitern, dem Hohen und dem Niedrigen in uns. Nicht, dass wir gerichtet, sondern dass wir gerettet werden. Das Gericht hätten wir verdient, manchmal erwarten wir es auch, das wäre für uns nur gerecht, in unserem Empfinden und Verständnis. Nein, die ganze Welt soll gerettet werden. Die Täter und die Opfer. Die Unschuldigen und die Schuldigen. Die Vergewaltiger und die Vergewaltigten. Unvorstellbar und ungerecht. Gott schliesst keinen Frieden auf Kosten von Menschen, er schliesst den Frieden auf eigene Kosten. Sie bezahlt die Rechnung. Sie will uns ein neues Herz geben.

Da wird das Fest der Familie und der Kinder plötzlich zu einem Fest, das unser Menschsein grundlegend neu schaffen will. Und wie jede grosse Verheissung, so kann auch diese nicht nur Freude und Hoffnung gebären, sondern auch Angst machen. Deshalb tönen die Engel „Fürchtet euch nicht“. Auf dem Weg der Menschwerdung – und das ist Weihnachten – brauchen wir diesen Satz. Denn Menschwerdung bedeutet Ambivalenz, Angst und Freude, Verzweiflung und Hoffnung. Wir bekommen dieses Leben nicht billiger. Menschsein ist und bleibt schwierig. Wir bekommen auch Weihnachten nicht billiger. Die Sehnsucht wird sehr anders erfüllt als erwartet. Aus dem hohen Sternenglanz in die Niedrigkeit. Und genau damit kann es uns gut gehen. Gott liebt uns. Wir können die festen Bilder und Erwartungen loslassen. Denn wir sind zur Menschwerdung eingeladen.

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