Leben im Aufbruch

Das Kirchenjahr geht zu Ende. Tod und Vergänglichkeit treten verstärkt in unser Bewusstsein. Dazu kommt in diesem Jahr die Erinnerung an die Reichspogromnacht. Heut vor 70 Jahren wurden in Deutschland Menschen gequält, Synagogen geschändet und Häuser verwüstet wurden.

Das ist kein Datum, an das wir gerne zurückdenken. Die meisten von uns können außerdem zu Recht darauf hinweisen, so direkt ja nicht beteiligt gewesen zu sein. Helmut Kohl hat das einmal die ‚Gnade der späten Geburt’ genannt. Und s bringt ja wohl wenig, wenn wir auf unsere Väter und Mütter schimpfen, wäre vielleicht sogar Unrecht.

Ich glaube, darum geht es auch nicht an solchen Gedenktagen wie heute. Es geht darum, dass Menschen mit ihren Fehlern, ihrer Vergänglichkeit und ihrer Schuld vor Gott kommen und erkennen, dass die Gnade Gottes in ihrem Leben Platz nehmen will. Davon schreibt auch de Apostel Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher:

[TEXT]

Der Thessalonicher ist ein Freudenbrief, in dem Paulus sich überschwänglich für die Gemeinde bedankt. Er freut sich über die Menschen, die dort in der Gemeinde leben, die Kirche gestalten und die Zukunft von Gott erwarten.

Gleichzeitig möchte er den Schwestern und Brüdern in Saloniki Trost vermitteln in eine trostlose Situation: Da waren Menschen in der Gemeinde verstorben. Da führte zu einer gewissen Glaubensenttäuschung. Eigentlich hatte man fest geglaubt, dass der Herr bald wiederkommt um sein Reich aufzurichten und dass die Gläubigen das auch wirklich miterleben werden. Der Tod Einiger war da ein regelrechter Schock. Der Gedanke an ein Leben nach dem Tod war nicht im Bewusstsein verankert. Alles konzentrierte sich auf die Wiederkunft Christi – und die ließ auf sich warten.

Die Menschen wurden mit dem Tod nicht so recht fertig – und das ist im Wesentlichen ja auch heute oft so. Der Tod erschüttert uns, der natürliche Tod und noch mehr der Tod durch Gewalt oder ein Unglück.

Der Apostel möchte den Menschen Sicherheit vermitteln. Die Sicherheit, dass alle Menschen bei Gott geborgen sind. Die Sicherheit, dass de Tod nicht das Schlimmste ist, was Menschen widerfahren kann. Auch wenn wir das mitunter so erfahren.

Aber schlimmer wäre für Paulus und die Menschen, denen er schreib, den Tag des Herrn unvorbereitet zu erleben. Der Tag des Herrn, das ist ein alttestamentlicher Begriff, den Paulus hier aufnimmt. Damit meint er das Wiederkommen Christi, dass die Menschen so herbeisehnen und dass doch Risiken in sich birgt.

Denn das, was die Menschen erwarten, kommt unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht, wie ein Überfall oder ein plötzliches Unwetter. Vielleicht erinnern auch wir uns da an manche Schreckensmomente, wo wir gehorcht haben, ob da etwas ist, nachts im Haus.

Paulus versucht Sätze des Trosts. Ob sie tragen, das müssen die Menschen allerdings selber entscheiden. Er bekennt, dass Gott der Gott des Lichtes ist, dass wir auch über unser Leben und über unsere Schuld hinaus geborgen sind in dem einen Herrn Jesus Christus.

Wir leben in dieser Welt und hoffen auf eine neue Welt, die unser Her selber aufrichten wird. Diese Hoffnung gilt auch für die Menschen, die verstorben sind. Das hat Folgen für uns, wenn wir auf diese neue Welt warten. Wir können lernen unsere Schuld zu bekennen. Wir können Ja sagen auch zu unserer Geschichte, uns erkennen als Teil dieser Geschichte, uns auch bekennen zu den dunklen Seiten unserer Vorfahren, die wir ja auch nicht unbedingt kennen. Wir können das Erbe unserer Eltern komplett übernehmen.

Wir dürfen lernen und leben mit unserer Geschichte, mit dem Abschnitt von Geschichte, den wir selbst gestalten und mit er Hoffnung auf eine bessere Welt, die uns geschenkt werden wird.

In solcher Hoffnung leben, heißt auch, im Aufbruch leben. Und davon versucht Paulus zu erzählen. Er erzählt der Gemeinde in Saloniki davon, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Sie sind zwar noch lange nicht am Ziel, aber sie sind schon Kinder des Lichts. Für sie ist das Kommen des Reiche Gottes eine Verheißung, für sie kann auch der Tod seinen Schrecken verlieren, weil sie wissen, dass ihr Herr auch Herr über den Tod ist.

Das Denken an den eigenen Glauben kann Menschen helfen, neu über Schuld nachzudenken. Nicht m sich oder anderen Vorwürfe zu machen. An die Schuld zu denken, heißt den lebendigen Gott um Vergebung zu bitten und auf seine Liebe zu vertrauen.

Und darum geht es an dem heutigen Gedenktag, dass wir uns an die Schuld erinnern, als sei es unsere Schuld, uns nicht zurückziehen auf irgendeine ‚Gnade der späten Geburt’, sondern sie annehmen und versuchen Leben zu gestalten aus der Vergebung heraus. Dazu will auch das Mahl helfen, zu dem der Herr selber uns einlädt.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen