Kleiner Prophet

Liebe Gemeinde,

wissen Sie, was „kleine Propheten“ sind? Ich hab Ihnen hier mal so einen mitgebracht. Ein ganz normaler Teelöffel kann zu einem kleinen Propheten werden. Er ist es nicht automatisch. In der Schublade oder im Senfglas ist es einfach ein Teelöffel, geschaffen für den Zweck, kleine Mengen zu erfassen und vom einen Ort zum anderen zu bringen. Auf einem schön gedeckten Tisch aber wird er Teelöffel zum Propheten: Rechts das Messer, links die Gabel und oben, über dem Teller, vielleicht sogar ein kleines bisschen darunter gerutscht, liegt der kleine Prophet, der leise verkündet: Es gibt noch etwas danach! Da kommt noch was Leckeres!

Ich hab den Begriff zum ersten Mal gehört, als meine Erzieherinnen bei mir zu Gast waren. Es sollte ja auch nur ein kleiner Imbiss nach getaner Arbeit sein, kein feudales Mahl, sondern nur ein Zeichen meiner Anerkennung und meiner Zuneigung für die fünf Frauen, die unseren Kindergarten passen. Da hob eine von ihnen den Teelöffel in die Luft und sagte mit glänzenden Augen: Oh, ein kleiner Prophet! Es gibt Nachtisch!

Dumme Leute könnten nun meinen: Dann brauch ich ja nicht zu kochen, dann legen wir da Teelöffel hin und kommen direkt zur Leckerei. Aber eigentlich weiß jeder: Nein, das wäre nicht dasselbe. Der Nachtisch kommt „nach Tisch“ – erst gibt’s was Richtiges, dann die Leckerei, als Belohnung, als kleines Extra. Die Mahlzeit ist für den Leib, der Nachtisch ist für die Seele. Dieser kleine Prophet ist auf seine Weise ein kleiner Prediger: Er kündigt etwas an, er gibt ein Versprechen. Was es ist, wird nicht verraten, aber es wird süß sein und lecker. Und es kommt. Ganz bestimmt. Und klug ist, wer warten und sich schon mal freuen kann.

Was hat nun wohl das Christkind mit einem Teelöffel gemeinsam? Auf dem ersten Blick nichts. Aber wenn man genauer hinsieht eine ganze Menge.

Das Weihnachtsgeschehen ist etwas besonderes, es ist für die Seele, wir lieben es alle. Es ist doch gar zu schön, das Kind in der Krippe, Ochs und Esel, Maria und Josef. Engel erscheinen und erzählen es den Hirten. Tausendfach wurde diese Geschichte erzählt, jedes Jahr wieder spielen wir sie nach. Es ist ein vertrautes Bild, das wir lieben und auf das wir nicht verzichten möchten. Das Bild ist ein Versprechen, eine Verheißung, eine Leckerei für die Seele.

Die Hauptmahlzeit aber ist das Leben Jesu, seine Wunder und seine Geschichten vom Reich Gottes. Das ist es, was uns satt macht: Gott ist nah und er hilft und er heilt. Zur Hauptmahlzeit gehört auch das, was wir vielleicht lieber aussparen möchten: Seine Forderung nach einer gerechteren Welt und sein Anspruch an uns, wie wir miteinander umgehen sollten. Als hartes Brot empfinden viele die Geschichte seines Leidens und seines Sterbens. Es ist aber Brot, das uns gesund macht und uns Trost gibt.

Das Weihnachtsgeschehen ist ein kleiner Prophet: Eines Tages, sagt es, wird es so sein: Die Grenzen zwischen Arm und Reich werden überwunden, die Hirten erfahren es zuerst. Wir werden Engel sehen, sie werden zu uns sprechen und die ganze himmlische Herrlichkeit wird sie umleuchten. Wir werden Schwierigkeiten überwinden, so wie das Heilige Paar sie überwunden hat. Und Glaube wird so leicht sein wie die Freude über ein neugeborenes Kind.

Das Weihnachtsgeschehen ist ein kleiner Prophet: Eines Tages wird das Wirklichkeit sein für uns alle. Da werden sich Menschen im Glauben begegnen und einfach nur glücklich sein. Da werden Oberflächlichkeiten keine Rolle mehr spielen, da zählt nicht, was du hast oder bist, Verständigung zwischen Menschen und Tieren wird kinderleicht sein. Das Weihnachtsgeschehen ist süß und lecker – es ist für der Nachtisch für die Seele. Das Herz geht einem über und alles ist gut.

Das haben ein Teelöffel und das Weihnachtsgeschehen gemeinsam: Sie weisen auf etwas hin, das Nahrung für die Seele ist. Sie geben eine Vorahnung und eine Vorfreude auf das, was kommt. Sie machen es uns leicht, sie versüßen uns das Leben. Aber wie beim Teelöffel so ist es auch beim Christkind: Natürlich kann man sich den Nachtisch nehmen und auffuttern. Natürlich kann man professioneller Weihnachtschrist sein und die Hauptmahlzeit ignorieren. Man nimmt sich aber selbst etwas: Die Freude bleibt auf der Strecke. Das wirkliche Leben auch. Es wird an Nähr- und Ballaststoffen für die Seele fehlen und der an sich leckere Nachtisch wird zu einer bloßen Süßigkeit, die den Zähnen schadet.

Das Kind in der Krippe ist ein kleiner Prophet. Es ist das Extra, die Leckerei nach hartem Lebensbrot. Es ist die Verheißung und die Vorfreude. Es ist Nahrung für die Seele und macht die Augen glänzend. Und es ist wie der Teelöffel auf dem gedeckten Tisch ein festes Versprechen: Da kommt noch was, freut euch schon mal! Gott hält etwas Wunderbares für euch bereit. Gott kommt in euer Leben. Ihr werdet sehr, sehr froh sein.

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