Keine Wolke über Betlehem

Liebe Gemeinde,

was wäre eigentlich gewesen, wenn es am Heiligen Abend in Betlehem bewölkt gewesen wäre? Und in Strömen geregnet hätte? Kein Stern wäre am Himmel wäre zu sehen gewesen, keine Engel hätten den Hirten erscheinen können, die Könige hätten sich verlaufen oder wären im Schlamm stecken geblieben…

Oder was wäre gewesen, wenn der Wirt in seinem Gasthaus stockbesoffen gewesen wäre und das verzweifelte Klopfen von Josef nicht gehört hätte? Maria und Josef wären irgendwo auf freiem Feld liegen geblieben, das Kind wäre da auf die Welt gekommen und die Könige wären vielleicht zum Stall gekommen, aber der wäre leer gewesen…

Wir wissen, lesen, hören es Jahr für Jahr – es war nicht so. Der Stern leuchtet helle und klar am Himmel, die Engel singen in den schönsten Tönen, die Hirten erschrecken erst und eilen dann zur Krippe, die Könige werden ebenfalls auf rechtem Weg nach Betlehem geführt und können ihre kostbaren Geschenke abgeben, die die junge Familie mit dem Gotteskind auf ihrer anschließenden Flucht nach Ägypten gut gebrauchen können…

Vor ein paar Wochen schoss mir plötzlich durch den Kopf, wie knapp das alles war, das hätte doch alles auch ganz anders ausgehen können. Der Himmel hätte wolkenverhangen sein können, bei der Geburt etwas schief gehen können, das Kind auf der hastigen Flucht nach Ägypten ums Leben kommen.

Nun, werden Sie vielleicht einwenden, hallo, das war doch Jesus, da wird doch Gott schon ein Auge drauf gehabt haben, dass da nichts schief geht. Gutes Argument. Doch dann müssen wir uns ernsthaft die Frage stellen, warum er bei Jesus die Finger in die Weltgeschichte gesteckt hat – und bei uns nicht. Es entspricht doch nicht unserem Erleben, dass da Gott im Himmel sitzt und an Strippen zieht und wir wären die Marionetten, ohne es zu merken. Und auf damals gemünzt: Gott schob den Stern an die rechte Stelle, schickte ein paar Engel zu den Hirten, führte die Weisen mit ihrem Geld nach Betlehem und sorgte vor allem dafür, dass mit der Geburt, der Mutter und dem Kind nichts schief ging… Soweit, so gut. Aber was wäre das für ein seltsamer, ja zynischer Gott, der seinem Sohn alles ebnet, alle Gefahren bannt und allen anderen nicht? Bitte schön, hätte er dann nicht auch dem König Herodes etwas in seinen Wein schütten können, dass der die ganze Sache verschläft und nicht auf diese schreckliche Geschichte mit dem Kindermord in Betlehem kommt? Wenn er doch Jesus retten kann, warum nicht die unschuldigen Säuglinge gleich mit – und wenn er schon dabei ist, hätte er dann nicht den Unfall meines Mannes verhindern, die jahrelange Quälereien meiner Oma verkürzen, meinen Kind den Krebs ersparen können? Alles nur für Jesus?! Und wo bleiben wir? Nun könnte man sagen, das musste ja so kommen, sonst hätte Jesus ja uns nicht erlösen können… Aber irgendwie merken wir, das passt nicht so wirklich zusammen und entspricht nicht unserem Erleben. Vielleicht war es ganz anders…?

Weihnachten. Wir feiern die Geburt Jesu. Ja, er ist irgendwann geboren worden. Von Maria und sein Vater hieß wohl Josef. Über den wissen wir nicht viel, er ist wohl früh gestorben. Mit seiner Mutter blieb Jesus aber zeitlebens verbunden, sie ist auch an seinem Todestag an seiner Seite, steht vor dem Kreuz, muss erleben, was viele Mütter (und Väter) schon erleben mussten, dass nämlich ein eigenes Kind vor einem stirbt.

Jesus, ein Kind wie jedes andere, aufgewachsen, Beruf erlernt, gearbeitet. Wahrscheinlich war er gebildeter als andere, lesen hat er wohl gelernt, und vielleicht, ja vielleicht war er auch häufig in den Synagogen am Sabbat, ist eingetaucht in den Teil der Bibel, den wir Altes Testament nennen, wir sollten vielleicht besser sagen, die Geschichten der Hebräischen Bibel. Wie dem auch sei, eines Tages, wie und wann und wo auch immer, wird ihm klar, dass er zu etwas anderem berufen ist. Es spricht manches dafür, dass es bei seiner Taufe am Jordan war. Jesus sieht den Himmel offen, sieht Gott, Mensch und die ganze Welt in einem neuen Licht und weiß von dem Tag an, Zimmermann, nein, das ist es nicht, ich muss das von Gott erzählen und weitergeben, was ich gehört und gesehen habe.

