Koordinaten (Jahreslosung 2006)

Predigt Josua 1,5b (Jahreslosung 2006) von Pfarrer Johannes Taig

Gott spricht: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

In memoriam Hanns Dieter Hüsch


Liebe Gemeinde

„Ich sagte, dass ich es vorziehe, unsere Schwierigkeiten zu gestehen und unsere Anstrengungen zu besprechen, warum wir oft das Wort nicht hören und nicht tun, weil wir in unserer kleinen Welt den Anfang und das Ende nicht mehr sehen, vom Anfang und vom Ende nichts mehr hören, obwohl es täglich, stündlich überall geschieht, zwischen Nord- und Südpol, augenblicklich sich vollzieht und ganz nah zu sehen, zu hören und zu spüren ist. Wir ertrinken doch in sogenannten Nachrichten, nach denen wir uns richten, werden mit sogenannten Informationen vollgestopft, damit wir ‚in Form‘ sind, und sind nicht klüger als zuvor. Die Verteilungskämpfe haben überall begonnen, wir sind unserer Welt nicht mehr sicher und bei vielen ist die Liebe schon verfallen zugunsten einer sogenannten gesunden Realitätsbewältigung. Ich sage es noch einmal: dies sind keine Vorwürfe, sondern nur Bilder, Abziehbilder unserer kleinen Existenz, wenn wir Lebendigen und Sterblichen den Dingen Anfang und Ende nehmen, die auch des Menschen Würde bedeuten, eine Würde, die von Gott kommt – denn am Anfang war das Wort, sein Wort, und am Ende, wenn alles uns verlassen hat, ist es immer noch bei uns, bis ans Ende aller Tage.“ (Hanns Dieter Hüsch, „Nein und Halleluja“, statt „Ja und Amen“)

Hanns Dieter Hüsch, der Kabarettist und Prediger ist am 6. Dezember des alten Jahres im Alter von 80 Jahren gestorben – und hat uns doch über unsere kleinen und großen Befindlichkeiten jede Menge zu sagen, wie dieser Ausschnitt aus einer seiner Predigten zeigt. Ja, wir sollten uns seine Worte zu Herzen nehmen, damit wir die Zusage der Jahreslosung nicht versäumen und in allzu kleiner Münze ausbezahlt bekommen.

Diese Jahreslosung steht in der Gefahr, missbraucht zu werden. Als Unterfütterung für den wohlfeilen Appell zu neuen Ufern aufzubrechen, doch endlich das Jammern sein zu lassen, neuen Mut zu fassen und den Schritt nach vorne zu tun. Die Jahreslosung steht in der Gefahr missbraucht zu werden. Zum Absegnen der eigenen Zukunftspläne in Kirche und Gesellschaft. Eine Oberkirchenrätin hat gar bemängelt, dass die Jahreslosung zu sperrig sei, wegen der negativen Formulierung. Das Wörtchen „nicht“ hat sie gestört, denn man erwarte in der Kirche heute doch positive Aussagen. Zum Piepen! Auf Seite zwei kriegt sie dann noch die Kurve und ruft uns zu: Gott mit uns! Und unseren Vorhaben im neuen Jahr.

Darf man skeptisch bleiben? Muss man diese Zusage nicht gerade denen nehmen, die sie sich anziehen wollen, wie den eigenen Schuh, um noch ein bisschen größer und stärker zu erscheinen? Ich sage nur Hwang Woo-Suk. Erinnert ihr euch? Wie er im Juli des vergangenen Jahres mit sensationellen Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit trat und in allen seriösen Wissenschaftszeitungen zum Klonkönig inthronisiert wurde? Bald würde es nun Stammzellen geben, die alle möglichen Krankheiten heilen könnten. Und die Mahner und Skeptiker und mit ihnen die Kirchen standen wie die dummen Spielverderber und Fortschrittsverweigerer in der Ecke und mussten sich schämen. Heute ist Hwang Woo-Suk verschwunden und alle Welt weiß: Dieser Hoffnungsträger war ein Betrüger und Schaumschläger.

