Lauf-Wunder

[TEXT: Joh 20,1-10]

<i>[Dies ist der Auftakt der Predigtreihe "Petrus & Co – Das Vorrecht, mit Jesus unterwegs zu sein." In jeder Predigt geht es um eine Person aus dem Jüngerkreis. Als erstes wird der Jünger Johannes behandelt, in dem ich den Lieblingsjünger und Verfasser des 4. Evangeliums vermute.]</i>

Liebe Gemeinde,

Laufwunder, so lautet die Überschrift der diesjährigen Osterpredigt. Eigentlich gehört zur Tradition des heutigen Tages eher der gemütliche Osterspaziergang im Grünen oder über die Osterwiese. Aber es gibt auch welche, deren Wege mit mehr Anstrengung verbunden sind. Da ziehen Demonstranten wenn auch in geringerer Zahl als früher, an Ostern für den Frieden auf die Straße. Andere sind in dem Land, wo Jesus Christus gekreuzigt und auferstanden ist, auch heute wieder mit schnellen Schritten unterwegs. Da rennt so mancher um sein Leben, wenn Soldaten hier, Freiheitskämpfer dort mit Waffengewalt die Verhältnisse bessern wollen und immer noch nicht begriffen haben, wie aussichtslos das ist. Die Ausweglosigkeit und das Festgefahrensein der Kontrahenten im Nahostkonflikt beweist einmal mehr: Der Weg, auf dem Gott seine Erlösung in diese friedlose Welt bringt, die Sendung des Messias, ist nicht die Sendung eines Supermannes, der alle Uneinsichtigen mit eiserner Faust unterwirft. Der wirkliche Messias kommt unscheinbar, und sein Weg endet scheinbar im Scheitern.

Laufwunder, da kommen einem sogar Gedanken an die Kirchrenovierung nebenan. Der alte Teppich im Mittelgang ist eine echte Besonderheit. Er hat schon zur 100 Jahrfeier dort gelegen und erlebt nun die dritte Renovierung. Es ist ein wirkliches Wunder, dass er bei allem Strapaziertwerden noch nicht verschlissen ist. Ein wirkliches Lauf-Wunder. Zuletzt fällt einem bei der Rede vom Laufwunder der Sport ein. In der Tat. Im vorliegenden Bericht aus der Bibel wird von einem Wettlauf berichtet. Daran sind nur zwei Läufer beteiligt. Wer als Unbedarfter den Anfang dieses Berichts liest und den Ausgang der Geschichte noch nicht kennt, könnte meinen, die sind zum Frühsport unterwegs. Das soll ja gesund sein. Nicht nur wegen der Fitness. So ein Lauf zu zweit hilft, Abstand gewinnen, wenn man zuvor Schweres erlebt hat, was einen noch beschäftigt und belastet. Und diese beiden, es sind die beiden Jünger Petrus und Johannes, die haben wirklich Schweres erlebt. Ihr bester Freund, ja ihr Herr und Meister, Jesus von Nazareth, den sie als den von Gott gekommenen Erlöser verehrten, er war verhaftet und hingerichtet worden. Der Hohe Rat hatte ihn wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt, grausam wurde er gekreuzigt wie ein Schwerverbrecher. Es war nicht nur die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, es war nicht nur die Bitterkeit über diesen gemeinen Mord, mit der sie fertig werden muss-ten. Ihre ganzen Hoffnungen hatten sich zerschlagen. Sollten sie sich so getäuscht haben? Hatten sie sich etwas vorgemacht? War Jesus am Ende doch nicht der Heiland der Welt? Und auf ihn hatten sie doch ihre ganze Zukunft aufgebaut, um seinetwillen hatten Petrus und Johannes ihre Fischnetze an den Nagel gehängt.

Mit solchen Gedanken laufen sie nebeneinander. Es sind also keine Trimmrunden, die sie da drehen. Ihr Ziel ist der Friedhof draußen vor den Stadtmauern. Da fragt man sich allerdings: Warum diese Eile? Auf den Weg zu den Gräbern geht man doch gemessenen Schrittes! Die Toten bleiben doch, wo sie sind! Was treibt die beiden so an? Es sind die Worte einer Frau, durch die sie am frühen Morgen aus allen Alp-träumen gerissen wurden: "Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben!" Was sollte das nun wieder? Grabräuber, die nicht Gold, sondern Tote stehlen. War ihrem Herrn nicht schon genug widerfahren, mussten sie ihn auch noch im Tode Schande antun! Zornig und verwirrt waren Petrus und Johannes losgelaufen. Der Weg geht an den Hügeln Jerusalems hinauf und hinunter. Johannes hat Petrus rasch hinter sich gelassen. Er hat schon bald einen richtigen Vorsprung. Als erster trifft er bei den Gräbern ein. Noch liegt alles im Morgendunst. Unheimlich still ist es rings herum. Johannes versucht sich zu orientieren. Auf dem anonymen Gräberfeld kann es nicht sein, das hätte dem hohen Rat zwar gepasst. Aber ein wohlhabender Ratsherr hatte sein eigenes, vornehmes Grab zur Verfügung gestellt. Hier ungefähr müsste es sein. Da, ein Felsengrab, dessen Stein weggerollt ist! Johannes steht mit pochendem Herzen davor.

