Leben, wie Gott es mir zutraut (Jeremia 1, 4-10)

Ich bin mir nicht sicher, ob das Lächeln mehr liebevoll oder traurig resigniert gemeint war, wenn er von seiner Lieblingscousine erzählte. Sie lebte schon lange nicht mehr, hatte in seinen Augen aber zeit ihres Lebens so viele Begabungen, um dann, wie er sich ausdrückte, dennoch immer unter ihren Möglichkeiten zu bleiben.

Mal lag ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht, wenn er erzählte, was er an ihr und ihren Stärken so liebte, dann war es doch wieder dieser traurige Blick, dass sie so oft davor zurückschreckte, etwas in ihrem Leben mit ihren Möglichkeiten zu wagen. 

Vielleicht war es auch beides: eine zugewandte, liebevolle Traurigkeit, die in seinem Herzen all die Jahre überdauerte.

Ob sie es auch so gesehen hat?

Ob sie ihre Gaben, ihre Talente gespürt hat und gerne eingesetzt hätte, traurig darüber, dass ihr der Mut, aber auch die Gelegenheit dazu fehlten?

Vielleicht hat sie sich aber all das nicht zugetraut, weil sie ihre Möglichkeiten ganz anders, in ihren Augen viel realistischer einschätzte und so nach eigener Meinung genau in dem blieb, was für sie gut und möglich war….

Ich weiß es nicht, manchen fehlt das Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten allein deshalb, weil andere ihnen nichts zutrauen, weil schon die Eltern vermitteln: lass mal, das wird nichts, oder (in alten Zeiten): bei dir als Mädchen, als Frau muss das auch nichts werden, es reicht doch so, wenn du einen Mann abbekommst….

Den Geschichten von Menschen, die unter ihren Möglichkeiten bleiben, stehen die Geschichten derer gegenüber, die aus purer Selbstüberschätzung permanent über ihren Möglichkeiten leben.

Manchen gelingt es, das gut und erfolgreich zu verbergen, dass sie blenden, andere werden zerrieben zwischen den Mühlsteinen von Anspruch und Wirklichkeit. Es ist so anstrengend, den Schein zu wahren, wenn er nicht durch das Sein gedeckt ist, und irgendwann offenbar zu werden droht, wie nackt einer/eine am Ende dasteht…

Woher mögen da fehlendes Selbstbewusstsein oder chronische Selbstüberschätzung kommen :

  • daran, dass mir eh nichts zugetraut wird, bis ich es selber auch nicht mehr glauben kann,
  • oder dass permanent mehr von mir gefordert und erwartet wird als ich eigentlich leisten kann oder will – und ich meine Rolle spiele,  um des Friedens willen oder um der Meinung anderer willen oder aber als Ersatz für unerfüllte Träume der Elterngeneration?

Vertrauen, das in mich gesetzt wird, oder überzogene Erwartungen, denen ich permanent ausgesetzt bin, machen was mit mir und machen was aus mir!

Wir sind alle auch zu dem geworden, was wir sind, egal, ob wir unter oder über unseren Möglichkeiten leben!

(Wohl dem, der ein Gespür dafür behält und seine Chancen und Grenzen kennt!)

Wohl dem, der Menschen um sich hat, die an ihn glauben und ihn bestärken, etwas zu wagen, zu leben, zu wachsen an und mit den Aufgaben.

Wohl dem, der sehen kann, was in mir oder on ihm steckt, auch wenn es noch versteckt ist.

Wohl dem, der Grenzen setzen kann, die mich vor Maßlosigkeit und Grenzenlosigkeit schützen, weil ich nicht unbegrenzt alles leisten kann!

Im guten Fall helfen mir Elternhaus und Freunde oder Partner*innen bei dieser Entwicklung.

Bei Jeremia ist es Gotteserfahrung und Gottesbegegnung, die ihn mit seinen Möglichkeiten, großen Erwartungen und potentiellen Grenzen konfrontiert.

