Krippenfiguren erzählen

Liebe Gemeinde,

als Jesus geboren wurde, legte Maria ihn in eine Futterkrippe in einem Stall in Bethlehem. Darum werde jedes Jahr Krippen aufgebaut. Darum gibt es den Kölner Krippenweg. Und darum steht auch hier in der Johanneskirche unsere Krippe.

Von der Krippe erhoffen wir uns, dass sie uns die Weihnachtsbotschaft näher bringt. Wir hoffen, dass die Krippe zu uns spricht.

Und da habe ich mir überlegt, Wie wäre es, wenn die Krippe wirklich sprechen könnte? Was hätten uns die Krippenfiguren zu sagen? Was würden sie uns sagen von Mund zu Mund?

Liebe Gemeinde, ich stelle mir vor, dass unsere Krippenfiguren im Jahr 2006 zu reden beginnen. Denn, sie wissen ja, an Weihnachten ist vieles möglich. Und so ergreifen heute die Krippenfiguren das Wort.

Dabei darf ich unseren Krippenfiguren jetzt in der Predigt meine Stimme leihen. Ich erlaube mir in ihre Haut zu schlüpfen.

Vier Krippenfiguren besuchen uns jetzt in der Johanneskirche. Und bevor die Figuren jeweils zu reden beginnen, wird uns unsere Kirchenmusikerin Eva-Maria Thiele mit einer Liedstrophe auf sie einstimmen. Und wenn sie sich mit Weihnachtsliedern gut auskennen, ahnen sie vielleicht schon, wer da jeweils gleich kommen wird.

<i>Orgel spielt eine Strophe: Joseph, lieber Joseph mein!</i>

Ich bin Joseph. Seit 2000 Jahren bin ich ein Archetyp für alle Väter der Welt. Aber eigentlich, muss ich euch gestehen, bin ich ein Träumer.

Denn ihr müsst euch vorstellen, wie sehr mich Marias Schwangerschaft damals schockierte. Wir waren noch nicht lange zusammen. Wir hatten noch nicht einmal zusammen geschlafen. Und da überrascht mich Maria eines Tages: „Du Joseph, ich bin schwanger. Ein Engel hat es mir gesagt.“

Ein Engel, liebe Gemeinde. Ausgerechnet ein Engel. Eine bessere Ausrede ist ihr wohl nicht eingefallen. Ausgerechnet ein Engel. Ihr in eurer Zeit hättet sofort einen Vaterschaftstest machen lassen. Ausgerechnet ein Engel. Aber damals gab es keine Beweise.

Ihr werdet verstehen: Im ersten Moment wollte ich Maria sitzen lassen. Sollte sich doch der Kindsvater um das Baby kümmern!

Aber dann wurde ich zum Träumer. Zu einem realistischen Träumer. In der Nacht träumte ich. Ein Engel erschien mir im Traum. Er sagte mir, dass unser Kind wirklich vom heiligen Geist inspiriert ist.

Und was soll ich euch sagen: Ich glaubte diesem Traum. So wurde ich zum Träumer. Zu einem realistischen Träumer.

Ich träume für unseren Sohn, dass sich die Zeiten bessern. Ich träume, dass unsere Heimat, der nahe Osten, nicht mehr von Krieg und Gewalt beherrscht wird. Ich träume, dass ich als Zimmermann wieder besser Arbeit finde. Ich träume auch für euch, dass immer mehr Menschen Arbeit finden. Denn der zarte Aufschwung darf nicht an den armen Menschen vorbeigehen. Immer Menschen bei euch in Deutschland wenden sich verzweifelt an Pfarrerinnen und Pfarrer uns sagen: „Wir können unseren Kindern kaum Weihnachtsgeschenke machen. Können sie uns helfen?“

Ich träume für euch von sozialer Gesellschaft in Deutschland. Ich träume für euch von Gerechtigkeit für alle Menschen in der Welt. I have a dream … Denn ich bin Josef, der Träumer – ein realistischer Träumer.

<i>Orgel spielt eine Strophe: Maria durch ein Dornwald ging</i>

Ich bin Maria. Auf wie vielen Altären werde ich verehrt als heilige Gottesmutter. Aber ich sage euch: Ich bin nur eine einfache junge Frau – fast noch ein Mädchen. Schwangerschaft und Geburt waren schrecklich für mich.

Das schlimmste waren für mich die Tage vor der Geburt. Das Baby hatte sich schon gesenkt. Die ersten Probewehen hatten mich erschreckt.

Und dann wurde uns von den verhassten Römern diese Volkszählung befohlen. Wir mussten uns zählen lassen und nach Bethlehem gehen. Wir wurden gezählt. Und ich stellte mir immer wieder die Frage: Was zählt eigentlich im Leben?

An erster Stelle habe ich gelernt, dass meine Beziehung zu Josef zählt. Die Familie ist das Teuerste im Leben.

Josef hat mich damals nicht verlassen, sondern zu mir gehalten. Auch Josef ist damals in diesem kalten, stinkenden Stall über sich

hinausgewachsen – genau so wie ich.

Wir hatten doch keine Hilfe damals. Ihr macht euch heute Gedanken um Hausgeburt, ambulante oder stationäre Entbindung, um geplanten Kaiserschnitt, um Beleghebammen und wehenhemmende oder wehenfördernde Mittel.

Wir – damals im Stall – haben ums nackte Überleben gekämpft.

Darum kann ich es nicht fassen, dass in eurer Zeit immer wieder Kinder misshandelt werden. Ich kann kaum glauben, dass Eltern ihre Neugeborenen Kinder töten. Es ist unglaublich, wie viele werdende Väter ihre Frauen mit Schwangerschaft und Geburt alleine sitzen lassen.

Was zählt ist eine Familie, in der sich die Mitglieder stützen und stärken. Das kann auch eine gefühlte Familie sein, ein Netzwerk von Freundinnen und Freunden.

Was zählt ist eine Gesellschaft, in der Familien gefördert werden – in der Kinder und Jugendliche gefördert werden. Aber wie ich höre macht auch ihr da zum Teil sehr schlechte Erfahrungen: In Nordrheinwestfalen müsst ihr im nächsten Jahr pro Kindergartengruppe einige Tausend Euro mehr zahlten, damit der Haushalt eures Bundeslandes konsolidiert werden kann. In eurer Jugendwerkstatt waren vom Land Fördergelder für ein Schulmüdenprojekt fest zugesagt, die dann doch noch zurückgezogen worden sind.

Wenn ich das höre, ahne ich, dass sich in euren Tagen noch viel ändern muss.

Ich bin Maria. Und weil ich bei der Volkszählung gezählt wurde, weiß ich was wirklich zählt im Leben: Familie – Freundinnen und Freunde – und die Gesellschaft, in der ihr lebt.

<i>Orgel spielt eine Strophe: Kommet ihr Hirten</i>

Nein, nein, nein! Ich bin nicht, was ihr denkt! Ich bin ein Schaf! Und ich muss euch gestehen, ich war gar nicht an der Krippe von Jesus.

Einige andere Schafe aus unserer Herde, ich glaube, die sind wohl mit den Hirten gegangen.

Aber ich gehörte zur trägen Masse. Die meisten von uns blieben einfach auf dem Feld zurück.

Die Hirten waren gegangen. Die Lagerfeuer brannten schnell nieder. Und bald war die Glut kaum noch zu sehen.

Uns Schafen wurde Angst und Bange. Denn jetzt hatte die Wölfe leichte Beute.

Erst hörten wir nur ihr Heulen. Dann kamen sie näher. Erst ein einzelner Wolf – dann ein ganzes Rudel.

Wir Schafe wussten – das ist das Ende. Es blieb nur noch die Frage, wer zuerst gerissen würde. Würde ich es sein?… … …

Und dann geschah das Wunderbare in jener Nacht. Die Wölfe kamen immer näher – und dann … und dann lagerten sie Seite an Seite mit uns Schafen. Einer dieser verhassten Wölfe kuschelte sich regelrecht bei mir an.

Da war mir klar, dass in jener Nacht erfüllt wurde, was der Prophet Jesaja vorausgesagt hat: Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen!

Dieses scheinbar wehrlose Kind in der Krippe, zu dem unsere Hirten hingerannt sind, hat eine fast unbegrenzte Macht.

Wir wurden nicht zerfleischt in jener Nacht, sondern wir lagerten Seite an Seite mit unseren Feinden. Ich bin ein Schaf. Und ich habe gelernt: Die Gesetze von Fressen und Gefressenwerden gelten seit dem Stall von Bethlehem nicht mehr.

<i>Orgel spielt eine Strophe: Stern über Bethlehem (EG 546)</i>

Ich bin der Stern über Bethlehem. Damals über dem Stall habe ich so hell gestrahlt wie ich konnte. Aber auch heute noch könntet ihr mich am Himmel entdecken.

Aber ich weiß, es fällt euch Menschen manchmal schwer, Gottes Spuren in eurem Leben wahrzunehmen.

Dabei kommt Gott euch doch so nah wie möglich. Aber vielleicht ist er euch auch zu nah gekommen. Seine göttliche Nähe hat euch wohl überfordert. Schließlich habt ihr Menschen Jesus verraten, verkauft und getötet.

Aber Gott sucht trotzdem weiterhin eure Nähe. Wir Sterne werden ja auch Millionen von Jahren alt. Und so hat auch Gott einen langen Atem – auch er denkt Jahrmillionen.

Und zugleich schickt Gott euch auch heute schon Zeichen.

Gott hat euch heute Abend Josef geschickt, damit ihr die Träume von einer gerechten Welt wach haltet. Gott hat euch heute Abend Maria geschickt, damit ihr euch besinnt, was wirklich im Leben zählt: Zusammenhalt in der Familie, unter Freunden, in der Gesellschaft und Zusammenhalt weltweit. Gott hat euch ein Schaf geschickt: Wolf und Schaf haben sich versöhnt. Versöhnt auch ihr euch mit den Tieren und mit der Natur.

Schließlich hat Gott mich selbst geschickt. Als Stern habe ich Gottes Licht zu euch gebracht. Und damit sich auch unter euch das göttliche Licht ausbreiten kann, verteilt ihr beim gleich nächsten Lied untereinander Kerzen. Ich bin ein Stern. Und ihr alle werdet jetzt das weihnachtliche Licht empfangen.

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