Kol 1, 12-20 (Erprobung Reihe V) Von einem, der den Tod nicht gesucht, am Ende aber auch nicht gesc

Die Szene sollte eigentlich zum Schmunzeln anregen: der sechsjährige, bisher nur in seinem Dorf in Anatolien aufgewachsene Junge ist mit seinen Eltern als ersten Gastarbeitern gerade in Deutschland angekommen. Alles ist ihm fremd, sieht anders aus, die Menschen verhalten sich anders, als er es gewohnt ist. Um ihn für die neue Heimat zu begeistern, bekommt er ein eigenes Zimmer versprochen und als er es zum ersten betritt, kommt er sofort schreiend wieder herausgerannt. Mitten an der Wand hängt ein Kreuz, das den sterbenden Jesus zeigt.
Das ist zu viel für die verunsicherte Kinderseele , wo doch schon so viel auf den Jungen einstürmt. Einen Mann am Kreuz hat er in seiner Welt noch nie gesehen.
Das ist aber auch zu viel für alle, die sich nach Ästhetik, Wohlklängen, Ausgleich und innerem Frieden sehnen.
Das Kreuz stört, es erschreckt, es ist in seinem Ursprung nicht schön anzusehen, es ist erst schön gemacht worden, seit es als Schmuckstück und damit der Zier dient.
Aber es ist eigentlich Symbol der Folter, der Qual, des gewaltsamen Todes, es erzählt von Verurteilung und Hinrichtung und fragt nicht nach Verbrechen und seinen Ursachen, nach einer Perspektive für Opfer und Täter und kennt keinen Gedanken von Versöhnung, nur von Rache, Vergeltung, bestenfalls Abschreckung.
Manchen Darstellungen kann man das noch abspüren und in manchen Erzählungen erkennt man, was Menschen einander antun können und in welche Abgründe Menschen schauen oder gestoßen werden.
Es wäre nicht redlich, nicht ehrlich, nicht aufrichtig, darüber schnell hinwegzugehen, nur weil es so schwer auszuhalten ist.
Wenn der Karfreitag eine alle Menschen verbindende bleibende Bedeutung hat, wenn es einen überzeugenden Grund gibt, am Karfreitag nicht Zirkus zu veranstalten oder zu Dancepartys in geschlossene oder heimlich doch geöffnete Clubs einzuladen, dann liegt er darin, den Gedanken und dann auch das Gedenken an die Vielgestalt und Vielschichtigkeit von menschlichem Leid an einem Tag im Jahr zuzulassen, sich dem zu stellen, es einmal in aller Stille auszuhalten ohne sofort zu fliehen, die Auseinandersetzung zu meiden oder es in Talkshows zu zerreden.
Wer sein Leben begreifen will, wer mit offenen Augen und Ohren durch den Alltag geht, wer es noch wagt, deshalb nach Gott zu fragen, der kann dem nicht ausweichen, dass Leid, Gewalt, Hass und Tod überall zum Leben dazugehören wie Liebe, Freundschaft, Glück, Erfolg oder Entspannung.
Wer die Augen dauerhaft verschließt, wird unheilbar erschüttert, bleibt ratlos, hilflos und völlig verzweifelt auf der Strecke.
„Warum? – Warum ich? – Warum so grausam, so endgültig?“
Ich kann diese Fragen nicht verbieten, ich kann sie auch nicht vorschnell umlenken in ein „Wozu?“ oder „was sagt mir das?“ Nichts schützt mich davor, real Leid wahrzunehmen und auszuhalten. Es gibt keine leid- und keimfreie Welt.
Wer Karfreitag feiert, begreift: da ist einer wie alle, der wollte nicht sterben, musste es aber, weil andere es so bestimmt, geplant und dann realisiert haben, weil Leben am Ende Sterben heißt.
„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ hat er gebetet; „ich will leben, mit Freunden, mit Menschen, die ich liebe, ich will lachen, ich will die Sonne aufgehen sehen und mich am Spiel und Lied der Vögel freuen. Ich will es wieder und wieder sehen, wie sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter abwechseln, ich will mich am Abend müde hinlegen und am Morgen neue Kräfte spüren. Ich will leben.“ So schlägt unser Herz. Mit aller Kraft und aller Sehnsucht kämpft, zweifelt, ringt Jesus am Abend vor seinem Tod.
Ja ich kenne auch Menschen, denen ist am Ende die Kraft ausgegangen, und sie wünschen sich nichts mehr, als Sterben zu dürfen, aber lang genug haben auch sie immer noch gehofft und gebetet und gekämpft um die kostbaren Augenblicke ihres Lebens, um Tage und Stunden.
Dürfen wir Menschen da vorschnell dem Wunsch nach dem Tod nachgeben, weil die Angst sich so schnell breit macht, anderen zur Last zu fallen, auf Hilfe anderer angewiesen zu sein oder nicht die Linderung der Schmerzen zu erhalten, die möglich und angemessen ist?
