Leben, nicht nur Überleben… (Phil 2, 5-11)

Sie hatte es schon befürchtet, dass der Nachmittag wie immer ablaufen und in den stets gleichen Vorwürfen münden würde: alles habe ich für euch getan, meine eigenen Interessen immer zurückgestellt, mich für euch aufgeopfert und ist das nun der Dank dafür?
Sie wusste nicht, warum jedes Gespräch mit ihrer Mutter so enden musste.
„Ja, sie hatte für die Kinder auf die eigene erfolgsversprechende Karriere verzichtet;
Ja, die Kinder waren oft krank, da blieb wenig Zeit für eigene Freundschaften.
Ja, nach der Schule kam erst das Auslandsjahr, das sie sich so gewünscht hatte, dann das Studium, da war die Unterstützung der Eltern wichtig, das Kind noch vor dem Examen war nicht geplant, sondern passiert, und ohne die Mutter hätte sie all das vielleicht gar nicht geschafft, aber sie hatte auch gar keine Chance, es wenigstens zu versuchen, allein die Verantwortung und damit die Folgen ihrer Entscheidungen zu tragen.“
Sie hatte um all das nicht gebeten, ist nie gefragt worden, das hatte die Mutter alleine entschieden; es war ihr Weg, sie wollte es so und nicht anders, – aber, auch das stimmt: sie als Tochter hat es sich am Ende immer gefallen lassen. Aber deswegen immer die Vorwürfe? Sie hätte gerne gezeigt, wie froh und dankbar sie für all das war, was ihr die Eltern wie selbstverständlich ermöglicht haben.
Und doch reicht immer schon ein Blick, ein Wort, eine Bemerkung und der alte Streit flammt wieder auf: ich habe dich nicht darum gebeten, dass du dein Leben für mich opferst. Du wolltest das doch, mich hast du nie gefragt.

