Komm nach Hause – komm zu Gott

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

wann hatten Sie den Mut gefasst, die Frage zu stellen, deren Beantwortung mit „Nein“ so schmerzhaft wäre. Wann hatten sie den Mut gefasst, Sohn, Tochter, Partner oder Lebensgefährtin zu fragen: Kommst du Weihnachten nach Hause? Kommst du zu mir? Hatten sie schon im August angefragt, oder sich erst im Oktober ein Herz gefasst? Oder erst vor ein paar Tagen?

Aber vielleicht gehören sie zu denen, die diese Frage nicht stellen mussten, weil die Heimkehr aller Lieben am Heiligen Abend ungefragt in Geltung steht?

Und die sind bestimmt auch unter uns, die eigentlich gerne Nein gesagt hätten. Nicht aus Bosheit oder um zu verletzen, sondern um diesem Fest einen neuen, eigenen Rahmen zu geben. Oder: Um dem Streit einmal zu entgegehen.

Wie dem auch, heute sind wir hier. Sind hier versammelt zum Gottesdienst und haben schon gemeinsam gebetet und gesungen.

<b>Wann wird es stimmig?</b>

Alles soll schön werden heute an diesem Abend und in den nächsten Tagen. Aber man wird es stimmig? Die Warnung, Weihnachten nicht mit Erwartungsdruck zu zerquetschen, haben wir alle schon einmal gehört. Trotzdem, es kann nicht jede Frau und jeder Mann sich gegen den heftigen Durst der Seele nach Harmonie, Liebe und Versöhnung wehren. Heute kommt das einfach heraus. Und das ist gut so. Es lässt uns doch ohnehin so kalt wirken, wenn wir diese weihnachtlichen Sehnsüchte in harten Schalen verbergen.

All der Weihnachtsschmuck, Kerzen, Engel, Weihnachtsmänner, Lebkuchen und all die Lieder und Melodien rufen eine Stimmung hervor. Weihnachten ist der Wohnort für Sehnsucht nach Harmonie, Sehnsucht nach Frieden,Sehnsucht nach Liebe Sehnsucht nach Leben inmitten kalter Welt.

Wir kommen besser zu Recht mit unseren Gefühlen und Gedanken, wenn sie reale Orte haben, in denen sie Wohnung und Gestalfinden können. Aber wann wird es stimmig? Wann passen unser Gemüt, unsere Seele und Weihnachten wirklich zusammen?

<b>Daheim bei Jesus – heimlich bei unserem Fest</b>

Das Johannes-Evangelium beschreibt anfangs des 7. Kapitels eine häusliche Szene. Jesus ist im Gespräch mit seinen Brüdern. Ein großes Fest naht, das Laubhüttenfest oben auf dem Berg in Jerusalem. Es dauert ein Woche. Jeder muss hin. „Nutz das Fest, du kommst dabei groß heraus“, raten die Brüder ihrem Ältesten. Der aber verweigert sich dem Fest: Sagt Nein zum Rummel, sagt Nein zum kollektiven Zwang der Festrituale, sagt Nein zu all den Konventionen. Jesu Brüder ziehen los. Und dann geht er ihnen nach. Wörtlich heißt es: „Da ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern im Verborgenen.“

Drei Tage liegen vor uns. Drei Tage, wie viele sagen, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Drei Tage, zu sich selbst zu finden. Relgion, Glaube, Kirche, Christus, Evangelium, das alles kommt schon igrndwie vor. Aber Hand auf´s Herz: Spielt es wirklich eine Rolle?

Inmitten des Festtreibens wird Jesus entdeckt. Er tritt im Tempel auf und hebt an zu reden. Voll Skepsis stehen die Leute um ihn herum. Jesus wandelt die eingangs gestellte Frage in eine Einladung um: Komm nach Hause – komm zu Gott.

Dann würde es stimmig werden: Wenn wir all die Kerzen, all den Schmuck, den Weihnachtsbaum, das Beisammensein, die Musik, wenn wir in all dem die Einladung vernehmen könnten: Komm nach Hause – finde deinen Weg zu Gott. Feiere die Geburt Christi in deinem Glauben.

Unsere Feste werden schal, laut, bitter und nahezu zynisch, wenn wir Gott feiern und seine Einladung doch nicht vernehmen wollen. Jugendliche sind es, die ein besonderes Gespür für diese Widersprüche haben.

<b>Die Einladung Jesu</b>

Inmitten des Festes in Jerusalem ruft Jesus laut die Einladung Gottes heraus: „Komm nach Hause, Seele, und finde dich in mir. Schaue nicht auf deine Fehler. Schaue nicht auf deine Ängste. Schaue nicht auf deine eigene Kraft. Auch lass dich nicht blenden von deinen Erfolgen. Wende deinen Blick weg von den Äußerlichkeiten. Sie hindern dich, zur Wahrheit zu kommen.“

„Komm nach Hause, Seele,“ fährt Jesus fort“, und lebe in mir: Nimm mein Bild in dich auf. Und glaube dich selbst als Geschöpf aus der Hand Gottes. Glaube dich getragen von seiner Barmherzigkeit. Glaube dich getragen von meiner Vergebung. Komm nach Hause, Seele, und finde Ruhe in Gott, der mich gesandt hat, dich zu erlösen.“

Martin Luther warnt davor, Jesus nur als Beispiel eines guten Menschen hinzustellen. Er sagt: „Du mußt Christus zuerst als Sakrament, als Gabe und Geschenk aufnehmen und erkennen ehe du ihn dir als Beispiel, als Exemplum nehmen willst.“ Das vergessen wir immer wieder. Wollen gut und edel feiern, gut und edel handeln auch, aber sein wie Christus wollen wir nicht. Wollen nicht sein Bild in uns aufnehmen.

Inmitten des Festes in Jerusalem ruft Jesus die Einladung Gottes heraus. Hätten wir viel Zeit, könnte ich ihnen nun die ganze Aufregung schildern, die dieser Ruf zur Folge hatte. Die einen stören sich daran, dass Jesus aus Galiläa kommt. Den andern fehlt seine Legitimation durch Ausbildung und Studium. Die Oberen aber fürchten um ihre Macht. Und – ehrlich – ist ihnen meine Rede heute nicht viel zu fromm? Welche Widersprüche regen sich in Ihnen?

Über unserer Welt liegen so viele Zwänge. Manchmal spürt man das erst, wenn man ins dem Umkreis der Freiheit Gottes gerät. Als Nikloaus verleidet ging ich vom Kindergarten zur Schule. Zwei Jungen kommen mir entgegen. Sie grüßen mit dem Satansgruß. Was geht in Menschen vor, die dem Heiligen begegnen? Über unserer Welt liegen so viele Zwänge:

Alles muss mediengerecht sein. Selbst Bischöfe predigen heute so, dass man morgen ihre Statements erwattungsgemäß in Kurzform nachlesen kann. All unsere sozialen Systeme drohen zu zerbrechen. Nicht, weil sie so kompliziert wären. Ich denke eher, weil wir die Quelle vergessen haben, aus der heraus sie geschaffen wurden. Denn ehedem wusste man sich noch in einem christlich geprägten Staat, einem Land, in dem Solidarität herrschen sollte. Unser Schulsystem können wir nicht ändern, obwohl die Zahl der darin verzweifelten Kinder und Jugendlichen – und Lehrer! – jährlich steigt. Gegen die Globalisierung kann man sich nicht wehren. Wenn wir nicht den Sonntag herschenken, geht der Umsatz zurück, heißt es. Tagtäglich mehren sich unsinnige und widersprüchliche Verwaltunsgvorschriften. Viel Geschwätz ist zu hören, aber offen zu reden traut sich keiner. Diese Partei ist wegen Thema sofort A beleidigt, die andere wegen Thema B. Von den Eitelkeiten der Machthaber ganz zu schweigen. Und wir, du und ich, was bewegt uns eigentlich? Das kann doch nicht immer so weiter gehen, dass man durch seine Lebenszeit sich einfach so treiben lässt.

Jesus verweigerte sich den Zwängen des wohlorganisierten Festbetriebs. Im Verborgenen jedoch nimmt er am Fest teil und lädt ein, zurück zur Wahrheit zu kommen. Lädt ein, Gott zu begegnen. So wollen auch wir feiern in der Hoffnung und im Vetrauen darauf, dass Jesus bei uns ist „nicht öffentlich – sondern im Verborgenen.“ Unser Schlusslied bringt das so schön einfach rüber: Welt ging verloren – Christ ist geboren. Feue dich, o Christenheit.

Die Freiheit des christlichen Glaubens lohnt es sich wieder zu entdecken als Quelle des Mutes und der Kraft gegen die vielen Zwänge, denen unsere Welt ausgesetzt ist.

Zeit, noch eine Frage zu stellen: Es wäre eine nächste Erweiterung der eingangs gestellten Frage: Kommst du nach Hause – kommst du zu Gott und – kommst du in deine Kirche?

Und die Antwort? Die müssen sie nicht mir geben. Das wäre vermessen, wollte ich fordern, mir gegenüber zu erklären, wie sie es mit ihrer Kirche halten. Es könnte ja sein, dass jemand ganz anderes ihnen diese Frage stellt: Kommst du in meine Kirche, in meine Gemeinde. Hast du Zeit, mein Wort zu hören?

Für einige von ihnen mag der Besuch heute ein schönes Ritual sein. Das macht man halt so an Weihnachten. Darüber zu klagen wäre unrecht. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Geschenk, dass wir heute hier einander machen: Wir schenken uns Gemeinschaft. Beten, hören und singen gemeinsam. Gemeinsam stehen wir vor Christus. Gemeinsam hören wir seine Einladung: Komm nach Hause, komm Seele, in das Haus des Herrn. Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Land erst dann innerlich an Kraft, Hoffnung und Zukunft gewinnt, wenn wir uns erneuern lassen in Christus, wenn wir ihn wieder entdecken als Sakramentum, als Gabe Gottes an uns. Dass wir leben können.

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