Kultur der Liebe

[TEXT: Sach 4,6]

Liebe Gemeinde,
gemeinsam feiern wir heute morgen das Pfingstfest als evangelische und katholische Christinnen und Christen. Und das ist gut so. Eins und einig sollen wir sein. Das ist natürlich etwas anderes, als dass wir immer einer Meinung sind. Und ich denke, Einigkeit im Sinne von Uniformität, wäre nicht nur langweilig, sondern nichts wäre schlimmer als dies, wenn Christinnen und Christen ihren Glauben uniform und gleichgestaltet leben würden. Unsere Kirche braucht die Vielfalt, braucht das Einbringen ganz unterschiedlicher Meinungen und Glaubensrichtungen, weil der Glaube so unterschiedlich sein darf, wie die Menschen selbst.

Aber eins uns einig sollen wir sein in dem Geist unseres Herrn Jesus, der von den Toten auferstanden ist. Eins und einige sollen wir also sein, nicht aus uns selbst, sondern weil der Heilige Geist uns in die Gemeinschaft der Gläubigen ruft. Wenn der Heilige Geist uns eint, dann sind wir gemeinsam in diesem Geist berufen in der Welt Gottes Wort zu verkünden, dann sind wir gemeinsam berufen in dieser Welt Gottes Geist Raum zu verschaffen und ihn sichtbare Wirklichkeit werden zu lassen.

"Nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist soll es geschehen, spricht Gott der Herr." Diese Losung für das Pfingstfest aus dem Buch Sacharja mag uns dabei den Weg weisen, denn schon allein durch diese Worte wird deutlich, wie sehr wir als Christinnen und Christen zwar in der Welt leben und doch auch immer eines anderen Geistes Kind sind, als es in der Welt üblich ist. Und nun zeigt schon der Wochenspruch für das Pfingstfest an, dass wir in einem anderen Geist leben dürfen, als in dem Geist der Stärke, der Macht, der Kraft und der Gewalt.

Nicht durch Heer oder Kraft soll es geschehen. Man könnte auch übersetzen. Nicht durch Gewalt und Stärke. Nun haben wir in den vergangenen Monaten immer wieder erleben und ohnmächtig durchleiden müssen, liebe Gemeinde, dass es offensichtlich im Zeitgeist ist und immer mehr zum Zeitgeist wird, eigenes Handeln, durch Macht, Stärke und wo scheinbar nötig auch Gewalt, bestimmen zu lassen und dass Gewalt und Stärke sowohl im privaten, als auch im politischen Bereich immer häufiger zu eine Möglichkeit, zu einer Option des Handelns geworden ist. Wenn sie einmal überlegen, wie alltäglich und dominierend in den letzten Jahren die Gewalt in unserem Leben wurde.

Ich erinnere an die Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Heute sitzen wenigstens einige Kriegsverbrecher vor dem Gericht in Den Haag, und geben uns schaurig und entsetzlich wahr, Zeugnis davon ab, wie wenig sie einsichtig sind, wie wenig sie ihre Taten bereuen, wie selbstgerecht und selbstsicher sie auch längst bewiesene Greueltaten und Massaker leugnen.

Ich erinnere an die Alltäglichkeit von ganz menschenverachtendem Terrorismus, etwa bei den Massakern im World-Trade-Center oder den sogenannten Selbstmordanschlägen – ich kann mich einfach nicht an dieses Wort gewöhnen – in Israel. Ohne Gnade, ohne auch nur einen Funken Menschlichkeit wird das Leben völlig unschuldiger Menschen unter dem Deckmantel einer Religion, die in Wirklichkeit eine Ideologie ist, ausgelöscht.

Ich erinnere nicht zuletzt an den Amoklauf eines jungen Menschen in einem Erfurter Gymnasium, der ganz offensichtlich in einen psychischen Not -Zustand kam, in dem ihm jede Form von Mitleid und Menschlichkeit abhanden kam. Ohne mehr zu sagen, als zu wissen, liegt die Vermutung nahe, dass er das Töten auf spielerische Weise am Computer lernte.

Ich erinnere an den Krieg in Palästina und Israel, den Krieg in Afghanistan, den Krieg in Nordirland.

Ich erinnere daran, wie sehr der amerikanische Präsident mit einem Angriff auf den Irak droht. Die Folgen eines solchen Krieges auf den Weltfrieden wären unabsehbar.

Ich erinnere an die Allgegenwärtigkeit von Gewalt vor allem in unseren privaten Fernsehanstalten, die ihre brutale Wirkung bis hinein in unsere Schulhöfe entfaltet.