Die Mutter hatte es auch nie anders gelernt. Natürlich hatte sie ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Pläne und Chancen zurückzustellen hinter die Karriere ihres Mannes, dem sie den Rücken frei zuhalten hatte, hinter die Entwicklung der Kinder, die ihre Aufmerksamkeit, ihre Förderung brauchten und ihren Weg erfolgreich gehen sollten. So hatte schon ihre Mutter gelebt. Keiner hat daran gedacht, dass die Kinder eines Tages aus dem Haus sein werden und ihr Mann dann immer noch berufstätig und in seiner eigenen Welt verwurzelt sein würde, ihr Leben aber fast schon verflogen vorkam.
Sie hatte ihre Pläne, ihre Ziele, ihre Träume nicht festgehalten, sondern immer von sich und ihnen abgesehen. Und bekam keinen Dank dafür!
Wenn sie in den Spiegel schaute, verblüht und ausgebrannt, enttäuscht und erlahmt, dann kamen ihr die Tränen über ihr eigenes, einmal so hoffnungsvoll gestartetes Leben.
Ausgebrannt, ausgenutzt, abgetreten, liegen gelassen… und das war es dann.
Viele nehmen so einen Schicksal am Ende resigniert hin, weil es irgendwie immer schon so war, es anderen auch nicht besser geht, es wohl so sein soll, aber manche rebellieren auch, steigen an einem Punkt aus diesem Leben aus, und versuchen wenigstens von heute an den Rest ihres Lebens nach eigenen Maßstäben und für eigene Ziele und Träume zu leben, nicht mehr für andere.
Ich frage, ob es wir es bei solchen tragischen und manchmal auch dramatischen Lebensgeschichten nicht auch mit einer falsch verstandenen christlichen Kreuzesethik zu tun haben:
So als ob Paulus geradezu leidenschaftlich den Verzicht auf eigene Ziele, eigene Träume, eigene Standpunkte fordert und die Selbstentäußerung bis hin zur Selbstverleugnung als einzig wahre Form der Kreuzesnachfolge darstellt.
Als wäre im Umkehrschluss das Leben mit eigenen Zielen nicht nur Egoismus und Selbstverwirklichung, was als Vorwurf ja schon schlimm genug wäre, sondern auch Egozentrik, also Selbstbezogenheit, und Eigenliebe, die blind für andere macht.
Wer will das schon von sich sagen lassen, wer möchte als Nachruf  hören, er hat nur seinen Traum gelebt, nicht den der anderen und den für andere.
Wir möchten nicht viel lieber hören, wie selbstlos und mitfühlend, wie engagiert für das Gemeinwohl, ohne Rücksicht auf die eigene Person, jemand war: seid unter euch gesinnt, wie es der der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht – haltet euch an das, was ihr von Jesus Christus wisst (so die Übertragung von Jörg Zink). Er erniedrigte/entäußerte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz.
So sollen also christliche Lebensentwürfe klingen.
Und wir kennen ebenso auch unzählige Geschichte christlicher Selbstentäußerung und Erfüllung im Leben für andere.
Mutter Theresa, die 1997 verstorbene Ordensschwester, wurde in diesen Tagen per Dekret heilig gesprochen. Sie galt als Engel der Barmherzigkeit, gründete in ihrem Einsatz für Leprakranke die Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe in Kalkutta, erhielt den Friedensnobelpreis und lebte, so das Bild der Öffentlichkeit, ganz und gar für ihre Berufung , die sie 1946 beim Anblick eines Kruzifixes, eines Kreuzes mit Korpus und den Worten Jesu „mich dürstet“ verpürte.
Auch in protestantischen Augen hatte sie zu Lebzeiten etwas von einer Heiligen, von einer die stellvertretend lebte, was wir uns im Alltag oft gar nicht zutrauen: so ganz im Einsatz für andere aufzugehen und das eigene Leben dabei auch bewusst aufs Spiel zu setzen.
Ich will ihre Lebensleitung nicht bewerten, über die heute auch viel diskutiert wird.
Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag am 9.April 1945 sich bald wieder jährt, hielt ebenfalls nicht einfach sein Leben fest und brachte sich, wie Freunde und Weggefährten empfahlen, in Sicherheit, sondern sich setze sich im Widerstand auch der Gefahr der Gefangennahme und des gewaltsamen Todes aus, ähnlich wie Hans und Sophie Scholl, jeweils aus einer zu tiefst christlichen Grundhaltung heraus.
Sie hielten ihr Leben nicht wie einen Raub fest. Aber wahrscheinlich empfanden sie ihren Weg dabei weniger als eine Selbstverleugnung oder als eine Selbstaufopferung, für die man später Dankbarkeit und Anerkennung einklagen und einfordern oder anderen Lieblosigkeit vorwerfen könnte, sondern als eine Selbstfindung/Selbstentdeckung der besonderen Art in dem Leben für Andere oder eine Sache, die dem Leben anderer verschrieben ist.
Was macht wohl den Unterschied zwischen dem Konflikt Mutter/Tochter und dem Weg des Widerstandes, der in den Tod führen kann aus?
Ich vermute, dass der Unterschied in der Täuschung liegt, den verborgenen Egoismus schon für das hohe Ideal der christlichen Nächstenliebe zu halten. Ist es nicht eigentlich auch eine Form von Selbstverwirklichung, wenn in der vermeintlichen Selbstverleugnung, vor allem und zu allererst der Schrei nach Liebe und Bestätigung laut wird; wenn ich versuche meinem Leben in der Aufopferung für andere einen Sinn und eine Tiefe zu geben wie es in vermeintlich selbstlosen Liebe zum Beispiel der Mutter geschehen kann, der es letztlich doch nicht um die Kinder, sondern um  die eigene Person und das eigene Selbstwertgefühl geht? „Wenn Frauen zu sehr lieben…“ nannte die Amerikanerin Robin Norwood in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts ihr Buch über die Sucht, gebraucht zu werden. Den „Überzeugungstätern“ im besten Sinne des Wortes auch im Widerstand ging es dagegen wohl nie wirklich um ihre eigene Person. Ihre Lebenssehnsucht und Liebessehnsucht haben sie scheinbar wirklich den höheren Idealen des Friedens und der Gerechtigkeit und er Menschlichkeit untergeordnet.
Jesus ging es bei seinem Weg, den wir in der Karwoche nachgehen, nicht um Selbstverwirklichung. Sein Wunsch, seine Hoffnung, sein Traum vom eigenen Leben auch in dem Bewusstsein des eigenen Auftrags und der eigenen Sendung klingen deutlich in seinem Gebet der Verzweiflung durch, wo er gleichsam sein tiefstes Inneres, sein Herz und damit sich völlig entblößt und uns gegenüber offen gemacht hat: lass diesen Kelch an mir vorübergehen.
Sein Gehorsam war nicht das blinde Hineinrennen in die Todesfalle, die christliche Form des Selbstmordes, zu der einer mit himmlischen Versprechungen verlockt und geködert wird, wie bei Selbstmordattentätern der Gegenwart, sondern sein Gehorsam zeigt sich darin, dass er seinen Wunsch und seinen Willen einordnet und in letzter Konsequenz unterordnet unter Gottes Willen und Entscheidung. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe…: ich will nicht betteln um Liebe und Anerkennung, ich will nicht aufrechnen, ob mir meine Opfer in der Währung der Bestätigung und Gegenliebe ausreichend bezahlt werden. Ich will nicht Dankbarkeit, damit es mir gut geht, sondern dass Gottes Wille, seine gute Gedanken sich für diese Welt und damit für mich durchsetzen, dass sein Wille geschehe und so sein Reich, seine Herrschaft, seine neue Welt komme.“
Da bin ich mir sicher: auch Jesus wollte leben und hatte keine Todessehnsucht.
Ich will nicht nur überleben, sondern ich will leben“, sagte Guido Westerwelle in einem Interview im Herbst in der Überzeugung, dass er den Kampf gegen den Krebs gewinnen kann, den er am Freitag dann endgültig verloren hat. Ich glaube, dass Gott uns diesen Wunsch als Menschen in das Herz gelegt hat, nicht nur überleben, sondern leben zu wollen.
Und ich glaube, dass Jesus einen hohen Preis für diesen Gehorsam, seinen Wunsch/seinen Willen in Gottes Willen einzuschreiben, bezahlt hat: „bis zum Tod“ hat Paulus mit einem Lied seiner Gemeinde gelernt und gesungen und ergänzt, zugespitzt, auf den Punkt gebracht: ja bis zum Tod am Kreuz. Überleben und Leben sind menschliche Wünsche, in denen Jesus uns als Mensch mit Sicherheit verbunden war.
Leben jenseits des Überlebens, wenn das Leben am Kreuz an seine Grenzen stößt, ist das unbezahlbare und unverdiente, dafür aber umso wunderbarere Geschenk, dass Gott Jesus gemacht und uns zugleich damit ebenfalls verheißt. Es darf in aller Munde und in aller Herzen und ein tragfähiges Fundament im Leben und Leiden, im Lachen und Weinen, im Geborenwerden und Sterben sein: Christus ist der Herr im Himmel und auf Erden und unter der Erde, im Leben und Sterben, heute und alle Zeit.
Sein Kreuz wird zum Lebensbaum des Paradieses.
Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Ich will nicht nur Überleben, sondern leben.
Und: nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille. Amen

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