Kerzenpyramide

Liebe Gemeinde,

es war wieder einmal Weihnachten geworden. Die Familie hatte den Weihnachtsbaum mit bunten Kugeln, Strohsternen und Kerzen festlich geschmückt. Zum Schluß hatte der Vater die Pyramide auf- und die Sterndeuter, in der Volkstradition die drei heiligen Könige, hineingestellt. Er zündete die Kerzen an, um zu prüfen, ob sich die Pyramide auch drehe.

Als er sich umwandte und sich im anderen Teil des Zimmer zu schaffen machte, seufzte der älteste der Sterndeuter: „Jedes Jahr das gleiche“, stöhnte er. „Da rennen wir im Kreis, ohne voran zukommen wie die Hamster im Rad. Als wenn es nicht im Jahr schon genug Alltag, Alltägliches und immer gleiches gäbe.“ Der zweite Sterndeuter fiel ihm ins Wort: „Du hast ja so recht! Da gehe ich Tag für Tag meiner Arbeit nach. Gewiß, ich werde gut bezahlt, meiner Familie und mir geht es gut. Aber ich frage mich oft, wozu ich mich eigentlich so abrackere. Ich bin engagiert, pünktlich, meine Kolleginnen und Kollegen schätzen meine Zuverlässigkeit. Dennoch quält mich die Frage, worin der Sinn in meinem Leben liegt.“ Der jüngste Sterndeuter hatte aufmerksam zugehört. Er war ein junger, aufstrebender, vielversprechender Wissenschaftler. Er war dabei, immer mehr Geheimnisse des Sternenhimmels und des Weltalls zu entschlüsseln. Er nickte. „Solche Gedanken habe ich auch oft“, sagte er leise, „aber ich habe mich noch nie getraut, sie auszusprechen. Ich habe gedacht, ich sei der einzige mit solchen Fragen und Zweifeln. Ich hatte auch immer Angst, als undankbar zu gelten. Ich hab es ja auch gut. Ich bin international anerkannt, ich bin viel auf Kongressen unterwegs, ich lerne interessante Leute kennen. Und dennoch – was ist es, was die Welt zusammenhält?“

Der Vater trat aus dem Dunkel des Zimmer zur Pyramide und stellte die Hirten auf die nächste Etage. Zufrieden nickte er, als er sah, dass die Pyramide gleichmäßig und zuverlässig ihre Kreise drehte. Kaum hatte er sich umgedreht, da holte ein Hirte tief Luft:„Es ist nicht zum Aushalten in diesem Leben“, polterte er. „Die Leute behandeln mich wie den letzten Dreck. Außenseiter im wahrsten Sinne des Wortes. Als ob es nicht genug wäre, dass wir unseren Lohn hier draußen auf den Weiden verdienen müssen, Wind und Wetter ausgesetzt, immer auf der Hut vor den wilden Tieren; aber wenn wir ins Dorf kommen, will niemand mit uns reden, geschweige denn, einen Wein mit uns trinken.“ Ein anderer nickte. „Und der Lohn reicht auch weder vorn noch hinten. Wozu das ganze?“

Der Vater trat an die Pyramide, nickte noch einmal zufrieden, blies die Lichter aus und verließ das Zimmer. Stille breitete sich aus. Die Sterndeuter und die Hirten hingen ihren Gedanken nach. Einer der Hirten murrte: „Und nun müssen wir auch noch im Dunkeln rumstehen.“
Auf einmal war da ein leiser Ton und eine Stimme sagte: „Habt ihr vergessen, was der Engel euch damals gesagt hat? Habt ihr vergessen, wie ihr dem Stern gefolgt seid und wohin euch der Stern geleitet hat? Wart ihr es nicht, die voller Begeisterung, Tatendrang und Überzeugung nach Bethlehem gegangen sind?“