Am liebsten würde er gleich hineinlaufen. Aber er traut sich nicht. Ist es die Scheu, sich einem Toten zu nähern? Hast Du schon einmal vor einem offenen Grab gestan-den? Das ist immer ziemlich schrecklich. Die Träger lassen den Sarg herunter, der Pastor und die Angehörigen werfen eine Schaufel Sand darauf. Sollst du das auch tun? Sollst du der Familie Beileid wünschen, allen oder nur einigen davon? Was wirst du dabei sagen? Am liebsten möchtest du dich drücken vor dem allen, aber die andern haben gesagt, du musst auch dabei sein, da kannst du nicht fehlen. Vielleicht hätte sich der Johannes gerne gedrückt vor diesem Friedhofsbesuch.

Vielleicht hat ihn erst Petrus, der mutigste der Jünger, dazu genötigt: Du musst auf alle Fälle mit, wir waren doch immer seine engsten Freunde, jetzt müssen wir nachsehen, was Sache ist. Wir müssen wissen, was wirklich wahr ist, dazu braucht es immer zwei Zeugen. Komm mit, wir laufen los. Und dann ist Johannes eben mit, aber ungern. Denn der Tod ist immer schlimm, egal ob einer sich monatelang abquält beim Sterben oder ob einer von heute auf morgen abgerufen wird. Und der Tod bringt die Wahrheit ans Licht: Vorher, wer von den vielen Freunden nach einem Kranken sich erkundigt, ihn besucht. Nachher, wer von den Angehörigen wirklich großzügig oder habgierig ist, wer verzeihen kann und wer nachträgt. Vor allem bringt der Tod die Wahrheit ans Licht über die Vorläufigkeit allen Strebens hier: Du kannst nichts mitnehmen, musst das deine andern lassen. Der Tod macht alle gleich. Auch das ist so schlimm gewesen am Ende Jesu: Er wurde allen gleich, nichts bleibt übrig von seiner Gottesebenbildlichkeit, er wird begraben wie alle andern auch, die Zeit seines Wirkens ist bloße Erinnerung an ein tragisches Geschick. Aus für immer.

Mit solcherlei Gedanken mag Johannes vor dem Grab gestanden haben. Vielleicht sind ihm dabei noch einmal die Höhepunkte aus der Zeit an Jesu Seite in den Sinn gekommen. Er hatte sogar vorgehabt, die großartigsten Wunder und Worte des Hern einmal zu Papyrus zu bringen für die Nachwelt. Aber das war ja nun wohl überflüssig. Wer würde sich dafür überhaupt interessieren, bei dem enttäuschenden Ausgang? Das stellte ja alles vorherige in Frage. Und doch lassen ihn diese Erinnerungen nicht los. Wie herrlich war es gewesen, wenn Jesus nur ihn zusammen mit seinem Bruder Jakobus und mit Petrus zu besonderen Aufgaben mit genommen hat. Wie er die drei eingeweiht hat in seine persönlichsten Gedanken und Erfahrungen. Auf einen Berg waren sie gegangen und hatten eine Erscheinung gesehen. Jesus hatte dabei ganz anders ausgesehen, wie so eine Lichtgestalt. Es war geradezu berauschend. Als sie wieder zu sich gekommen waren, hatte Jesus gesagt: Ihr sollt davon niemand erzäh-len, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. Wen hatte Jesus damit bloß gemeint. Sollte er am Ende selbst dieser Menschensohn sein? Dann war klar, weshalb das Grab leer war. Aber warum hatte Gott zugelassen, dass Judas der Verrat gelungen war. Johannes ruft sich noch einmal das letzte Abendmahl in Erinnerung. An dem Abend hatte er ganz dicht neben Jesus gesessen. Die andern nannten ihn manchmal den Jünger, den Jesus lieb hatte. Also das war ihm geradezu peinlich, er wollte nichts besseres sein als die anderen.

Da packt ihn jemand an der Schulter. Petrus ist keuchend angekommen. Was stehst du da so ängstlich? Mir macht eine Grabhöhle keine Angst. Wie anders er doch ist, denkt Johannes. Ich mache mir oft Sorgen, ich kann mich hinein versetzen in die Gefühle anderer. Petrus aber kommt immer gleich zur Sache. Der hat keine Angst vor der dunklen Gruft. Er war einst mutig genug gewesen, dem seewandelnden Jesus entgegenzueilen, aus dem sicheren Boot war er ausgestiegen. Er war mutig genug gewesen, dem Verhaftungskommando mit blankem Schwert Widerstand zu leisten, und der Knecht Malchus kriegte eins übergezogen. So geht Petrus auch ohne Scheu in die dunkle Grabkammer. Sie ist leer. Der Tote ist verschwunden. Nur die Leinen-tücher liegen herum, als seien sie abgelegt von einem, der vom Schlaf erwacht und aufgestanden ist. Petrus ruft Johannes herein. Beide sind ratlos. Kopfschüttelnd machen sie sich auf den Heimweg.

