Kenne ich ihn, wenn ich das Kind in der Krippe kenne?

„Jesus sagt: ihr kennt mich und wisst, woher ich bin. Aber nicht von mir selbst aus bin ich gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.“

Wir kennen zumindest diese Geschichte, die da geschehen ist. Wir kennen ihre Melodie, ihre Worte, die Bilder, die sie in uns wachruft: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot ausging. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land mit Maria, seinem vertrauten Weib, die war schwanger und sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“

Wir könnten Weihnachten gar nicht feiern ohne diese Worte, ohne diese Geschichte, wir hätten keinen Grund, keinen Anlass, keine Botschaft, wir stünden mit leeren Händen da, es bliebe ein leeres anonymes Fest. Wir aber kennen die Geschichte dieser Nacht, die Geschichte von der

Geburt dieses Kindes.

Jesus wird später an anderem Ort und aus anderem Anlass mit den Worten des heutigen Predigttextes sagen: ihr kennt mich und wisst woher ich bin. Ja, das ist uns vertraut: Maria und Josef unterwegs nach Bethlehem. Menschenmassen setzen sich in Bewegung auf Geheiß des mächtigen Kaisers in Rom. Menschen auf Wanderschaft, Menschen unterwegs auf staubigen Straßen ohne sicheres Quartier, ohne Rücksicht auf Lebenspläne und Lebensumstände, Menschen mit unsicherer Zukunft. Kinder, die in solch eine Wirklichkeit hineingeboren werden. Junge Mütter, junge Eltern, die lernen müssen mit ihrem ihnen anvertrauten Kind zu leben. Zukunft, die ungewiss ist und ängstlich erwartet wird.

Armut, Willkür, Flucht, Eltern und Kinder, Zukunftsängste – all die Themen, die heute in vielen Predigten wieder die Brücke schlagen werden zu unserer Wirklichkeit zweitausend Jahre später und unser weihnachtliches Bemühen mit Brot für die Welt und Adveniat, mit Kindernothilfe und Patenschaften etwas mehr Lebensfreundlichkeit in diese Welt zu bringen, die doch Gottes gute Welt sein will.

(Was traut er uns zu, wenn er so sicher daran festhält): ihr kennt mich. Ich frage mich oft: kenne ich ihn denn wirklich? Kenne ich ihn, wenn ich das Kind in der Krippe von Bethlehem kenne. Muss ich nicht zugleich mitsagen und mitdenken, was diesem Kind alles in die Wiege gelegt sein wird.

Schließlich ist die Reise nach Jerusalem zum Laubhüttenfest, an dem der lebenserfahrene Jesus teilnehmen will, eine heimliche Reise im Verborgenen, weil man ihn nach dem Leben trachtet, er Hass als Antwort auf sein Leben erfahren hat. Ich kenne Jesus, den Zimmermannssohn aus Nazareth, wie er zu Johannes kommt, um sich taufen zu lassen. Ich kenne Jesus, wie er den Menschen vom Reich Gottes erzählt, das klein unter uns beginnen will, und wie er das Reich Gottes in uns unter uns wahr werden lässt, in dem Menschen an Körper und Seele heil werden, in dem Schuld beim Namen genannt und Vergebung erfahren werden kann, in dem Menschen aus den festgefahrenen Bahnen ihres alten Lebens ausbrechen und ein neues Leben in Gottvertrauen wagen lernen. Ich kenne Jesus, wie er freundschaftlich mit seinen Jüngern und Jüngerinnen verkehrt und die Freundschaft auch nicht aufkündigt, wenn sie auf die harte Probe des Verrates gestellt wird. Ich kenne Jesus in den Tiefen und Abgründen der letzten Stunden seines Lebens.

Aber heute ist Weihnachten. Ich höre die vertrauten Worte des Weihnachtsevangeliums, singe die Lieder, die mich seit meiner Kindheit begleiten, als ich es nicht erwarten konnte, dass es Heilig Abend wird und ich mit aufgeregtem Herzen noch einmal das Gedicht auswendig aufsagte. Mit „Stille Ncht, heilige Nacht“,“Josef, lieber Josef mein“ oder „ich steh an deiner Krippen hier“, Liedern , die ich an keinem anderen Tag so singen kann wie heute abend, betrachte ich das Kind in der Krippe und möchte jetzt gar nicht an den Mann am Kreuz denken.