Ja, unsere Welt und ihre Sehnsucht in den Himmel zu wachsen wird wohl noch mehr Wissenschaftler von dieser Sorte hervorbringen, weil sie vom Koordinatensystem, in dem auch die Jahreslosung steht, nichts mehr wissen will. Nichts mehr wissen will, vom Anfang und Ende des Menschen, vom Unterschied zwischen Gott und Geschöpf, vom Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, vom Unterschied zwischen Sein und Schein. Nichts mehr wissen will von Skeptikern und Fortschrittsverweigerern. „Sei nur getrost und ganz unverzagt, dass du hältst und tust in allen Dingen nach dem Gesetz, das dir Mose, mein Knecht, geboten hat. Weiche nicht davon, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du es recht ausrichten kannst, wohin du auch gehst.“ So sagt es Gott gleich nach dem Vers der Jahreslosung zu Josua. Der erste Teil wird gern zitiert, der zweite ehr weniger. Die große Zusage Gottes hebt aber die Gesetzmäßigkeit, das Koordinatensystem, in dem wir uns befinden, nicht auf. Da ist Gott und hier sind wir.

Nur dem, der diesen Unterschied noch kennt, erschließt sich die Jahreslosung in ihrer ganzen Größe und ihrem ganzen Reichtum. Denn bei der Jahreslosung handelt es sich eben nicht um eines jener Trostpflästerchen, das man auch in der Kirche zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufgepappt bekommt. Hier geht es nicht um den kleinen Trost beim Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Hier geht es um unsere ganze Existenz und um unsere ganze Identität.

So ging es damals auch dem Volk Israel, das an der Grenze des verheißenen Landes stand. Mose war gestorben. Josua wird sein Nachfolger. Das gelobte Land einzunehmen, es betreten und bewohnen zu können, davon hing die ganze Existenz und Identität des Gottesvolkes ab. Ohne dieses Land keine Zukunft, sondern endgültiger Untergang. Hier geht es um viel mehr als um alte Ankerplätze und den Ruf zu neuen Ufern aufzubrechen. Es geht um die Frage, wer wir sind und wo wir bleiben.

Und auf diese Frage gibt uns Gott uns nun wirkliche andere Antworten, als die moderne Medizin und Forschung, die uns immer ein Stückchen weiter in den Himmel wachsen lassen will. Und uns dabei die Fragen und Antworten nach unserer Existenz immer mehr verschleiert, statt enthüllt. Gottes Antwort macht nicht den Menschen groß und ewig, sondern seine Treue groß und ewig. Die Jahreslosung sagt: Wir sterblichen Menschen und der ewige und lebendige Gott haben eine gemeinsame Zukunft – dank der Liebe und Treue Gottes. Unsere Reaktion auf die Treue Gottes kann nur eine sein: Vertrauen. Ur-Vertrauen. Egal, was uns im kommenden Jahr gelingt oder nicht. Egal, ob dieses Jahr unser letztes ist oder noch viele kommen. Das ändert nichts an Gottes Treue uns gegenüber.

Die und nur die hilft uns auch, uns mit unserer Endlichkeit und Begrenztheit zu versöhnen, ja sogar anzufreunden. Wie vieles setzen wir Menschen ins Werk aus Angst? Aus Angst vor dem Tod, aus Angst zu kurz zu kommen, aus Angst etwas zu versäumen? Wie vieles wird auch in der Kirche ausprobiert und eingeführt aus Angst? Aus Angst vor dem Verlust der Bedeutung, aus Angst Mitglieder zu verlieren, aus Angst vor der Ebbe in den Kassen? Es darf bezweifelt werden, dass da wirklich etwas Gutes herauskommt. Es könnte vielmehr so sein, dass wir auf diese Weise selber Angst verbreiten, ohne es zu wollen. Die Jahreslosung will uns diese Angst nehmen. Was zu tun ist, was notwendig ist, soll nicht aus Angst, sondern im Vertrauen auf Gottes Treue begonnen und getan werden. Nur so werden auch andere zum Vertrauen bewegt. Davon wünsche ich Euch und unserer evangelischen Kirche im neuen Jahr jede Menge.

Mit Hanns Dieter Hüsch haben wir begonnen, mit seinen Worten schließen wir:

„Mit allem was wir Anfang und Ende
Kommen und Gehen nennen
So groß sind wir geworden
Und sind vor Gott so klein
Aber Er liebt uns
Weil Er allumfassend weiß wie wir leben und sterben
Und Er nimmt uns in seine Arme und schenkt uns
Ein Wiedersehen mit allen
Die wir lieben und geliebt haben
Die wir suchen und finden
Weil Gottes Geschichte länger währt
Als die Weltgeschichte
Weil Jesu Himmelfahrt älter ist
Als die Raumfahrt
Weil wir wachsen blühen und gedeihen
Älter werden und kleiner werden
Zu Erde werden
Aber durch den Tod hindurch
Weiter wachsen zu Jesus
Der sich bis ans Ende der Welt
Unser erinnert
Unser erbarmt
Und uns erlöst
Jetzt und immerdar.“

(Hanns Dieter Hüsch, ebd.)

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