Da ist einer, der sieht hinter die Fassade, sieht das Sein und nicht den Schein: ich kannte dich, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Es scheint also Bestimmung im Leben zu geben und das große Glück, seine Bestimmung zu finden. Gott jedenfalls sieht in Jeremia immer schon mehr als das, was er gerade in diesem Augenblick ist und darstellt, er sieht auch, was er werden soll und werden kann, gar werden muss.

Er sieht die Möglichkeiten und er hat einen Plan.

Wer Angst vor dem Gedanken hat, dass Gott uns kennt und sieht, der mag sich mit dem Gedanken trösten, dass Gott auch jedem eine Aufgabe zutraut und für jeden seinen Plan hat. Kein Mensch ist zufällig auf dieser Welt. Und kein Mensch geht von dieser Welt, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Die Sinnfrage treibt doch so viele um, aber wer fragt schon Gott nach dem Plan und kehrt das Gotteswort einfach einmal um: du, Gott, kennst mich doch, ehe ich geboren wurde, was ist dein Plan für mich und mit mir?

Seinen Weg zu finden, ist und bleibt  eine lebenslange Herausforderung, allerdings immer mit der Gefahr, sich zu verirren oder gar zu scheitern.

Besser wäre es, wir würden unsere Erfahrungen nicht gleich als Erfolg oder Misserfolg werten, sondern als notwendige Erfahrungen und Zwischenschritte akzeptieren.

Die abgebrochene Ausbildung, das erste Studium, das nicht zum Beruf wird, das Jahr im Ausland, die erste zerbrochene Beziehung mögen schmerzen, waren oder sind vielleicht dennoch notwendige Umwege, um zu begreifen, wer ich bin und wo mein Platz in Leben ist.

Solange ich lebe, gibt es kein zu spät.

Und so lange ich lebe, gilt weder der Einwand Jeremias: ich bin doch viel zu jung, noch das Mitleid oder der Spott der Zuschauer: und das in deinem (fortgeschrittenen ) Alter?

Warum denn nicht! Gott hört nicht auf zu rufen und zu senden.

Das hat er mit Jungen und mit Alten getan, mit Männern und mit Frauen, mit Begabten und Unterschätzten, mit Aussenseitern und Favoriten, warum dann nicht auch mit mir und mit dir?

Das Leben bleibt auch das Abenteuer seine eigene Bestimmung, die Gottes Ruf ist, zu finden und sich nicht immer nur fremd bestimmen zu lassen.

Das dieser Weg nicht immer einfach, nicht immer nur auf einer Welle des Erfolgs und mit Anerkennung und Ruhm verbunden ist, hat der Prophet auch erlebt. Seine Bestimmung hat ihn oft genug einsam, manchmal auch überheblich gemacht, hat schmerzhafte Erfahrungen mit sich gebracht, zu Enttäuschung bei Mitmenschen geführt, aber er ist dabei sich und seinem Weg treu geblieben, mehr noch: Gott ist ihm treu geblieben auf diesem Weg.

Es geht ja nicht nur um die vordergründige und oberflächliche Zustimmung meines Umfeldes. Die kann so schnell vergehen, wenn der Wind sich einmal dreht.

Sich treu zu bleiben, ehrlich und aufrecht, seinen Weg mit Gott zu gehen, besser noch: Gottes Weg mit mir, das ist es, was uns heute als Schatz im Acker vor Augen geführt wird, als Gewinn im Leben und im Sterben.

Das ist wohl der beste Schutz davor, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben oder der Verführung der Selbstüberschätzung zu erliegen, wenn ich offen und neugierig auf Gottes Wege mit mir bleibe.

Ich muss nicht wie Jeremia zum Propheten über alle Völker bestellt werden, es reicht, wenn ich Menschen in meiner Nähe Zuwendung, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit und Liebe schenken und damit Mut machen und Selbstvertrauen stärken kann.

Eines habe ich für mich begriffen und hoffentlich auch ergriffen: Gottvertrauen schenkt Selbstvertrauen! Amen

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