Laut die schreienden Steine benennen

Predigt am Sonntag Kantate am 2.5.2021
Predigttext: Lukas 19,37-40

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!
Ein Predigttext aus der Passionsgeschichte? Am Sonntag Kantate?
Wie kommt das denn?
Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Auf einem Esel reitet er und wird wie ein König gefeiert. Alle jubeln ihm zu, werfen ihm Palmzweige hin und Kleidung, als würden sie ihm einen roten Teppich bereiten.
Das haben wir doch erst am Palmsonntag gehört. Damit wurde die Karwo-che eingeleitet. Jesus geht auf seine Kreuzigung zu. Erst wird er hoch bejubelt. Dann muss er leiden und wird getötet.
Inzwischen haben wir Ostern gehabt und haben die Auferstehung gefeiert. Und jetzt macht das Kirchenjahr wieder einen Sprung zurück?
Das ist doch merkwürdig! Und das gerade an einem Tag, an dem uns nach ungetrübtem Osterjubel zumute ist. Der Sonntag Kantate ist ja ein Sonn-tag mit einem fröhlichen Thema: dem Musizieren und Singen zur Ehre Gottes.

Da hören wir’s schon:
Die ganze Menge der Jünger fing an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
Vielleicht kommt es Ihnen bekannt vor. Aber etwas ist anders als sonst. Ist es Ihnen aufgefallen?
Von Weihnachten kennen wir : Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden. Das haben die Engel gesungen. Da waren Erde und Himmel ver-bunden. Ehre in der Höhe und Frieden auf Erden.

Im heutigen Predigttext bleibt alles im Himmel: Friede im Himmel und Ehre in der Höhe.
Vielleicht hat ja der Lobgesang der Jünger ihre Herzen himmelwärts aus-gerichtet. Das ist ja gerade das, was das Singen und Loben ausmacht: Es tut der Seele gut und bringt ein bisschen Himmel auf die Erde. Und genau das ist es ja auch, was uns jetzt fehlt und was unsere Sehnsucht nach Sin-gen, Klingen und Tönen wach hält.

Die Pharisäer, die die Jünger Singen hören, möchten ihnen am liebsten ein Singverbot erteilen lassen. Ein Singverbot schon damals. Sie sprechen zu Jesus: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
Nicht wegen der Coronagefahr tun sie es, sondern weil sie es einfach nicht ertragen können, wie ausgelassen und guter Stimmung die Jünger sind.
Ob sie neidisch auf die Jünger waren? Neidvoll, weil sie fröhlich waren? Oder weil sie ahnten, dass in Jesus Gott anwesend war? Fanden sie die Art und Weise, wie die Jünger ihren Glauben vertraten, zu aufdringlich? Ihre lauten Stimmen, von denen Lukas redet?
Gerne hätten sie die Vertreter und Vertreterinnen des christlichen Glau-bens zum Schweigen gebracht. Gerne hätten sie diejenigen zum Schwei-gen gebracht, die ihr eigenes Denken und Leben in Frage gestellt haben.
Aber Jesus macht sich stark für seine Leute. Er spricht aus, welche Kraft im christlichen Glauben steckt. Dieser würde nie zum Schweigen gebracht werden können. Das Evangelium würde sich immer durchsetzen. Die gute Nachricht von Gott würde Grenzen überwinden.
Jesus sagt: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Was für ein Bild! Die Steine werden schreien. Das heißt doch: Etwas, was unmöglich ist, wird möglich.
Langsam kommt mir eine Ahnung davon, was der Sonntag Kantate mit der Passionszeit Jesu zu tun haben könnte. Wie der Zusammenhang sein könnte vom Loben und Singen auf der einen Seite und vom Leidvollem auf der anderen Seite.

Wahrscheinlich hatte der Evangelist Lukas ja auch schon die Zerstörung des Jerusalemer Tempels vor Augen im Jahr 70 nach Christus. Die Steine des vernichteten Tempels. Steine, die geschrien haben von Unrecht und Schmerz. Mag sein, dass Lukas sich aus dieser Erfahrung sein Bild gelie-hen hat.
Mit diesem Bild im Hintergrund schaue ich nochmal auf das Singen der Jünger und spüre umso mehr, welche Kraft in ihrem Singen steckt.
Glaubenskraft. Und das auch angesichts von gefährdetem Leben.
Lebenskraft. Und das auch mit der Erfahrung von Zerbrechlichkeit von Leben.
Ich versuche, das Gotteslob und die schreienden Steine zusammen zu den-ken. Etwas, was eigentlich völlig entgegengesetzt zu sein scheint. Und ich glaube, dass aus unserem Blick auf Gott eine Dynamik entstehen kann, die uns die schreienden Steine überhaupt erstmal wahrnehmen lässt.

Drei Arten von schreienden Steinen fallen mir ein:
1. Die Ruinen in Syrien. Die Bilder, die wir in den Nachrichten se-hen. Die zerstörten Häuser. Kein Stein mehr auf dem anderen. Kir-chen in Trümmern. Ein Land, in dem den Menschen das Lebens-notwendige fehlt und in dem ihnen ihre Würde genommen ist.
2. Schreiende Steine sehe ich auch in unserem Land. Ich denke an die Stolpersteine. Gedenksteine aus Messing mit den Namen von Opfern der NS-Zeit. Eingelassen in das Pflaster vor ihrer letzten Wohnstätte.
3. Meine dritte Assoziation bei den schreienden Steinen ist unsere Umwelt. Luft, Wasser, Pflanzen und Tiere. Die Bodenschätze und seltenen Erden, die umkämpft werden ohne Rücksicht auf Verlus-te. Hier ist das Bild mit den schreienden Steinen ja besonders tref-fend. Immerhin muss die Politik fortan beim Klimaschutz auch an zukünftige Generationen denken.

Die stummen Zeugen von Unrecht und Leid sind es, die Jesus meint mit den schreienden Steinen. Ihnen will er eine Stimme verleihen. Eine Stim-me in unserem Reden, eine Stimme in unserem Singen. Im Ausgerichtet-sein auf Gott. In der Kraft Gottes, die gerade im Musizieren atmet.

Zur Deutung ihres Konfirmationsspruchs schrieb eine Konfirmandin: Mir ist wichtig, dass man nicht schweigen soll. Man soll sich trauen, was zu sagen, auch wenn es falsch ist oder es anderen nicht so ganz gefällt. Es ist deine Meinung oder Aussage. Rede und schweige nicht-so heißt ihr Kon-firmationsspruch. Erzähle deine Gedanken und Gefühle, schreibt sie. Trau dich!

Davon möchte ich mich inspirieren lassen, und auch mal laut wie die Jün-ger meinen Glauben verkünden. Die schreienden Steine benennen und unterstützen. Und hoffentlich auch mal wieder im Gottesdienst hörbar und vernehmlich singen.
Im Herzen schon jetzt!
Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Amen.

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