Lasst euer Licht leuchten (Mt 5,14+16)

Mt 5,14+16
[14] Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. [16] So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Familie NN!

Ich freue mich sehr, dass sie mit N1 und N2 heute da sind, um die beiden taufen zu lassen. Ich weiß, dass diesem Tag einiges an Überlegungen vorausgegangen ist – wir haben uns ja lange unterhalten, und da ist alles mögliche zur Sprache gekommen, was sie bewegt hat. Jetzt sind sie hier – und mit der Taufe werden N1 und N2 heute in die evangelische Kirche aufgenommen.

Aber mit der Taufe passiert noch viel mehr als nur sozusagen die äußerliche Aufnahme in die Gemeinde. Für mich viel wichtiger ist: Die Taufe zeigt, dass N1 und N2 zu Gott gehören. Sie sollen aufwachsen in dem Bewusstsein, dass sie etwas besonderes sind und dass Gott sie gern hat. Sie sollen wissen, dass wir ihnen gutes wünschen, dass sie auf der Sonnenseite des Lebens stehen sollen.

Sie haben einen Taufspruch für N2 und N1 ausgewählt, der das alles zum Ausdruck. Er steht im Evangelium des Matthäus, im 5. Kapitel, und lautet: „Christus spricht: Ihr seid das Licht der Welt. So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Jesus hat das zu seinen Jüngern gesagt – zu normalen, keineswegs überdurchschnittlichen Menschen, zu Menschen wie wir es hier alle sind. Ihr seid das Licht der Welt. Ihr sollt die Welt hell machen!

Uff, denke ich mir da erst mal. Ganz schön große Aufgabe für die beiden Kleinen, und nicht nur für die. Für jeden, der Christ sein will und diesen Satz hört.
Ich glaube, allein aus uns heraus können wir es auch gar nicht schaffen, unser Licht so hell leuchten zu lassen, dass andere Menschen darin Gott erkennen. Aber wir müssen das auch nicht. Denn das Licht kommt ursprünglich auch aus einer anderen Quelle – von Gott selbst nämlich.

Jesus Christus hat einmal über sich selbst gesagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das ewige Leben haben.“.

Zunächst also steht da sozusagen das „große Licht“: Christus, der hier bei uns in der Kirche durch die große Osterkerze dargestellt wird. Sein Licht leuchtet für uns alle. Christus, das ist der Sohn Gottes, der Auferstandene. Durch sein Leben hat er uns Menschen gezeigt, wie Gott ist, und was er für uns Menschen will. Gott ist ein Gott der Liebe. Er will Frieden unter uns Menschen, gegenseitige Achtung und Unterstützung, keine Ächtung von Menschen, die vielleicht ein bisschen anders sind. Und Jesus hat uns das vorgelebt: Er ist zu den Menschen gegangen, die am Rand der Gesellschaft standen, die sonst keiner haben wollte. Er hat sie hereingeholt. Er hat anderen immer wieder den Spiegel vorgehalten, wenn sie dachten, sie würden ein so gutes Leben führen. Er war unbequem, mit seiner Liebesbotschaft. Aber er hat sich nicht abbringen lassen davon. Er hat verlangt: Jeder, der mir nachfolgen will, muss das mit der Liebe und der Achtung vor anderen Menschen ernsthaft versuchen. Aber zugleich hat er versprochen: Wer es ernsthaft versucht, der wird auch meine Hilfe bekommen. Für den wird mein Licht immer leuchten – egal, wie finster es um ihn herum sonst ist.

Und wir, seine Gemeinde: Wir leben in diesem Licht. Wir werden sozusagen vom Licht Christi angestrahlt. Unsere Leuchtkraft kommt von ihm. Und dieses Licht sollen wir auch weitergeben. Für N1 und N2 würde das bedeuten: Was sie von Gott an Liebe erfahren, das sollen sie auch weitergeben. Oder was sie von Gott an Hilfe erfahren, das sollen sie auch weitergeben.