So begann für Johannes jener Ostermorgen. Und es kam noch aufregender. Am Abend erlebt er die allergrößte Überraschung. Da sitzen die Jünger zusammen, erzählen einander diese Friedhofsgeschichten und können sich keinen Reim darauf machen. Da steht auf einmal eine fremde Gestalt unter ihnen. Fremd und doch vertraut. Es ist Jesus. Er zeigt ihnen die Wundmale. Er grüßt sie freundlich. Er macht ihnen keine Vorwürfe. Nun sind die Jünger nicht mehr entsetzt. Der Schrecken weicht der Osterfreude. Sie wissen: Der Herr ist auferstanden! Johannes merkt sich alles ganz genau. Einst wird man von ihm sagen: "Dies ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist." Laufwunder habe ich diesen Bericht genannt. Und das Laufwunder ging damit erst los. Denn die frohe Botschaft vom Sieg Gottes, von seiner Macht über den Tod, von der Bestätigung all dessen was Jesus getan und gesagt hat, diese frohe Botschaft mache nun die Runde. Sie durchlief die ganze Welt. Und dazu hat der Johannes einen großen Beitrag geleistet durch sein Evangelium. Es ist anders als die anderen Evangelien, weil jeder Christ ein Original ist und auf seine ganz persönliche Weise den Glauben vermittelt. Von Johannes heißt es mehrfach, der Jünger, den Jesus lieb hatte. Beim Abendmahl ruht er neben Jesus. Manchmal hat es den Anschein, als seien solche stillen Gestalten, solche Gefühlsmenschen nicht so wirkungsvoll wie andere Christen, die energisch anpacken. Als seien sie nicht belastbar. Eine Notiz aus einem Paulusbrief verrät aber, bei Johannes war das anders. Paulus berichtet im Galaterbrief, wie er viele Jahre nach seiner Bekehrung wieder nach Jerusalem zurück gekehrt ist. Das war kein leichter Besuch, Paulus war in Verruf geraten, er würde den Griechen den Zugang zum christlichen Glauben allzu leicht machen. An sein Treffen mit dem Führungsgremium der christlichen Gemeinde hat er diese Erinnerung: Jakobus und Petrus und Johannes, die für Säulen angesehen werden, gaben mir die rechte Hand und wurden mit uns eins.

Daran wird ein doppeltes deutlich: Die Kraft der Gläubigen, das Geheimnis ihrer Wirksamkeit liegt nicht in ihrer Persönlichkeit. Man muss kein Powertyp sein, um als Christ etwas bewirken zu können. Gerade der Gefühlsmensch Johannes ist zu einer Leitfigur aufgestiegen. Und die Aspekte an der Jesusbotschaft, die ihn beschäftigt haben und die in den anderen Evangelien zu kurz kommen, wo es um die Fakten geht, diese Aspekte wird er in seinem Evangelium zum Thema machen. Er wird in unterschiedlichen Bildreden ausführen, wer Jesus in Wahrheit ist: Der Weinstock, mit dem verbunden unser Leben Frucht bringt. Der gute Hirte, der für uns sorgt in allen Dingen. Das Licht der Welt, das allen anderen Heilsbringern überlegen ist. Und ein anderes wird Johannes zum Thema machen: Die Einheit der Christen. Kein Jünger hat so sehr betont, welche missionarische Kraft im Miteinander, im glaubwürdige Einssein der Christen, im wie das Zeugnis gelebter Liebe liegt. Das wiegt mehr als dogmatische Richtigkeiten und kluge Argumente.

So hat also damals am Ostermorgen der Johannes auf seinem Lauf zum Friedhof ein Wunder erlebt. Ein Laufwunder. Damit kam sein Glaubensleben wieder neu in Fahrt. Ganz viele Ostergeschichten erzählen, wie die Zeugen der Auferstehung in Bewegung kommen. Und das wünsche ich dir heute morgen. Dass dort, wo du lahm oder müde oder erwartungslos geworden bist, die Osterfreude dich erfrischt, dir wieder Beine macht. Denn das will Gott, dass wir in unserem Glaubensleben nicht auf der Strecke bleiben oder aussteigen. Für jedem von uns liegen noch viele Erfahrungen bereit. Da ist noch manche Strecke zu absolvieren. Manchmal wird es steil bergauf gehen, manchmal werdet ihr abgehängt wie der Petrus, manchmal kommt eine unübersichtliche Kurve, du weißt nicht, wies weitergeht und läufst ins Ungewisse. Aber mit dem Glauben an Jesus in deinem Herzen bist du immer auf der Seite des Siegers. Mit ihm unterwegs zu sein ist ein Vorrecht.

Das wollen wir nutzen. Aus der Kraft des Auferstandenen hat unser Leben Sinn und Ziel. Möge uns die Osterfreude heute und in Zukunft anspornen, damit wir auf dem guten Weg bleiben und den Kampf des Glaubens erfolgreich bestreiten können.

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