Dürfen wir das Ende vorwegnehmen ehe das Ende kommt?
Ich glaube, dass Sterbebegleitung die wahre Form der Sterbehilfe ist, nicht um auszuhalten, was nicht auszuhalten ist, sondern um des Lebens willen und des Herrn des Lebens willen. Und da haben wir noch lange nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, dass Menschen ihre Zeit als Lebenszeit und nicht nur als Sterbezeit erleben und durchleiden.
„Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille“ klingt es nach langem Ringen aus dem Munde Jesu. Da hat sich das Vertrauen durchgesetzt, dass nichts größer, stärker und tröstender sein kann als Gottes Hand und Gottes Herz, und dass niemand tiefer fallen kann als in diese. Um solche Gewissheit, solchen Trost und solche Gelassenheit möchte ich kämpfen, ringen, bitten und sie mit anderen zusammen erleben.
Den Karfreitag als einen stillen Tag auszuhalten, ist ein erster Schritt auf diesem Weg. Da bleibe ich bei diesem Jesus am Kreuz, aber nicht nur, um den Schrecken, das Leid, die Qual und den Tod wahrzunehmen, sondern auch um nach den Kämpfen selbst mit Gott das Leuchten der Hoffnung, den Trost der Gelassenheit und die Gewissheit eines Glaubens und einer Verbundenheit zu spüren, mit denen er stirbt.
„Lass mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl“
Da hat einer gewagt zu bleiben und hinzuschauen, nicht nur vordergründig und flüchtig. Er hat dem Einen am Kreuz in die Augen und in das Herz geschaut. Er hat den entdeckt, mit dem er hier nicht gerechnet hat, nach dem wir so verzweifelt schreien, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn unvorstellbares uns zugestoßen ist, wenn wir die Welt nicht mehr verstehen, wenn wir den Schmerz nicht mehr aushalten.
Er hat Gott gesehen, der größer und wunderbarer und mächtiger ist als jeder und jede es sich je vorstellen kann.
Gott ist wirklich der ganz Andere.
Ganz anders, als wir ihn uns manchmal wünschen und als wir ihn gerne hätten. Er sprengt alle unsere Bilder, alle unsere Erwartungen und irgendwie auch unsere Erfahrungen.
Gott, wir denken ihn vor allem so, wie der Kolosserbrief ihn uns ins Ohr gezeichnet hat: der unsichtbare Gott, Schöpfer aller Dinge, Herr aller Herren, Anfang und Ende, mächtig und gewaltig.
Und dann müsste ihm doch eigentlich alles nicht nur möglich, sondern auch wichtig sein, mein Glück und mein Wohlbefinden, mein Leben….
Aber unter dem Kreuz entdecke ich: dort zeigt Gott sein anderes, sein eigentliches, wahres Gesicht und Wesen, nämlich voller Leiden, Schmerzen und damit auch vom Tod gezeichnet. Darauf lässt er sich festnageln und festlegen in Gestalt dieses Jesus von Nazareth, von Anbeginn der Welt an und für alle Zeit und Ewigkeit: ein Gott, der mitgeht und mitleidet und so zum Trost und Schild werden kann.
Ich wünsche mir, dass ich einmal, hoffentlich nicht erst am Ende, meinen Frieden machen kann mit dem Weg, den Gott mit mir geht und bei mir bleibt. Ich wünsche mir, dass ich nicht alle Kraft und alles Vertrauen in diesen Kämpfen im Leben verliere, sondern irgendwann wieder frei werde, frei bleibe, Gottes Hand zu ergreifen und ins Dunkle hineinzugehen. Ich möchte darin Halt finden, dass Gottes Wille nicht mein Leid und mein Tod, meine Verzweiflung und mein Untergang sind, sondern am Ende und zu guter letzt Leben und Freude in Fülle.
Ich wünsche mir, dass wir dieser Welt entgegenhalten, -singen und -glauben können, dass alle vermeintlich Mächtigen und Starken, alle Gewalttätigen und Herren des Todes, alle Kräfte der Verzweiflung und Lebensfeindschaft am Ende nackt und ohnmächtig dastehen. Sie werden ALLE – die Opfer und die Täter, die Herren und die von ihnen Abhängigen, die Lebenden und die Toten – aus ihren Händen und Klauen freigeben müssen! Denn da steht „der am Kreuz“ ganz offensichtlich und öffentlich da als der Anfang, als der Erstgeborene von den Toten, als der Lebendige, als der letzte Ausdruck des wahren Gotteswillen. Er steht auf Erden und im Himmel als Friede da für das Leben und für die Welt, Er versöhnt.
Um des Lebens willen, um der Hoffnung willen, um Gottes Willen brauchen wir das Kreuz vor Augen und im Herzen. Und der Friede des Gekreuzigten und von Gott zum Herrn des Lebens befreite und erhöhte erfülle uns alle.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen