Konfirmation und Freiheit oder die Fabel von der Fledermaus, dem Turmfalken und dem Weißstorch

Konfirmation und Freiheit oder die Fabel von der Fledermaus, dem Turmfalken und dem Weißstorch

© Wilfried Marnach

Texte:

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.      (2.Korinther 3,17)

Und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.      (Johannes 8,32)

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemanden untertan.    ( Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520)

 

Liebe Konfirmanden,

zum Beginn der Predigt ein Witz, der mir schon öfters erzählt wurde. Es ist der Witz von den Fledermäusen und deren Konfirmation.
Drei Pfarrer treffen sich und erzählen von ihren Sorgen.
Ein Problem haben alle drei.
Sie haben Fledermäuse im Kirchturm.
Der erste jammert: „Ich habe es mit Ausräuchern versucht. Kurz waren sie weg, aber am nächsten Tag alle wieder da.“
Der zweite klagt. „Auch ich habe den Kirchturm voll mit Fledermäusen. Ich habe versucht sie zu erschießen, aber in der Dunkelheit habe ich keine getroffen. Sie sind einmal hoch geflattert und in einer halben Stunde waren alle wieder da.“
Der dritte lächelt und sagt: „Ich habe kein Problem mehr mit Fledermäusen, – wisst ihr, was ich gemacht habe? Was??
Ich habe sie konfirmiert und alle waren weg….“

Im ersten Moment vielleicht lustig. Aber dann im Ernst eher traurig. Diesen Pfarrerwitz müssen sich wohl frustrierte Pfarrer oder schlaue Religionssoziologen ausgedacht haben.

Jetzt die zweite Geschichte, ich nenne es eine moderne Kirchenfabel über Konfirmation und Freiheit.

Eine Fledermaus, ein Turmfalke und ein Weißstorch treffen sich und unterhalten sich über die Kirche, die Konfirmation und den Pfarrer.

Sagt die Fledermaus leicht frustriert. Ich hab nicht mehr viel mit der Kirche und dem Pfarrer zutun. Er hat uns alle konfirmiert und danach waren wir alle weg. Wir waren frei und konnten machen, was wir wollten. Und zwar über längere Zeit. Seitdem sitzt er nur noch mit den alten Fledermäusen in der Kirche. Er hat uns ja frei gelassen.

Da erzählt der Turmfalke, dass er gerne in der Kirche ist – auch er wurde natürlich konfirmiert und konnte dann frei und unabhängig durch die Lüfte ziehen- hat aber dann im Turm die Luke gefunden, durch die er in den Kirchturm gelangt. Er mag das Geläut, die Glocken und den Klang der Orgel. Auch der schöne sonntägliche Gesang gefällt ihm. Und dass dort Menschen zusammen kommen, um zu beten. Auch für andere. Und weil es ihm so gut gefällt behält er seine Turmstube in der Kirche und zieht dort seine Jungen auf.  Er fliegt gerne über das Dorf, in dem die Kirche noch in der Mitte steht, und lässt sich im geschützten Kirchturm mit seinen Jungen nieder. Er ist frei und kommt aber regelmäßig wieder

Verwundert nimmt das alles der Weißstorch zur Kenntnis. Er steht ruhig und gelassen auf einem Bein, ist nachdenklich und fängt an seine Version mit der Konfirmation, der Freiheit und der Kirche zu erzählen. Wir sind natürlich auch konfirmiert worden, erzählt er. Und wir sind Zugvögel, das muss man wissen. Freiheit liegt in unseren Genen. D.h. wir fliegen von der Thermik des Himmels getragen und über Gottes schöne Schöpfung bis zu 10.000 km weit weg, bis nach Afrika, um dort unser Winterquartier zu haben. Aber immer im Frühling spüren wir den Drang wieder zurück zu fliegen,  zum und ins Dorf mit der Kirche und dem Pfarrer und bauen auf der Kirche unseren Horst. Aus freier Entscheidung und unabhängig. Da klappern wir dann und kriegen dann mit unseren Partnern unsere Jungstörche. Der Pfarrer freut sich jedes Mal, flippt quasi aus, wenn er uns sieht, denn wir bringen ihm in unserem Schnabel viele Menschenkinder mit, die er dann schnell tauft. Obwohl die sind ja noch jung und können nicht weglaufen. Höchstens weg krabbeln. Doch das ist schwierig. Und dann fährt er fort: Und mittlerweile sind wir wieder ganz schön viele und bevölkern die Auen, auch hier im Werratal bei Lengers und bei Widdershausen zum Beispiel. Wir sind zwar Halbjahresweise  weg gezogen, erzählt der Storch, aber wir sind revierbeständig und kommen wieder, verlieben uns vielleicht woanders, feiern Hochzeit in der Kirche und lassen unsere Jungen taufen und natürlich auch konfirmieren, denn –und jetzt wurde der Weißstorch sehr ernst und pädagogisch-  wir lieben das Leben und fühlen uns von Gott gesegnet, wir fliegen und reisen weite Lebenswege. Da fühlen wir uns frei. Aber wir vertrauen und wissen, dass Gott uns auf der Reise unsers Lebens  mit und durch seinen Segen begleitet, beschützt und bewahrt. Von Anfang an geschah das. Seit dem Tag unserer Geburt. Und auch im Erwachsenalter brauchen wir den Zuspruch Gottes in und durch die Kirche. Wir mögen unsere Kirche hier im Dorf. Wir lieben den Klang der heimischen Glocken, auch die gemächliche Routine, die manchmal altmodisch klingenden Lieder und Worte im Gottesdienst und das freiwillige ehrenamtliche Engagement der Menschen für ihren Glauben und ihre Kirche hier vor Ort. Vor einer Welt ohne Glaube, wo jeder sich selbst der Nächste ist oder zurzeit noch schlimmer mit fanatischem Glaube, wo religiöser Fundamentalismus und Glaubensdiktatur Andersgläubige töten, das kann ich bei meinen  Überflügen vieles sehen , gibt es häufig Krieg, Vertreibung, Flucht  und Tod. Auch Ungerechtigkeit, Flucht und Armut. Vor solch einer Welt graust es uns. Das macht uns Sorge und Angst. Wir glauben an den Frieden, die unendliche Kraft der Liebe, das Miteinander der Menschen, die Gemeinschaft, die Kraft fürs Leben und den Segen im Leben, die vom Glauben an Gott und Jesus Christus ausgehen. Wir würden uns nie weg konfirmieren lassen. Wir behalten unseren Platz in der Kirche. Wir gehören zur Kirche so wie der Glaube an Gott in die Kirche gehört. Wir lassen uns nicht weg konfirmieren. Wir gehören dazu. Keiner kann uns vertreiben. Wir bleiben hier und kommen immer zurück.     © Wilfried Marnach

Liebe Konfirmanden ihr seid nun nach der religiösen Lehre unserer Kirche, der evangelischen Kirche und dem evangelischen Glauben, der dieses Jahr 500 Jahre alt wird, im religiösen Sinn erwachsen und auch frei. Euer eigener, freier und unabhängiger  Weg ins Leben beginnt.

Ihr besitzt mit Martin Luther gesprochen, die Freiheit eines Christenmenschen. Dies Sehnsucht ist und wächst tief in uns Menschen. Konfirmation hat immer etwas mit Freiheit zutun.

Ursprünglich bedeutet Konfirmation, von lat. confirmareBestätigung“ und „Festigung“ im Glauben, aber auch Freiheit zum eignen, kritischen und frei entfalteten Glauben. Wir konfirmieren euch in euren Glauben, der hoffentlich fest ist und bleibt, aber der auch im Gewissen frei macht und Kraft gibt im und für das Leben, um gut zu leben.

Im religiösen Sinn seid ihr ab heute auch erwachsen, d.h. ihr dürft Pate werden und  bei Kirchenwahlen teilnehmen.

Und zur tiefsten Erkenntnis unseres evangelischen Glaubens gehört es allerdings, dass wir frei sind durch unseren Glauben an Jesus Christus. Keiner kann über unsere Gedanken, Ideen und Gefühle herrschen, wenn Gott uns im und durch den Glauben an Jesus Christus befreit hat.  Freiheit ist eine zentrale Botschaft unsers Glaubens.

Und diese Freiheit hat auch einen Vers in der Bibel:

Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

(2.Korinther 3,17)

und ein Wort Jesu: …und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8,32)

Freiheit ist übrigens auch mehr als glücklich zu sein oder „Hauptsache gesund“ oder nach der Konfirmation erst ein Mal aus der Kirche wegzulaufen.

Freiheit des Glaubens ist auch mehr als das Weglaufen von Mamma und Papa, wenn man die ersten Schritte als Kleinkind oder  Jugendlicher macht und man froh ist, ohne die Eltern Dinge erledigen und tun zu können oder zu dürfen.

 

Doch ich will das Wort FREIHEIT einmal mit Begriffen, andern Worten und Inhalten füllen und durchbuchstabieren. Immer als Auswahl fürs zukünftige Leben von Gott geschenkt und von euch auch selbst verantwortet:

Alle hier und ich wünschen euch eine Freiheit des Glaubens mit

F wie Familie, die euch weiterhin liebt und die ihr liebt. Da könnt ihr immer wieder hin gehen.

F wie Freunde, am besten ein Leben lang.

Wir beten und hoffen für euch und uns alle um

F wie Frieden, den die Welt bitte nötig hat. Jede Anstrengung  für den Frieden ist notwendig. Kein Weg sollte dafür zu weit sein. Frieden lohnt sich immer und ist ein hohes Gut.

F wie Freude. Freude am Leben, Freude an der Liebe, Freude über euch, weil ihr hier seid und so seid wie ihr seid. Jeder Einzelne.

R wie Rolle –und Rollenwechsel. Ihr seid keine Kinder mehr, sondern Jugendliche.

R wie Religion, unsere Religion, das Christentum und die Religion unserer Vorfahren, für euch Gethsemaner auch das wichtige Wissen, das eure Vorfahren fromme Hugenotten aus Frankreich waren, die wegen ihres evangelischen Glaubens  nach Hessen flohen und Religiosität letztlich nichts anderes ist als unser Glauben an Gott und die Menschlichkeit von uns Menschen. Auch das viele Gute, zu dem Menschen fähig sind.

R wie Ruhe und Gelassenheit durch den Glauben.

E wie Eltern, die euch das Leben geschenkt haben, die hoffentlich euch weiter unterstützen,  lieben und für euch beten. Die euch aber auch frei geben auf eurem Weg ins erwachsene Leben.

E wie Ernst des Lebens, dem Bruder des Spaßes,  und  was auch nicht mit Angst oder Stress übersetzt werden muss, vielleicht mit Verantwortung, Gewissen und Dienst an sich selbst und für andere.

E wie Empathie, also Einfühlungsvermögen und Mitgefühl für andere, auch ganz viel Empfindlichkeit und Sensibilität für die Ängste, Sorgen und Nöte von euren Freunden und Mitmenschen.

E wie Erfolg, d.h. dem Glück des Tüchtigen oder dem Lohn der Anstrengung.

I wie Information, die richtigen, korrekten Information, keine fake news, keine alternativen Fakten oder gepostete Lügen, Schmähungen, Diskriminierungen, Unwahrheiten und Mobbing über euch oder von euch über andere.

I wie Interesse am Leben, an den Mitmenschen, am eigenen Ich und natürlich Interesse am Du, auch Interesse am Glauben

H wie Himmel auf Erden und den religiösen Himmel als ewige Heimat, H wie Heimat, den Ort und den Platz, die Region, die Menschen und deren Liebe und Freundschaft,  wo man herkommt, der uns Sicherheit, Schutz und  Glück schenkt, wo wir uns geborgen fühlen.

H wie Hilfe und Unterstützung, die ihr bekommt, wenn sie nötig ist.

H wie Hölle, die ihr hoffentlich nicht erleben müsst. Haltet euch fern vor bösen Menschen und schlechten Ideen.

H wie Hoffnung, die große Schwester des Glaubens und der Liebe. Unsere Hoffnung ist stärker als der Tod und sie stirbt nicht zuletzt, weil sie durch die Liebe immer wieder Kraft bekommt. Auch der Glaube, der sich in eurem Konfi-Spruch ausdrückt, schenkt immer wieder Hoffnung.

E wie Europa, das unsere Zukunft ist in Freiheit, Sicherheit und in Gemeinschaft.

E wie Evangelium von Jesus Christus und E wie evangelisch.

Dies Evangelium macht frei und gibt Kraft im Leben und Sterben. Jesus Christus liebt uns und erlöst uns, das sagt schon unsere Religion, das Evangelisch-Sein.

I wie international, tolerant und offen, aber auch informiert und I wie Ich, das auch Sich selber mag und I wie Ich und Du. Wir leben nicht alleine und sehen den gleichen Himmel über uns und die gleiche Erde  gehört allen.

Zum Schluss: T wie  Treue, Tost, Toleranz, Traum und Tanz.

Zur Freiheit eines Christen heißt es auch treu, zuverlässig, geduldig zu sein und von tiefem Vertrauen in andere getragen zu werden.

Und zur Freiheit gehört auch die Freiheit des Andersdenkenden, d.h. das

T wie Toleranz so zu gestalten um andere Ansichten, Lebensstile und Glaubensrichtungen nicht nur  zu dulden, sondern auch als eine Möglichkeit des Menschen sich zu entfalten zu akzeptieren. Toleranz ist für ein friedliches Zusamenleben unabdingbar.

T wie Trost durch Worte, Hände und Gesten, wenn ihr traurig seid. Auch das Wissen und die Erfahrung, dass Gott euch tröstet wie ein Vater oder eine Mutter trösten.

T wie Traum vom Leben und Tanz im Leben, weil das Leben schön, einmalig und wunderbar ist.

T wie toll, schön und wunderbar,  dass es euch gibt und wir euch heute hier  konfirmieren.

 

Bleibt mir nur noch eins zusagen: Gott schütze und bewahre euch mit seinem Segen, er versorge euch mit Gutem ein Leben lang, er schenke euch lebenslangen Glauben, Güte und Barmherzigkeit und Freiheit, so dass ihr fliegen könnt und euch jung fühlt wie ein Adler (Psalm 103, 5), besser wie der Weißstorch.

Ihr wisst schon, der wurde auch konfirmiert und kommt immer wieder zurück.                           Amen

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