Kopfzerbrechen

In wenigen Wochen, liebe Gemeinde, beginnt ja der Unterricht für den neuen Katechumenenjahrgang. Zwei Jahre liegen vor den Jungs und Mädels, in denen sie etwas über den Glauben, die Kirche und unsere Gemeinde erfahren sollen. Nun stellen sie sich einmal vor, Pfarrer Fleißner und ich würden in der ersten Stunde auf die Kennenlernspielchen und Warming-Ups und all den organisatorischen Kram verzichten und kämen dafür gleich zur Sache. Und wir würden ihnen etwa folgendes mitteilen:

Ihr habt euch ja nun für den Unterricht angemeldet und wir gehen davon aus, dass ihr das freiwillig und ohne Hintergedanken getan habt. Ihr wollt am Konfirmationstag euren Glauben vor der Gemeinde bekennen, bewusst in die Nachfolge Jesu treten und nicht nur Geschenke absahnen. Ihr macht mit, weil ihr euch ernsthaft für die Sache Jesu interessiert. So weit so gut. Ihr müsst euch aber im klaren darüber sein, worauf ihr euch einlasst. Umsonst gibt es die Konfirmation jedenfalls nicht! Ganz im Gegenteil. Von jetzt an sind Schule und Hausaufgaben nicht mehr wichtig, am besten lasst ihr beides bleiben. Sport, Hobbys und bis in die Puppen mit Freunden rumhängen ist auch nicht mehr. Das lenkt euch alle nur ab. Wer sich mit der Sache Jesu auseinandersetzen und diesem Menschen nachgehen möchte – und das wollt ihr ja, sonst wärt ihr ja nicht hier -, der muss sich von all dem trennen, was ihm lieb ist. Von jetzt an ist also die Kirche euer Zuhause und die Kerngemeinde eure Familie! Und auf eure Eltern braucht ihr auch nicht mehr zu hören, ganz im Gegenteil: Vater, Mutter, Geschwister und all die andern Verwandten, ja sogar euch selbst müsst ihr richtiggehend hassen lernen. Wer das nicht schafft, mit dem kann Jesus nichts anfangen und wir dann natürlich auch nicht. Ihr habt bis zur nächsten Unterrichtsstunde Zeit, euch das zu überlegen. Wer damit nicht einverstanden ist oder meint, er packt das nicht, der kann direkt zu Hause bleiben. Wir konfirmieren nur diejenigen, die ohne Wenn und Aber tun, was Jesus verlangt!

Wie würden die Jugendlichen reagieren? Und erst ihre Eltern, wenn sie nach Hause kämen und ihnen das erzählten? Bei Pfarrer Fleißner und mir würden wohl die Telefone nicht mehr still stehen und ich bin mir sicher, am nächsten Dienstag/Donnerstag säßen wir allein im Gemeindehaus/Stift. Und das wäre ja wohl auch richtig so, oder? Denn das sind Methoden, die wir von Sekten kennen; natürlich kommen sie nicht so platt daher und so gerade heraus. Aber das Ziel ist das gleiche: alle familiären Verbindungen abschneiden, so weit gehen, dass man in ihnen nur noch den Feind sieht und sich ganz und gar dem Guru ausliefern. Ja, Sektenmethoden sind das, die gefährlich sind und Menschen zerstören … und dennoch immer noch eine erschreckend hohe Erfolgsquote vorweisen können. So etwas ist unchristlich, sagen wir, das entspricht nicht dem, was wir von Jesus wissen und was er uns abverlangt.

Tut es das nicht? Ich lese ihnen den Predigttext für heute einmal vor. Er steht im Lukasevangelium, 14. Kapitel, Verse 25-33:

[TEXT]

Das ist schon ein dicker Brocken, der uns da heute Morgen zum Nachdenken aufgegeben worden ist und über den man sich schon den Kopf zerbrechen kann. Was sind das für Worte aus dem Munde eines Mannes, der wie kein anderer für die Liebe unter den Menschen eingetreten ist? Unsere Welt ist doch nun wirklich schon genug mit Hass erfüllt: in Tibet, in Israel, in Irland, in Deutschland, in Rheinlandpfalz und auch hier in unserem Dorf – Hass in den unterschiedlichsten Formen und Auswirkungen gibt es doch schon genug. Das einzige, was man deshalb hassen sollte, ist doch den Hass! Aber doch nicht seine Eltern, seine Familie und schon gar nicht sich selbst! War es nicht Jesus, der gesagt hat: Du sollst den nächsten lieben wie dich selbst? Und jetzt auf einmal genau das Gegenteil: hasse diejenigen, die dir am nächsten sind. Wer das nicht tut, der kann nicht mein Jünger sein. Ja ist denn Jesus noch zu retten? Was ist nur in ihn gefahren, dass er ausgerechnet denen, die mit ihm auf dem Weg sind, solche Worte entgegenschleudert?