Dieses Kind steht für alle Hoffnung, alle Zuversicht, alle Wärme und Geborgenheit. Es ruft all die guten Empfindungen in mir wach, zu denen Menschen fähig sind: Fürsorge, Zuneigung, Liebe. Darum feiern wir doch gerade Weihnachten mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Kein anderes Fest in unserem Festkalender erreicht uns so in der Tiefe ,löst eine solche Massenbewegung aus wie Weihnachten, obwohl die Botschaft anderer Feste die Welt nicht weniger aus den Angeln heben kann.

Das Kind in der Krippe spricht mein Herz an, wo sonst immer der Verstand und die Vernunft siegen. Und die Botschaft der Engel bringt auf den Punkt, was Menschen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten durch ihre Sehnsucht vereint und so zu einem stummen zeitlosen Gebet wird: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden in und unter den Menschen dieser Erde, spürbar und erfahrbar Gottes wohltuende Nähe, sein Wohlgefallen.

Ich bin gerne Weihnachtschrist und ich stehe gerne wie sie heute abend an der Krippe. Und wenn ich dann mich noch einmal frage: kenne ich diesen Jesus, wenn ich das Kind in der Krippe betrachte, dann werde ich mir sicher: Ja, ich kenne ihn und ich weiß, woher er kommt.

Und dabei geht es dnn gar nicht so sehr um regionale und biographische Abstammung: Jesus, Zimmermannssohn aus Nazareth – diese Beschreibung würde nur äußerlich bleiben. Nein, die Geschichte dieses Kindes lässt tiefer blicken. Beim Evangelisten Johannes, der keine eigene Weihnachtsgeschichte erzählt, heißt es „das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns“. Dieses Kind in der Krippe ist Gottes Wort an uns gerichtet. Gott spricht zu uns von Hoffnung, Zukunft, Leben und Geborgenheit. Gott ist nicht länger stumm, er muss nicht länger vergeblich gesucht und flehentlich herbeigerufen werden. Gottes Güte ist da mit Händen zu greifen und mit Augen und Herzen zu bestaunen. Gottes Wort, Gott selbst, liefert sich uns ganz und gar aus so wie ein Kind ganz und gar der Zuwendung und Fürsorge der Eltern ausgeliefert und auf sie angewiesen ist.

Weihnachten hatte eine Vorgeschichte: Maria als junge Frau, Josef versprochen und mit ihm verlobt, begegnet dem Engel, der ihr die Geburt ihres Kindes ansagt. Sohn des Höchsten soll er genannt werden. Gott wollte in ihr Gestalt annehmen, Gott wollte durch sie Mensch werden und zur Welt kommen. Das ist das alte Geheimnis unseres Glaubens, der bekennt: geboren von der Jungfrau Maria – Gott kommt in diesem Kind zur Welt. „Wahr Mensch und wahrer Gott“ singen wir von diesem Kind, dem „Blümelein so kleine.“

„Es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt, den ihr nicht kennt“ sagt Jesus mit den geheimnisvollen Worten des Johannesevangeliums. Gott will sich uns bekannt machen, will sein Bild tief in uns einprägen. Wer dies Kind kennt, der kennt Gott und blickt tief in sein Herz. Er kommt als Kind und nicht als König, er wird im Stall und nicht im Palast geboren. Hirten und Mächtige und Prominente sind die ersten Zeugen.

Weihnachten ist das große Fest der Selbstbekanntmachung Gottes. Seht solch einen Gott haben wir: er wird ein Kindlein klein, er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein. Ja, wenn ich in diese Krippe hineinschaue, dann kenne ich ihn. Ein ganzes Menschenleben mit allen Möglichkeiten und allen Chancen, mit allen Gefährdungen und allen Begegnungen, schaut mich an. Ein Leben, wie mein Leben und dein Leben. Ein Gott, der mich kennt mit meinen Hoffnungen und Freuden, mit meinen Sorgen und Ängsten. Ein Gott, der mein Gott sein will in den Höhen und Tiefen des Lebens und

am Ende auch im Tod.

Jemanden richtig kennen zu lernen dauert seine Zeit und braucht Vertrauen. Jesus lädt uns dazu ein. Ihr kennt mich und wisst woher ich bin – er traut uns enge weihnachtliche Freundschaft und Verbundenheit mit ihm zu. Er lädt uns zu weihnachtlichem Glauben ein, einem Leben im Lichte dieses Kindes über den Heiligen Abend hinaus. Das kann und wird unser Leben und so unsere Welt verändern.

Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und möge Gott auch zu ihnen und in ihnen zur Welt kommen.

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