Nun ist die Frage, woher erfahren die beiden das? Liebe Gottes, Hilfe Gottes, das sind doch recht abstrakte Begriffe. Schließlich können wir Gott nicht sehen. Und die wenigsten Menschen können behaupten, sie hätten Gott schon einmal richtig gehört. Woher wissen wir also, dass Gott uns liebt?

Ich meine, wir wissen das durch andere Menschen. Jesus ging es in seiner Botschaft ja immer darum, wie die Menschen miteinander umgehen sollten: Die Menschen sollten einander mit Achtung begegnen. Und darin wird Gott sichtbar. Nicht darin, dass sich jeder einzeln auf Gott konzentriert, sondern darin, dass wir liebevoll und achtsam miteinander umgehen. Und das lernen N1 und N2 am ehesten von uns hier. Von ihnen, den Eltern. Von ihnen, den Paten. Und von der Gemeinde. Wenn wir sie achten und schätzen, dann werden sie sich selbst achten können. Und sie werden dann auch andere achten können. Wenn wir sie lieb haben, dann werden sie selbst sich auch leiden können. Vielleicht nicht immer und zu allen Zeiten, aber so im großen und ganzen hoffentlich schon. So lernen sie, auf andere zu achten und zu merken, wenn einer ein bisschen Helligkeit in seinem Leben braucht.

Was sie selbst kennen gelernt und als gut erfahren haben – das können sie weitergeben, und darin kann ihr Licht scheinen. Das müssen gar keine großen, beeindruckenden Dinge sein. Im kleinen passiert oft viel mehr, als mit großen, aufsehenerregenden Aktionen. Ich wünsche den beiden, dass sie das erkennen, und im kleinen ihr Licht weitertragen können – und es hell scheinen lassen.

Und dazu möchte ich ihnen gern noch ein kleines Märchen erzählen, wie ich mir das vorstelle. Da gab es einen König, der hatte zwei Söhne. Er wusste lange nicht, welcher von den beiden sein Nachfolger werden sollte. Jeder der beiden hatte Eigenschaften, die für einen König wichtig waren. Zum Schluss beschloss er, sie beide auf die Probe zu stellen. Wer die Aufgabe besser erfüllt hatte, der sollte sein Nachfolger werden. Also holte er sie zu sich und sagte ihnen: Ihr habt Zeit bis heute Abend. Bis dahin müsst ihr die große Halle ganz ausgefüllt haben. Es ist eure Aufgabe, zu überlegen, mit was ihr sie füllen wollt. Jeder von euch bekommt fünf Silberstücke, die könnt ihr dafür ausgeben. Der eine rannte sofort los, auf der Suche nach etwas, womit er die Halle füllen könnte. Er sah Bauern beim Dreschen, und sah sofort: Das Stroh, das dabei anfiel, das würde die Halle füllen. Er kaufte also den Bauern das Stroh für fünf Silberstücke ab, ließ es alles in die Halle schaffen und rannte dann stolz zum Vater und sagte: Vater, ich habe die Aufgabe erfüllt. Du kannst eigentlich gleich mich zum Nachfolger bestimmen, denn mein Bruder tut sowieso nichts. Aber der Vater sagte nur: Warte noch. Es ist noch nicht Abend. Der Sohn hatte in einem Recht: Sein Bruder tat wirklich nichts. Bis zu dem Zeitpunkt, als es langsam dunkel wurde. Da kam er, und ließ die Diener alles Stroh wieder aus der Halle räumen. Und als es ganz dunkel geworden war, da stellte er mitten im Raum eine Kerze auf – und das Licht dieser Kerze leuchtete und erfüllte die ganze Halle bis in den letzten Winkel. Da sagte der König: Du wirst mein Nachfolger werden. Denn du hast klug und umsichtig gehandelt: Erstens hast du viel weniger Geld ausgegeben als dein Bruder, und zweitens hast du die Halle mit etwas gefüllt, was allen Menschen von Nutzen ist und ihnen gut tut. Das, und nichts anderes, soll ein König tun.

Und das und nichts anderes sollen wir, denke ich, alle tun – und ich wünsche N2 und N1 genau so ein kleines, aber helles Lebenslicht, das sie leuchten lassen können, und immer gute Ideen, wie sie es zum leuchten bringen.

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