Unangenehm sind sie jedem, der sich mit ihnen beschäftigt. Sie passen einfach nicht ins Bild, jedenfalls nicht in das christliche. Andere Religionen mögen zum Hassen auffordern, aber doch nicht das Christentum und schon gar nicht derjenige, auf den es sich beruft! Und es ist schon interessant, liebe Gemeinde, wie über die Zeit hinweg und auch heute noch versucht wird, eine Erklärung für diese Worte Jesu zu finden. Ich gebe ihnen einmal ein paar Beispiele:

A: Jesus selbst hat das nie so gesagt. In der entsprechenden Geschichte bei Matthäus heißt es schließlich: "Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn und Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert." (Mt 10, 37), heißt es da. Das ist auch schon hart genug, aber wenigsten ist von Hass da keine Rede. Also: der Evangelist Lukas hat da wohl radikalisiert und ist dabei ein bisschen über die Strenge geschlagen. Dagegen sind die Worte, die uns Matthäus überliefert, sicher eher im Sinne Jesu gewesen. Von Hass wollte er bestimmt nicht reden.

B: Auch wenn hier das Wort "hassen" gebraucht wird, meint Jesus doch nicht wirklich hassen im eigentlichen Sinne, sondern das, was damit einhergeht, wenn man jemanden hasst, nämlich: sich von ihm abwenden, sich von jemandem trennen. Und dann wären Jesu Worte hier nichts anderes als die Aufforderung, sich Gedanken über den Ernst der Nachfolge und ihren Konsequenzen zu machen. Die gibt es halt nicht umsonst, man muss sich von all dem, was einen bindet – und dazu gehört eben auch die eigene Familie – trennen können, um sich Jesu Sache ganz und gar zu widmen. Du kannst nicht zwei Herren dienen, deinem Gott und deiner Familie, im Ernstfall musst du dich gegen sie entscheiden.

C: Aber auch dieser dritte Erklärungsversuch scheitert, denn – so wissen es die Psychologen – wer hasst, trennt sich ja eigentlich gar nicht von demjenigen, den er hasst, sondern ist im Gegenteil noch sehr mit ihm verbunden und geradezu von ihm abhängig. Hass ist schließlich lediglich das gegenteilige Pendant zur Liebe und darin genauso leidenschaftlich und intensiv wie die Liebe selbst. Deshalb ist hier zwar schon "Hass" im eigentlichen Sinne gebraucht, aber es richtet sich nicht an alle, die Jesus nachfolgen wollen, sondern nur an eine bestimmte Gruppe, eine Minderheit, die diese Anforderung erfüllt. Zur Zeit Jesu waren das die Wanderradikalen, namentlich zumindest die zwölf Jünger, die wir Apostel nennen und die alles aufgegeben haben, um ihm zu folgen. Für solche Menschen gelten diese Worte, aber es gibt eben auch andere, wie ja die beiden Beispiele vom Turmbau und von der Kriegführung erzählen. Und denen ist es durchaus vergönnt, auf ihre Weise Jesu Jünger und Jüngerinnen zu sein, ohne gleich mit allem zu brechen, was ihnen lieb und teuer ist. Es gibt halt einen schmalen Weg für die Masse der Nachfolgenden und einen wirklich ganz ganz schmalen für die Radikalen. Aber beide führen letztendlich zum Ziel.

Sie werden sicher merken, liebe Gemeinde, das ich mit all den Erklärungsversuchen nicht zufrieden bin, auch wenn sich der ein oder andere interessante und sicher auch richtige Gedanke darin findet. Aber sie nützen meines Erachtens wenig. Wenn Jesus diese Worte nie so gesagt hat, warum sollte ich dann heute darüber predigen? Wenn er etwas anderes damit gemeint hat, warum hat er das dann aber nicht gleich so gesagt? Und wenn sie nur für einen bestimmten und begrenzten Hörerkreis gedacht waren, warum hat Lukas sich die Mühe gemacht, es einer ganzen Gemeinde zu überliefern? Wie ich es auch drehe und wende, diese wenigen Verse machen es mir schwer, daraus noch das Evangelium, die frohe und gute Botschaft herauszuhören und ihnen heute Morgen zu predigen. Ich werde es dennoch versuchen. Nicht, um zu behaupten, das sei jetzt der Weisheit letzter Schluss, sicher nicht. Aber ich will mich auch nicht vor einem Deutungsversuch drücken und ihnen wenigstens ansatzweise noch eine andere mögliche Lesart mit auf dem Weg geben.

Beim Lesen der Bibel und insbesondere der Evangelien machen wir meines Erachtens meistens einen großen Fehler: Wir nehmen all die Gleichnisse, die Geschichten, die Worte, die Jesus benutzt, als Wahrheiten, die zu jeder Zeit und an jedem Ort zu gelten haben. Ich bin mir sicher, vieles, was Jesus gesagt hat, ist auch spontan, aus der Situation heraus wie sie gerade war, entstanden, auch abhängig davon, wo er sich gerade befand und mit welchen Menschen er es zu tun hatte. Sie sind deshalb nicht falsch oder nutzlos, aber um sie zu verstehen und ihre Wahrheit im eigenen Leben wiederfinden zu können, muss man sich die unterschiedlichen Situationen vor Augen halten, in denen sie gesagt wurden und für die sie dann gelten.

In Bezug auf unseren Predigttext könnte das dann folgendes bedeuten: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. Er wird wohl wissen, was ihn dort erwartet, sonst hätte er nicht vom Kreuz gesprochen, das jeder bereit sein muss, auf sich zu nehmen. Auf diesem Weg trifft er viele Menschen, die nicht nur von ihm beeindruckt, sondern geradezu fasziniert sind. Nicht wenige begleiten ihn. Sicher haben auch manche wie Petrus und die anderen alles stehen und liegen gelassen und folgen ihm nun. Vielleicht haben seine Worte sie dazu bewegt, vielleicht seine Ausstrahlung, sein Handeln an den Menschen. Die meisten werden es ehrlich meinen mit ihrer Nachfolge. Und doch werden viele darunter sein, denen die Tragweite der Aufgabe, die Jesus zu erfüllen hat, nicht bewusst ist. Schon seine engsten Vertrauten haben ja immer wieder Probleme, seinen Weg zu verstehen, den er geht, obwohl sie schon so lange bei ihm sind und sie ihn besser kennen, als alle anderen.

Vielleicht sind Jesu Worte ja seelsorgerlich und aus einer tiefen Sorge heraus zu verstehen. Er ist auf dem Weg nach Jerusalem, er weiß, dass sich dort seine Mission entscheiden wird, er ahnt, dass ihn die Menschen dafür ans Kreuz nageln werden. Und er kann sich denken, was das für seine Begleiter bedeutet. Er hat einige Wenige ausgesucht, denen er diesen schweren Weg zumuten will. Jeder mehr, der mit ihm wird leiden müssen, ist einer zu viel.

Vielleicht hat er diese Worte des Hasses ja tatsächlich so, wie sie da stehen und von Lukas überliefert wurden, ausgesprochen. Und vielleicht wollte er damit genau das erreichen, was diese Worte auch heute noch bei uns auslösen: Befremden, Ratlosigkeit, Abschreckung. Wie viele von denen, die da um ihn herumgestanden haben, werden nach diesen Worten wohl noch mit ihm gegangen sein? Vielleicht -vielleicht! – redet Jesus so radikal von der Nachfolge durch Hass und Kreuz, um den vielen, die – sicher im guten Willen – mit ihm gehen, eine Menge Leid zu ersparen. Wenn dem so wäre, dann bekämen die Worte, die er spricht, einen ganz anderen Charakter und sie bedeuteten genau das Gegenteil von dem, was sie sagen, nämlich: Ich will nicht, dass du dich und diejenigen, die dir etwas bedeuten, so gering schätzt, dass sie es nicht wert sind, dafür am Leben zu bleiben.

Übrigens: Ein Kommentar zu dieser Textstelle hat diese Worte nicht wie die vielen anderen schönerzuerklären und wegzudeuten versucht, sondern klipp und klar gemacht, dass eine dermaßen radikale Bedingung für die Nachfolge zu einem Glaubensenthusiasmus ermuntert, der letztendlich zum Fanatismus und damit zur Intoleranz führen kann – und damit nicht mir der Botschaft Jesu vereinbar ist. Es war die einzige Frau unter den Kommentatoren, die den Mut hatte, deutlich gegen diesen Predigttext anzugehen. Mir als Mann gibt das zu denken.

Und keine Sorge: Weder Pfarrer Fleißner noch ich haben die Absicht, die Katechumenen so radikal zu empfangen. Wir freuen uns auf sie und wollen sie bestimmt nicht davon abschrecken, zum Unterreicht zu kommen.

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