Kinder, habt ihr nichts zu essen? – Ich habe Speise für jeden Tag!

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Bildschirm-Zuschauer:innen (der Gottesdienst wird auf unserem YouTube-Kanal übertragen), drei Fragen habe ich an Euch, bevor ich den Predigttext verlese:
1. Würdet ihr einen Menschen, mit dem Ihr die letzten Jahre einiges unternommen habt und eng verbunden gewesen seid, würdet Ihr eben diesen Menschen auf eine Entfernung von knapp 100 Metern wieder erkennen?
2. Könnt Ihr euch Papst Franziskus als Nachfolger im Petrusamt vorstellen, der splitterfasernackt in einem kleinen Fischerboot sitzt und mit seinen wichtigsten sechs Kardinälen fischen geht?
3. Könnt Ihr euch ein Fischernetz vorstellen, in dem 153 große Fische, also keine 153 Fischstäbchen, sondern 153 große Fische an Land gezogen werden?

Ich stelle diese Fragen mit offenbar wichtigen Einzelheiten deshalb voran, weil sie dem Menschen von großer Bedeutung gewesen sind, der diese nachösterliche Begebenheit im Johannes-Evangelium festgehalten hat. (Während das Matthäus- und das Markus-Evangelium gerade einmal mit 20 Versen die Zeit der Auferstehung Jesu schildern.) Uns wird heute morgen eine frühmorgendliche Erfahrung geschildert, die sieben Jünger vor höchstwahrscheinlich 1991 Jahren erlebt haben. Denn dieses vierte Evangelium spricht klar und deutlich von der unsichtbaren Wahrheit und der gleichzeitig mit eigenen erstaunten Augen erblickten Wirklichkeit wie schon gleich zu Anfang: „Und wir sahen seine HERRlichkeit … voller Gnade und Wahrheit.“
Im letzten Kapitel hören wir den heutigen Predigttext und achten bitte auf die wichtigen Einzelheiten:

Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts.
Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen.
Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht.
Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch. Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war. Amen – Segne, Christus, in uns diese Worte. Amen!

Da steht einer am Ufer des Sees von Tiberias. Jerusalem, der Ort der immer noch unfassbaren Auferstehung ist fast 200 Kilometer entfernt. Kein Jünger hat damit gerechnet, dass da Jesus steht.
Da steht einer am West-Ufer, knapp 100 Meter entfernt, Morgensonne scheint ihm ins Gesicht. Und wie eine fürsorgliche Mutter redet er die Sieben an: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

Wer ist das, der nach einer anstrengenden Nachtschicht die Sieben vom Ufer aus anspricht? Nein, sie haben nichts. Kein Fisch, kein Brot. Aber der Unbekannte schickt sie noch einmal auf den See. Dort, an einer anderen Stelle, und rechts sollen sie die Netze noch einmal auswerfen. „Rechts“ bringt bei den Juden Glück. Das Wort für „Rechts“ bedeutet gleichzeitig „Glück“.
Und sie haben Anglerglück: „Da warfen sie das Netz aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.“

Das ist doch unglaublich. Der Unbekannte zeigt ihnen mit ein paar Worten die besten Fischgründe. Aber das kennen wir auch von anderen Berichten aus den Evangelien. Trotzdem drängelt die Frage: Wer ist dieser Unbekannte?
Frage 1. Würdet ihr einen Menschen, mit dem ihr die letzten Jahre einiges unternommen habt und eng verbunden gewesen seid, würdet Ihr eben diesen Menschen auf eine Entfernung von knapp 100 Metern wieder erkennen?
Und dann kommt die alle anderen im Fischerboot überraschende Erkenntnis. Es ist eine Erkenntnis, die nur ein Liebender über 100 Meter als die vertraute und bekannte Stimme hört, die alles in der Schöpfung im Griff zu haben scheint. Nur ein Liebender kommt auf die Idee: Das ist ER, das ist der HERR, Jesus, der Lebendige! „Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der HERR!“

Aber statt dass sich nun alle freuen: „Mensch, Jesus, Du hier? Welch große österliche Freude!“ kommen wir zur 2. Eingangsfrage: Könnt ihr euch Papst Franziskus als Nachfolger im Petrus-Amt vorstellen, der splitterfasernackt in einem kleinen Fischerboot sitzt und mit seinen wichtigsten sechs Kardinälen fischen geht?

Warum, um alles in der Welt, warum, liebes Evangelium, ist das hier so wichtig? Was wir gern überlesen: Petrus will wieder mal der Erste sein und will wieder mal wie bei der Fußwaschung, als er das Waschen seiner Füße durch Jesus nicht zulässt, oder bei der Gefangennahme Jesu, als der bewaffnete Petrus mit seinem Schwert einem Mann dessen Ohr abhaut, übrigens das rechte, Petrus will sozusagen mit dem Kopf durch die Wand. Diesen Übereifer des Petrus, der gleichzeitig Jesus zu kennen dreimal verleugnet, akzeptiert Jesus. Denn wenige Verse später, am Ende dieses letzten Kapitels setzt Jesus mit dreimaliger, auserwählter Beauftragung Petrus als den Hirten seiner Schafe ein. – Welch auserwählte Bestimmung Jesus im Lieblingsjünger sieht, was Jesus für diesen will, geht Petrus und seine Amtsnachfolger nichts mehr an!

Der Bericht geht spannend und unglaublich weiter. Das Fischernetz ist drall gefüllt. 153 große Fische, Arbeit, die sich gelohnt hat. Damit komme ich zur dritten Eingangsfrage (ich hole einen echten FISCH hervor und zeige den!): Könnt ihr euch ein Fischernetz vorstellen, in dem 153 große Fische, also keine 153 Fischstäbchen, sondern 153 große Fische an Land gezogen werden?

Auch bei dieser Zahl sollten wir die jüdische Tradition befragen. Die großen Fische, also die Langschreibung unserer drei arabischen Zahlen 1 und 5 und 3 ergibt in hebräischer Langschreibung (* Anmerkung, siehe unten) den Zahlenwert dreihundertfünfundsechzig: 365 Tage hat ein normales Jahr. Und wenn es um das „tägliche Brot“ geht, dann bedeutet der Fischfang: Für jeden Tag etwas zu essen. Wo Jesus ist, kann es keinen mehr geben, der auf die Frage: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ antworten muss: NEIN!

Der Bericht geht spannend und unglaublich weiter. Am Ufer brennt ein Feuer. Pfadfinder-Atmosphäre. Erstaunlich: Jesus erwartet die Sieben. Er hat hat ihnen sozusagen Frühstück vorbereitet. Er hat Brot. Auch er hat Fisch. Die Jünger sollen von den frisch gefangenen Fischen bringen. Ist das wirklich Jesus? Sie trauen sich nicht, ihn zu fragen. Aber das gemeinsame Frühstück, ein gemeinschaftliches Essen ist Jesu erstes Anliegen: „Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt’s ihnen, desgleichen auch den Fisch.“

Und nun stelle ich eine letzte und vierte Frage: Was bedeutet dieser detailgenaue Bericht für uns, 1991 Jahre danach? Ich glaube, Jesus steht wieder am Ufer. 100 Meter entfernt und kaum zu erkennen. Er steht genauso da, wie damals und niemand erkennt ihn. Er steht da, wo die Jünger zuhause sind, damals am See und heute in unserem Alltag. Wo sie damals versuchen, wieder ein normales und vertrautes Leben als Fischer zu leben und ihre Familien zu versorgen, da steht der Auferstandene am Ufer und ist einfach da. 
Petrus hat seine Familie in Kapernaum nahe Tiberias zu ernähren. Kreuzigung und Auferstehung sind weit weg. Aber Jesus steht da, genau dort, wo die Jüngerschaft ihn nicht erkennt und sie nicht wissen, wie es ohne ihn weitergeht und wo ihnen in der Nacht der Fischer nichts gelingt. Sie erkennen ihn nicht. Doch Jesus steht da. Jesus ist bereit für das nächste Wunder.

Liebe Gemeinde, lasst uns nach Jesus Ausschau halten. Er ist bei uns alle Tage! Vielleicht sagt uns wieder einer, der ihm am Herzen liegt: Es ist der HERR! Denn Jesus geht auch 1991 Jahre später durch diese Welt.

Wir werden IHN sehen! Er ist da. Im Haus der einsamen oder der älteren Frau, die keinen Besuch bekommen kann. Und Jesus sitzt neben der Kasse im Supermarkt, an der eine junge Mutter alles für den Lebensunterhalt für ihre Familie tut. Und Jesus steht da, wenn jemand trotz aller Schutzmaßnahmen Angst hat, sich an anderen Menschen anzustecken. Jesus steht neben dem einfühlsamen Krankenpfleger auf der Intensivstation. Er steht am Bett eines Menschen, der beatmet werden muss. Und er steht hinter einem Menschen, der überzeugt ist, dass sein in Jahrtausenden erstaunlich entwickeltes und hochkomplexes Immunsystem auch mit diesem SARS-CoV-2-Virus fertig werden wird, und er sich nicht impfen lassen muss.

Jesus geht jeden Tag durch diese Welt. Er steht am anderen Ufer und wischt Tränen ab. Er umarmt Menschen, die seit einem Jahr keine Umarmung mehr erfahren haben. Und jeden Tag aufs Neue schenkt er mit Blick auf die rechte Seite Glück und Segen. Lasst uns genau hinschauen wie der Jünger, den Jesus lieb hatte. Wir werden Jesus sehen, wie er da am Ufer unserer Unsicherheit, am anderen Ufer steht und uns anspricht: „Kinder, seid ihr in Not? Hört auf meine Stimme. Ich bin da! Ich habe Speise für jeden Tag!“
Amen.

* Anmerkung:
3 (arabische Zahl) (hebräisch: GIMEL) = 3(Gi) + 40(Me) + 30(L) = 73
50 (arabische Zahl) (hebräisch: NUN) = 50(N)+6(U)+50(N) = 106
100 (arabische Zahl) (hebräisch: KOPH) = 100(K)+6(O)+80(PH) = 186
153 große Fische = 365 Speise für jeden Tag

* Ich weiß, dass es eine ganze Reihe von weiteren Deutungen der Zahl 153 gibt:
– 153 damals bekannte Fischarten …
– Zähle die Zahlen von 1 bis 17 zusammen … = 153
– usw…

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