Licht und Schatten (1. Joh 5,4)

1. Joh 5,4
[4] Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Liebe Familie N.N., liebe Trauernde,

wenn das Wetter so ist, wie in den letzten Tagen: nass und kalt; und wenn es morgens nicht hell zu werden scheint und es abends früh schon dunkelt, wenn es dir kalt wird in deiner dünnen Jacke und wenn der Tag nicht mehr hell und warm ist sondern dunkel, neblig und kurz, wenn erste Blätter fallen und der Himmel, wolkenverhangen tief hängt, dann sehnst du dich: sehnst dich nach einer warmen Stube, nach einer heißen Tasse Kaffee oder Tee, sehnst dich nach warmer Jacke und Schuhen, sehnst dich nach Sonne und Licht.

Das Licht. Wir Menschen haben das Licht so bitter nötig. Es lässt wachsen, was wir brauchen, auch unsere Kinder. Es spenden Wärme und Kraft. Es lässt uns wach sein und hilft uns, unserer Arbeit nachzugehen. Es verjagt trübe Gedanken und zaubert Lächeln auf unsere Lippen. Im Licht sehen wir einander. Im Licht ist Trost, im Licht ist Zukunft, ist Leben. Die Sonne hat Gott erschaffen, als Gegenstück zur Nacht. Beides brauchen wir, das Dunkel und das Licht, aber am allermeisten sehnen wir uns tatsächlich immer nach dem Licht.

Dabei sagt das Sprichwort: Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Sprich: Licht an sich gibt es nicht; es ist immer begleitet von dem Schatten, den es wirft und: Nur Licht allein ist auch nicht gut. Wenn es immer nur hell ist, findest du keine Ruhe. In einem sonnendurchfluteten, hellen Raum kannst du nachts nicht schlafen. In Ländern, in denen das Jahr über die Sonne andauernd scheint und es heiß ist, herrscht Dürre. Da wächst auf Dauer nichts. Zu helles Licht blendet, in die Sonne kann niemand sehen, wenn er nicht erblinden will. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Aber umgekehrt gilt auch: Wo Schatten sind: Da muss es eine Lichtquelle geben.

Ein großer dunkler Schatten hat sich seit Ende März auf Euer Leben gelegt, liebe Familie N.N. Verdunkelt hat sich für N.N. und für eure ganze Familie die Sonne, als euch relativ unsensible Ärzte von der furchtbaren Tatsache des Hirntumors unterrichtet haben, als die Prognose kam: Der Vater hat höchstens noch ein Jahr zu leben. Dabei hat man fast das Bedürfnis zu sagen: Halt, nein, das kann gar nicht sein. So etwas passt gar nicht zu unserem Vater. Er war Zeit seines Lebens immer gesund, eine richtige Rossnatur hat er gehabt. Dunkelheit und Schatten einer solchen Krankheit gehören da nicht hinein. Im Gegenteil. N.N. war für viele von uns eher ein Mensch, der die Sonne liebt, das helle, Licht; ein Mensch, den man mit einem englischen Wort eher treffend als Sunny boy beschreiben könnte, als einen „sonnigen Jungen“. Einer, der immer zu einem Späßchen aufgelegt war, der gerne sang und in Gemeinschaft mit anderen feierte, ein Lichtmensch.

Blicken wir zurück: Am 20. Juli 1938 wird N.N., Sohn von N.N. und N.N., hier in E. geboren. Gemeinsam mit 3 Geschwistern wächst er hier beim Oberen Bauer auf. Bei der Firma B. in W. erlernt er den Beruf des Landmaschinenmechanikers.1965 heiraten sie beide, liebe N.N. und bauen sich hier in E. in der Gartenstraße ein Heim. Drei Kinder werden ihnen geboren, 4 Enkelkinder werden später dazukommen. 1962 bis 1982 arbeitet ihr Mann bei der Firma R. in L.. Dann 1982 übernimmt N.N. die Firma; sie bleibt seine Freude und sein Stolz bis zuletzt, ist ihm 100% wichtig.

100% wichtig ist ihm daneben aber auch sein Vereinsleben. N.N. ist sein Engagement in Musikverein, Feuerwehr und Schützenverein ungeheuer wichtig und viele erleben ihn wohl dort überall als einen Menschen, der gerne feiert, der gerne unter anderen Menschen ist, und als einen Menschen, der hier, im Verein auch gerne Verantwortung mit trägt. Und sicher wird er dort überall eine große Lücke hinterlassen. Er hat sicher viele Freunde gehabt. Ich glaube, niemand hat je ernsthaft gedacht, dass dieser Lichtmensch einmal wirklich erkranken würde. Ich auch nicht. Mir geht es eigentlich auch eher so, dass ich denke: Das passt so gar nicht. Ich hätte mir eher vorgestellt, dass er einmal 90 Jahre mindestens wird und mich dann mit einem guten Gläschen Wein und einem Witz auf der Zunge zum Geburtstag empfängt. Aber nicht wahr: Was passt schon, wenn es ans Sterben geht? Im Nachhinein könnte man gerade so gut sagen: N.N., der sunny boy, ist – wenn man es umrechnet, über 120 Jahre alt geworden, denn er hat sein Leben intensiver und voller gelebt als mancher andere, hat alles 100 % gemacht, war überall 100% dabei, hat doppelt so viel geschafft und auch gefeiert wie andere …
Aber ganz sicher auch doppelt so viel verlangt von seiner Umwelt und am Ende doppelt so viel gelitten. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.