Die Sterndeuter und die Hirten schauten einander an. Wie war das damals gewesen? Es war in dieser besonderen Nacht. Als der Engel zu ihnen gekommen war. Als sie begriffen, dass sie die ersten waren, die von der Geburt des Heilandes hören sollten. Sie, die Hirten, die so wenig Beachtung und gar keine Hochachtung fanden. Der Engel war zu ihnen gekommen, umstrahlt von einem Licht, wie sie es noch nie gesehen hatten. Und obwohl sie Angst hatten, – wer hätte keine Angst, wenn es mitten in der Nacht hell würde? Wer würde nicht erzittern, wem ein Wesen erscheinen würde, dem abzuspüren war, dass es nicht von dieser, sondern aus der göttlichen Welt stammte? – obwohl sie Angst hatten, konnten sie dem lichtumstrahlten, göttlichen Wesen glauben, dass zu ihnen sagte: „Fürchtet euch nicht.“ Ja, in diesem Moment hatten sie sich nicht gefürchtet. Sie hatten sich vielmehr hineingenommen gefühlt in die Liebe Gottes. Sie wuchsen in der Hochachtung, die ihnen entgegengebracht wurde: auch sie sollten Gottes Boten sein, irdische Kollegen der himmlischen Heerscharen.

Dieses Gefühl hatte ihnen innere Sicherheit und Stärke gegeben. Sie waren losgelaufen, mitten in der Nacht und hatten das Kind gefunden. Und dann hatten sie allen von dem Kind in der Krippe erzählt.

Sie hatten keine Angst gehabt vor den Dorfbewohnern, dass die sie auslachen könnten. Sie hatten es nicht einmal in Betracht gezogen, dass ihnen nicht geglaubt werden könnte. In dieser Nacht hatten sie anders auf ihr Leben schauen können. Sie hatten es nicht als trüb und ehrlos empfunden. Zwar als hart, aber voller Verantwortung für ihre Tiere und mit dem Blick für die vielen schönen Momente, die sie immer wieder erlebten.

Dem jüngsten Sterndeuter waren die Tränen in die Augen getreten. O ja, er erinnerte sich genau an diese Zeit des Aufbruchs. Das war der Anfang seiner Karriere gewesen. Als er verstanden hatte, dass der Gott, den das Volk Israel als den Schöpfer der Welt verehrte, seine Schöpfung nicht abgeschlossen hatte. Sondern dass diese Schöpfung lebendig war, sich im Werden und Vergehen permanent weiterentwickelte. Und dass es seine Aufgabe als Wissenschaftler war, dabei zu helfen, den Menschen Gott zu zeigen. Wie hatte er in seinem Forschen täglich darüber gestaunt, wie wunderbar alles gebaut war und wie sich alles zu einem Grossen ganzen fügte.

Der alte Sterndeuter straffte die Schultern. Das waren Zeiten gewesen! Wie sie unterwegs gewesen waren, den langen Weg aus der chaldäischen Wüste bis nach Judäa. Und dann war alles ganz anders als erwartet. Nicht der Königspalast hatte sich als ihr Ziel erwiesen, nicht die Hauptstadt Jerusalem. In Bethlehem, einem bedeutungslosen Kaff, hatten sie den kleinen König in einer Futterkrippe gefunden. Aber er war nicht enttäuscht gewesen, sondern hatte erkannt, dass – wie so oft – im Kleinen, Unbedeutenden Grosses, Überwältigendes schlummern konnte. Er hatte in dem Kind Gott selbst erkannt. Was hatte schon seine Großmutter immer gesagt? „Gottes Welt ist voller Wunder. Wir müssen sie nur sehen.“

In den Hirten klangen die Worte des Engels jetzt wieder, als würde er genau in diesem Moment zu ihnen sprechen: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“

Da rief der alte Hirte ganz aufgeregt: „Der Engel hat „heute“ gesagt. Euch ist heute der Heiland geboren! Das hat er gemeint: dass diese wunderbare Botschaft nicht nur damals galt, sondern jeden Tag. Uns genauso wie allen anderen Menschen.“

Als der Vater wieder ins Zimmer trat und die Pyramidenkerzen für die Bescherung anzündete, da liefen Hirten und Sterndeuter mit leichten und frohen Herzen. Denn sie wussten: „Wir können durch dieses Leben gehen, so weit und so lang wir wollen. Wir können uns letztendlich nicht verlaufen, wir können nicht verloren gehen. Denn wir wissen unseren inneren Mittelpunkt bei Gott. An jedem „Heute“ unseres Lebens.“

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