Ich erinnere daran, dass in unserem Land die Gewalt gegenüber Frauen und Kindern massiv zugenommen hat. Davon wissen die entsprechenden Stellen der Caritas und des Diakonischen Werkes ein langes Klagelied zu singen. Und ich meine spüren zu können, dass unsere Mitmenschlichkeit mehr und mehr einer aggressiven Grundstimmung weicht, die sich zunächst einmal auf die Durchsetzung eigener Wünsche und Ziele beschränkt.

Nur einige, wenige Beispiele waren das, liebe Gemeinde, die einigen von uns vielleicht schon zu viel und zu bedrückend waren. Aber es ist nötig sie beim Namen zu nennen. Denn wir müssen einfach einsehen, dass wir, die wir als Christinnen und Christen in dieser Welt leben, mehr und mehr auch Teil einer Kultur der Gewalt geworden sind, dass wir mehr und mehr in einer Kultur der Gewalt umgeben sind. Nichts wünschen wir Menschen uns mehr als den Frieden, aber nirgends versagen wir auch so, wie dann wenn es um die friedliche Lösung von Konflikten geht.

Nicht durch Herr und Kraft soll es geschehen, sondern durch meinen Geist. Ich möchte dieses Pfingstwort sehr deutlich in den eben genannten Zusammenhang stellen. Der Geist Gottes weist uns einen andere Lebenseinstellung. Und es scheint notwendiger denn je zu sein, dass wir uns als katholische und als evangelische Christinnen und Christen, als Orthodoxe; Methodisten, Baptisten, als Freikirchler und so unterschiedlich auch der Glauben an Gott gelebt werden darf, einen lassen durch den Heiligen Geist, einen lassen, in dem Auftrag Gottes: Nicht durch Heer und nicht durch Kraft soll es geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht Gott, der Herr.

Gerade inmitten einer Kultur der Gewalt sind wir gemeinsam als Christinnen und Christen hineingerufen, dem Geist Gottes, dem Geist der Liebe und des Friedens Raum zu geben. Gerade inmitten eines Zeitgeistes, der das Recht des Stärkeren propagiert, der Menschen immer mehr zu Einzelkämpfern um die eigene Glückseligkeit macht, sind wir berufen, das Recht des Schwachen, des Kranken, des Hilfsbedürftigen glaubwürdig zu formulieren und den Sinn von gemeinschaftlichem Miteinander vorzuleben.

Ihr seid das Licht der Welt hat Jesus zu den Jüngern gesagt und es mag tatsächlich für viele Menschen so etwas wie ein Licht in der Dunkelheit sein, wenn sie sehen und erfahren, dass es nach wie vor auch in dieser Welt Menschen gibt, die der Macht der Liebe vertrauen, auch wenn denen, die auf Barmherzigkeit und liebevolles Miteinander setzen, hin und wieder der Wind scharf ins Gesicht weht. Darum meine Bitte zum Pfingstfest, an beide Gemeinden Ranstadts. Vertraut euch Gott an. Lasst euch einen im heiligen Geist. Lebt in eurem Miteinander der Kultur der Gewalt entgegen und sucht nach Möglichkeiten Frieden zu stiften.

Frieden stiftet aber niemand, der sich versucht aus eigener Verantwortung zu stehlen, oder der versucht sich am besten aus allem herauszuhalten. Frieden stiftet vor allem der, der die christlichen Werte nicht bereit ist zeitgeistiger Beliebigkeit zu opfern. Es soll nicht durch Heer oder durch Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist, spricht Gott, der Herr.

Ich trage die Hoffnung, liebe Gemeinde, dass immer mehr Christinnen und Christen das Bedürfnis verspüren, Licht in Welt zu sein, Salz in der Suppe einer immer mehr wertfreien Gesellschaft. Ich trage die Hoffnung in mir, liebe Gemeinde, dass sich immer mehr Christinnen und Christen wieder neu dem Geiste Gottes öffnen möchten. Wir spüren und erfahren, das wir nur Licht der Welt sein können, wo das Licht durch den Geist Gottes entzündet und genährt wird.

Lasst uns gemeinsam leben, verantwortlich handeln, Frieden stiften, liebevoll miteinander umgehen, damit eine Kultur der Liebe inmitten einer Kultur der Gewalt und er Lieblosigkeit sichtbar wird. Denn daran wird die Welt erkennen, dass ihr meine Jüngerinnen und Jünger seid, hat Jesus einmal gesagt, das ihr untereinander Liebe habt.

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