Laat hilligt warn dienen Namen

Gnade sei mit euch Friede von Gott, der die Menschen liebt. Amen
Liebe Gemeinde, lassen Sie mich eine Geschichte erzählen.
Gerda ist 86 und sie wohnt auf einem Resthof irgendwo im tiefsten Nordfriesland. Fast ihr ganzes Leben hat sie auf diesem Hof verbracht: Sie hat jung geheiratet, vier Kinder großgezogen und mit ihrem Mann den Betrieb bewirtschaftet. 1933 kam sie in eben diesem Dorf zu Welt, drei Häuser weiter, ihren späteren Mann kannte sie von Kind auf an. Dann kam der Krieg, und die viele Arbeit, und sie war ja „nur“ ein Mädchen – sie hat nur ein paar Jahre die Schule besucht. Aber sie kann Lesen und Schreiben und Rechnen, das ganz gewiss! Sie ist nämlich alles andere als dumm und interessiert sich bis heute für Politik und Gesellschaft und andere Länder.
Nun ist sie allein da draußen. Manchmal kommen die Kinder, gelegentlich auch die Enkel. Besonders mag sie den Sören. Der kommt immer mit seinem Tablet zu ihr raus, das ist so ein komisches, glänzendes Ding, sieht aus wie ein Schneidebrett, findet sie. Aber das kann tolle Sachen! Sören stöbert manchmal gemeinsam mit ihr durchs Internet. Da kann sie Bilder von den großen Städten ansehen, in denen sie nie selbst gewesen ist. Dafür gibt er einfach den Ort in das sogenannte Google ein. Das weiß einfach alles.
Gerda kann weder Englisch noch Französisch, selbst ihr hochdeutsch klingt ein bisschen komisch. Ihre Muttersprache ist plattdeutsch, das geht ihr wirklich fließend von den Lippen. Zu reisen ist ihr darum nie in den Sinn gekommen. Wie sollte sie sich denn verständigen? Aber Sören zeigt ihr die Welt in Din A5. Spannend ist das, findet sie. So etwas hätte sie früher gut gebrauchen können.

Eines Tages kommt Sören mit einer total verrückten Idee. „Oma“, sagt er, „du bist doch so ein Kirchenmensch. Guck mal, was ich hier habe.“ Und dann zeigt er ihr einen Film, in dem ganz viele Menschen in verschiedenen Sprachen etwas aufsagen. „Das ist das Vater-Unser“, erklärt Sören, „guck mal, da spricht es grade eine Japanerin!“ Gerda versteht kein Wort, und trotzdem ist ihr der Rhythmus vertraut. „Vater unser, geheiligt werde dein Name….“ – sie kann es ja im Schlaf, es begleitet sie seit Kindertagen. Und gleich bewegen sich ihre Lippen lautlos zu diesen fremden Worten, ohne dass sie es bewusst wahrnimmt.
„Hast du nicht Lust, mitzumachen?“, fragt Sören sie. Gerda guckt mit großen Augen. Sie in diesem Internetz? Wie soll das denn gehen?
„Es ist ganz einfach“, sagt Sören. „Du betest, ich nehme das auf. Und dann schicke ich das da hin.“

Gerda zögert. Die ganze Welt soll ihr Gesicht sehen, ihr durch und durch norddeutsches Hochdeutsch hören? Das ist ihr oft genug zum Verhängnis geworden: bei Behördengängen, bei Elternabenden, als die Kinder noch zur Schule gingen, beim Arzt und beim Einkaufen. Sie hatte immer das Gefühl, sie werde nicht richtig ernst genommen. „Ach“, sagt sie, „dat laat man no. Wat schall ik ole Fru wull in’t Internet?“ Aber Sören legt noch einen drauf. „Du hast doch das plattdeutsche Gesangbuch, Oma. Plattdeutsch kann da draußen kein Mensch. Diese Sprache fehlt noch ganz, und das wäre doch so schade!“ Außerdem wolle er so gerne eine Aufnahme davon für sich haben. Er versteht die Sprache wohl, kann es aber nicht sprechen. „Bitte Oma, nun sei doch nicht so altmodisch!“

Das sagt er immer, wenn er was will. Gerda grinst. Und Sören hat gewonnen. Er holt ihr das Buch und dreht das Tablet so, dass es auf ihr Gesicht gerichtet ist. Dann tippt er ein bisschen drauf rum. „Pass auf, Oma. Los geht’s!“ Und dann beginnt Gerda zu sprechen: „Unse Vadder in Himmel. Laat hilligt warn dienen Nam. Laat kamen dien Riek. Laat warn dienen Willen so as in Himmel, so uk op de Eerd.” Das ist fix gemacht. Und weh getan hat es auch nicht. Die beiden gucken sich das Video an, Sören grinst zufrieden und Gerda ist ein bisschen irritiert. Sieht sie wirklich soooo alt aus?

Als Sören sie in 14 Tagen wieder besucht – man höre und staune, es ist grad Pfingsten – hält er ihr mit leuchtenden Augen sein Tablet entgegen. „Guck mal, Oma, du hast 10000 Likes“, das sind die blauen, hochgestreckten Daumen, die anzeigen, dass das Menschen gefällt. Die Organisatoren haben die Aufnahme von Gerda gut platziert zwischen vielen, vielen anderen, die jeweils in ihrer Sprache das Vater-Unser beten. Drei Mal ist sie zu sehen, und immer wieder ist sie in dem Sprachengewirr durchzuhören. Unverkennbar ist ihre warme, aber altersbrüchige Stimme zu hören. Und darunter stehen Kommentare: „Who is that wonderfull old Lady, and what language is she speaking?” fragt einer. Wer ist diese wunderbare alte Dame und welche Sprache spricht sie? Das fragt einer, der den Film in Neuseeland gesehen hat. „Thats my grandma, the language is called plattdeutsch.“, hatte Sören geantwortet. Das ist meine Großmutter, die Sprache nennt sich Plattdeutsch.

So oder ähnlich könnte sich das pfingstliche Sprachwunder heute ereignen, liebe Gemeinde. Wenn wir gemeinsam beten, tun wir das weltweit in allen Sprachen, die es gibt. Wenn wir gemeinsam glauben, überwindet das Grenzen und Sprachbarrieren. Denn Gott hört, was das Herz spricht – egal, welche Worte unsere Lippen formen. Ob das nun phrygisch oder medisch, partisch oder elamitisch, französich, arabisch, dänisch oder plattdeutsch ist. Sein Geist weht, wo Menschenherzen sich begegnen: Hier in Schwabstedt, in Hamburg oder New York, in Paris oder in Melbourne. Und manchmal sogar in diesem neumodischen Internet.

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