N.N. starb schnell. Die Leidenszeit war sehr sehr schwer, aber sie war nicht so lange und so elende, wie man befürchten musste. Der Verfall dieses einst von Gesundheit und Lebenslust strotzenden Mannes war rasant und entsetzlich mit anzusehen. Am vergangenen Sonntagabend schloss er im Beisein seiner Familie für immer die Augen. Erlöst ist er nun von allen Schmerzen und Leiden. Und man darf sagen : Gott sei Dank!

Liebe Trauernde, wo viel Licht ist, ist viel Schatten, wo viel Schatten ist, ist viel Licht … Menschen, die einmal an der Schwelle des Todes standen, aber zum Leben zurückkehrten, berichten immer wieder, dass das Sterben für sie war, als würden sie auf ein großes warmes Licht zugehen, das sie umfing inmitten der großen Todesschatten, ein Licht, das allen Schmerz und alles Leid aufhob. Wir Christen glauben, dass dies Licht, auf das wir im Sterben zugehen, Gott selbst ist. Gerade dort, wo es tiefste Nacht um uns zu werden scheint, ist er mit uns und für uns da. Wir glauben dem Zeugnis der Schrift, dass es gut sein wird, dort hineinzugehen in Gottes Licht, an unserem Lebensende, weil wir geborgen sein werden, und wärmend gehalten. Die Tränen die wir geweint, die Mühe die wir gehabt haben, die Schatten, die ein jeder und eine jede von uns zeitlebens auf Erden geworfen hat, all unsere Schuld und unsere Fehlerhaftigkeit wird dort, in jenem unermesslich strahlenden Licht aufgehoben sein. Wir werden von Vollkommenheit umhüllt selbst vollkommen sein. Von nichts als Liebe.

Bei unserem Gespräch am vergangenen Montag, liebe Familie N.N. haben mich unter anderem besonders die Trauerkarten beeindruckt, mit denen ihr den Tod des Vaters mitteilt. Hinter der dunklen Schrift leuchtet aus dem Hintergrund die Sonne strahlend ins Dunkel. Im Augenblick tiefster Dunkelheit, des größtmöglichen Schattens in einem menschlichen Leben, vermitteln die Strahlen Trost und Hoffnung: Ja, der Vater hat seinen Frieden gefunden, sein Leiden ist vorbei. Gott hat ihn zu sich genommen. Es ist gut so, wie es ist, auch wenn wir traurig sind darüber.

Dasselbe Licht, das eure Anzeigenkarten widerspiegeln, habe ich aber auch noch an zwei anderen Stellen gefunden. Der erste Ort war das Bild, auf dem der Konfirmationsspruch eures Vaters wiedergegeben wird. Es zeigt eine aufgeschlagene Bibel auf dunklem Hintergrund. Daneben eine hell strahlende Kerze. Dabei der Konfirmationsspruch aus 1.Johannes 5,4: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Für mich heißt das: Unser Glaube ist so eine warme Kerze im Dunkeln, ist ein Sonnenstrahl in der Nacht. Unser Glaube daran, dass diese Welt nicht so sein muss, wie sie ist. Unser Glaube daran, dass Gott die Menschen liebt, nicht dass er Verursacher allen Leides ist, sondern dass er ohnmächtig dabei ist und mit leidet mit jeder Kreatur, das ist ein Glaube, der jedes Dunkel hell macht.

Und dabei komme ich zum zweiten Ort, an dem ich Strahlen der Liebe Gottes wiederfand: Es war in eurer Familie selbst. In dem, was ihr für den Vater und um ihn herum in diesem letzten halben Jahr getan habt. Ihr habt ihn gepflegt, betreut, umsorgt. Ihr habt ihn spazierengefahren, zu den Ärzten gebracht, gewickelt und gewaschen und ihm alles getan, was ihr jeder einzelne nach seinem Vermögen und in seiner Situation hat tun können. Und dabei habt ihr – wie eigentlich schon immer – eure Mutter niemals allein gelassen. Was ihr getan habt, war einen kleinen Strahl jenes großen Lichtes, das aus der Liebe kommt, weiterzugeben. Im Augenblick, als sich Schatten über euer Haus legten, habt ihr mit Eurem Tun davon gezeugt, dass es ein Licht dahinter gibt. Das heißt für mich, die Welt überwinden, das heißt für mich, glauben, Gottes Licht, seine Liebe, weiterzugeben … nicht perfekt, mit Schatten ,ja, in aller Unvollkommenheit, aber doch weitergeben. Das macht Leben hell. Das ist doch die Wärme, nach der wir uns alle sehnen.

Und wie ich vermute, machte das nicht nur das Leben und Sterben eures Vaters hell, oder die Trauer eurer Mutter. Ich denke, da ist noch etwas anderes: Auch am Montag, am Ende unseres Gespräches: Die Kinder drücken sich die Nasen platt an der Glasscheibe der Wohnzimmertüre. Ich denke bei mir: Ja, da habt ihr noch was hell gemacht: Das Leben eurer Kinder nämlich. Ihr habt ihnen gezeigt, wie man mit Leid und Sterben umgeht: Dass man nämlich nicht flüchtet oder sich verdrückt und verkriecht; ihr habt ihnen gezeigt, dass man da bleibt, ausharrt, mit weint, mit leidet, tröstet. Ihr habt den Kindern – vielleicht ohne es zu wissen und für euch ganz selbstverständlich – Gottes Willen gezeigt für diese Welt, für uns alle: Ihr Menschen, ihr seid das Licht der Welt, ihr müsst leuchten; ohne euch bleibt es dunkel über denen, die in Angst und Hoffnungslosigkeit leben. Ohne eure Liebe gibt es keine Liebe.

Ich hoffe, wünsche und bete, dass eure Kinder – nein, dass wir alle das verstehen und vor allem: dass wir das auch leben.

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