Kennen Sie Gott?

Liebe Gemeinde am Heilig Abend in unserer Kirche!

Kennen Sie Gott? Vor ein paar Wochen war ich bei einem Konzert der Band „Strafsache Dr. Schlüter“ in Schwerin. Man siehts mir zwar nicht an, aber gelegentlich gehe ich gerne mal in eine gutes Rockkonzert. Jedenfalls: bei jenem Konzert konnte man Gott kennenlernen. Er saß mit Rauschebart und in ein Nachthemd gewandet auf einer Himmelsschaukel. Gott zum Anfassen sozusagen. Natürlich nicht wirklich, und natürlich wären da theologisch paar Dinge gerade zu rücken, aber die haben sich schon Mühe gegeben, dem anwesenden Publikum die christliche Botschaft nahe zu bringen. Das ganze war durchaus klug aufgehängt. Einen Harken hatte die Sache allerdings auch: die wussten nämlich nicht, wie die Botschaft lautet. Darum wurde da sehr viel – ich sage mal – improvisiert.

Kennen Sie Gott? Vor 200 Jahren lebte Ludwig Feuerbach. Dieser Mann war Philosoph. Mein Lexikon, erschienen 1978 in Leipzig, preist diesen Herrn als glänzenden Kritiker der christlichen Religion. Das Geheimnis der Theologie ist die Projektion, hat er gesagt. Gott entsteht durch die Projektion des Menschen. Feuerbach hat Gott jedenfalls nicht oder nur schlecht gekannt. Kinos gabs auch noch nicht, sonst wäre er vielleicht zu anderen Einsichten gekommen. Natürlich ist unsere Rede von Gott Projektion. Was auch sonst! Der Gott bei Strafsache Dr. Schlüter allemal. Nur weiß ich gar nicht, was an dieser Behauptung Feuerbachs genau die Kritik ist. Ein Kino-Film beispielsweise ist nämlich auch Projektion. Aber durch einen Film über die Alpen werden diese Berge ja nicht unwirklich. Das Gegenteil ist der Fall: die echten Berge sind noch viel gewaltiger, majestätischer, gigantischer und beeindruckender als es irgendein Film / irgendeine Projektion wiedergeben kann.

Kennen Sie Gott? Sie können sich einen Moment lang fragen, ob Sie sich selbst kennen! Oder ihren Ehepartner! Oder ihre Kinder, Eltern, Nachbarn. Und wenn Sie die Frage jetzt mit eindeutigen Ja beantworten, dann werden Sie im Leben noch allerhand Überraschungen mit diesen Leuten erleben. Denn wir Menschen projizieren immer auf den anderen: unsere Wünsche und Vorstellungen, unsere Absichten, unsere Hoffnungen, unsere Zukunftspläne, unsere Träume und Phantasien, Erwartungen.

Jeder Mensch ist aber noch mehr, als wir in ihm sehen können. Jeder und jede ist einmalig in ihrem Denken und Wissen, in den Erfahrungen und Vorstellungen, Ängsten, Ideen. Die Bibel spricht davon, dass wir Menschen ein Ebenbild Gottes sind. Eine Projektion! Jede und jeder von uns hier trägt ein kleines Stück davon in seiner Seele. Sogar die, die gar nicht an Gott glauben.

Wenn wir nun Weihnachten feiern, dann stellen sich in diesem Zusammenhang natürlich einige Fragen: Was ist das eigentlich für ein Kind? Was hat das mit uns zu tun? Und warum treibt das in jedem Jahr wieder so viele Menschen in die Kirche hinein? Auch solche die gar nicht an Gott glauben?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Predigtvers für das diesjährige Fest. Es ist ein kleiner Ausschnitt aus einer Predigt, die der erwachsene Jesus im Jerusalemer Tempel gehalten hat:

[TEXT]

Das ist ein recht seltsamer Satz. Wenn wir hier die Krippe unterm Baum sehen, dann hat sie doch etwas Traumhaftes, lieblich und schön, Lichterglanz und Freude, Angerührtsein. Bei den meisten Menschen sind es schöne Gefühle, die sich bei dem Anblick im Inneren breit machen. Auch bei mir ist das so. Ich muss es mir dann immermal bewusst machen, dass dieser wunderbare Traum eigentlich ein Alptraum mit schlimmstmöglichem Ausgang war.

Und der erwachsene Jesus ist vielen Menschen viel ferner als das kleine Kind im Stall bei Ochs und Esel. Darum ist es ein seltsamer Sprung an diesem Nachmittag/Abend wag vom Kind zum erwachsenen Mann, der predigt: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. Jesus spricht hier über sich selbst. Er redet zu Menschen, die ihm folgen, die Zeit mit ihm verbringen. Und zu denen, die zufällig dabei stehen: Ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Ihr wisst eine Menge über mich, kennt meine Gewohnheiten, Vorlieben, Herkunft, Beruf, Familie. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt. Da ist aber noch mehr, als ihr erfassen könnt. Da ist etwas in mir, was außer mir ist. Dazu könnt ihr eure Projektionen anstellen, aber es ist nicht verfügbar, es ist viel gewaltiger, majestätischer, gigantischer und beeindruckender als es irgendeiner eurer Gedanken wiedergeben kann. Es ist Gott selbst. Ich aber kenne ihn; denn ich bin von ihm, und er hat mich gesandt. Und von genau diesem ist mein Leben und Reden getrieben. Ich bin gekommen, um euch diesen Gott nahe zu bringen.

Jesus Christus war und ist Gott zum Anfassen. Gott zum Kennenlernen. Erst einmal ein kleines Kind: schwach, schutz- und wärmebedürftig und klein. Gott beginnt klein unter uns und wächst langsam. Macht sich nahbar für andere, zeigt sich, lässt uns an sich heran. Und obwohl er noch klein und schwach ist, beschenkt er die Menschen bereits. Er gibt den Seelen Wärme und Nahrung. Das ging damals den Hirten so, den kleinen Gaunern und einfachen Leuten. So wie die Kinder es im Krippenspiel vorgespielt haben. Das geht vielen auch heute noch so. Und ich schätze, darum kommen so viele Heilig Abend in unsere Kirche. Auch solche, die gar nicht an Gott glauben. Weil da dieses kleine Stück in uns Menschen ist, das uns zu seinem Bild macht, das in diesem Fest sein Gegenüber sucht und findet. Weil es uns hoffentlich gelassener macht, den Erwartungen und Projektionen des heimischen Festes gegenüber. Weil es warm und hell wird in uns.

Ich freue mich in jedem Jahr wieder, wenn Sie Weihnachten alle kommen, um sich die Seelen füllen zu lassen. Es macht das Fest zu etwas Besonderem für Sie und ebenso für mich auch. Mit anderen Festen würde das übrigens auch funktionieren: Ostern, Pfingsten, Erntedank. Probieren Sie das mal aus, kommen Sie hierher in die Kirche, einfach so und feiern Sie mit. Auch wenn Sie Gott noch nicht kennen.

Und der Friede Gottes, der unsere Herzen wärmt und unsere Sehnsüchte stillt, bewahre das Samenkorn des Glaubens in uns und lasse unser Freude vollkommen werden.

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