Von Stund an ist er ein anderer, zieht durch die Dörfer, meidet die großen Städte. Sammelt Freunde und Freundinnen um sich, darunter den Kreis der Zwölf. Er predigt und predigt und predigt, und er ist wortgewaltig. Er hat die Gabe der Heilung, wie viele weise Menschen auf der Welt vor ihm und nach ihm. Aber er nutzt sie nicht zu seinem Vorteil, sondern nur für die anderen, nimmt kein Geld, und, ach ja, in Nazareth, da wo er aufgewachsen ist, da kann er niemanden heilen, seither gibt es dieses geflügelte Wort: der Prophet gilt nichts in seiner Heimatstadt.

Drei Jahre geht das so. Jesus wird bekannt und bekannter. Immer mehr Menschen, ahnen, fühlen, wissen – dieser Mensch, das ist nicht einfach nur ein Mensch, in ihm ist Gott so nah, in ihm wohnt Gott einfach. Ja, vielleicht ist er wirklich Gott auf Erden, denn das Herz geht mir auf in seiner Nähe. Seine Worte elektrisieren mich, er hat eine Ausstrahlung wie kein anderer und wie er mit Menschen umgeht, das ist einzigartig.
Solch einer hat nicht nur Freunde. Auch Feinde, Neider. Und es kommt, wie es immer wieder in der Menschheitsgeschichte kommt, Jesus muss sterben und er stirbt.

Doch danach geht die Geschichte erst richtig los. Mag auch der ein oder andere gehofft, haben, mit dem Tod am Kreuz kehre wieder Ruhe und Frieden ein, weit gefehlt. Nach kurzer Zeit sind seine Anhängerinnen und Anhänger wieder auf dem Plan, predigen in seinem Namen, und der weitere Verlauf ist bekannt. Sonst wären wir heute Abend alle nicht da.

In diesen turbulenten frühen Zeiten der Christenheit, wenige Jahre nach seinem Tod und dem, was wir Ostern, Auferstehung nennen, haben die ersten Christinnen und Christen die hebräische Bibel gelesen und nach Jesus gesucht. Wenn das unsere Heilige Schrift ist und Jesus der Mensch Gottes, dann muss doch was über ihn in den alten Schriften stehen. Und sie lasen und fanden – Prophezeiungen, dass der Messias aus Betlehem kommen sollte, dass er aus dem Stamm Davids kommen sollte. Sie lasen, da wird einer kommen und Licht bringen und vieles mehr. Und irgendwann schrieb einer, wir kennen ihn unter dem Namen Lukas, die Weihnachtsgeschichte. Eigentlich waren es ja zwei, auch der Matthäus schrieb eine Weihnachtsgeschichte, der Stern, die Könige und der Kindermord kommen bei ihm vor, die Sache mit dem Stall und den Hirten bei Lukas. Sie fragten sich: Wie war das wohl mit Jesu Geburt, schauten in die alten Schriften, fanden die ganzen Stellen und erkannten, da stehts doch, so muss es gewesen sein.

Nun, ob es so gewesen war… Ein Historiker würde heute sagen, naja, ein Zeitungsbericht ist das nun nicht so wirklich… Ob es sich so zugetragen hat, vermutlich nein. Aber wahr, liebe Gemeinde, ist dennoch jedes Wort dieser Weihnachtsgeschichte. Jedes Detail dieses Bildes, dass da gezeichnet wird, stimmt. Gott hat vor allem ein Herz für die, die am Rand stehen wie die Hirten. Weise Männer, ja Könige beugen die Knie vor ihm. Andere, wie Herodes von Gier, Angst, Sünde zerfressen trachten Jesus und seinen Anhängern nach dem Leben, weil diese Geschichte, die Botschaft von Gottes Liebe, Menschen Mut macht und sie aufrecht gehen lässt, und das kratzt an der Macht der Mächtigen. Und all das spüren wir, wenn wir die Krippe betrachten, das Jesuskind, Maria und Josef, die Könige. Und es kann unser Herz erreichen, anrühren, verwandeln. Weihnachten wird es erst dann und nur dann, dann aber auch jeden Tag des Jahres, wann immer ich will, wenn ich mich in in diese Bilder, in diese Geschichte versenke, und spüre, dass Gott, Schöpfer, Begleiter, Erlöser mir nicht nur nahe ist, sondern auch nahe kommt. Das wünsche ich uns allen, heute Abend, morgen und alle Tage unseres Lebens.

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