Keine bleibende Stadt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, zum Neujahrstag möchte ich mit Ihnen ein paar Tage zurückgehen, bevor wir in das große Morgen des neuen Jahres und seine Jahreslosung einsteigen. Ich möchte Sie entführen in eine ganz normale, deutsche Familie. Es ist etwa 14 Tage vor Weihnachten. Karl-Heinz Meier-Stettingen sitzt mit Ehefrau Silke und den Kindern Mike und Kira beim Abendbrot.
„Liebe Leute“, beginnt Karl-Heinz. Er holt tief Luft – das Thema, das er jetzt ansprechen wird, ist ihm wichtig. „Liebe Leute, das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Und ich weiß, dass wir jedes Jahr dieselbe Diskussion haben. Aber ihr beide werdet ja auch jedes Jahr ein bisschen größer und vernünftiger. Meint ihr nicht, dass wir in diesem Jahr mal ein richtiges Weihnachtsessen haben könnten? Ich meine, so eins wie ich es früher in meiner Kindheit hatte. Ihr würdet mir wirklich eine große Freude machen.“ Silke schaut angestrengt auf den Teller. Sie weiß, was Karl-Heinz will. Er will Karpfen. Er will jedes Jahr Karpfen. Und nur mit Hilfe der Engstirnigkeit ihrer Kinder ist es ihr bisher Jahr für Jahr gelungen, dem glitschigen Edelfisch aus dem Weg zu gehen und seinen bittenden Augen zu widerstehen. Wie wird es in diesem Jahr sein?
Mike macht den Anfang. „Von mir aus“, sagt er, und in Karl-Heinz glimmt Hoffnung auf. Mike ist 17 geworden, und Karl¬-Heinz begreift schnell, dass mit der renitenten Kraft Pubertierender nicht gut Kirschen essen ist. „Ich hab sowieso keinen Bock auf das Ganze. Ich zieh mir dann ne Pizza rein.“ Und dann schreibt er schnell noch eine SMS – obwohl Handys bei Tisch eigentlich nicht erlaubt sind – so als wolle er prophylaktisch schon mal den Pizza-Service in Bewegung bringen. Kira dagegen schaut ihren Vater angewidert an, und in ihren Augen glitzert diese gewisse Feuchtigkeit, die einen Tränen- und Wutausbruch andeutet und der Karl-Heinz noch nie hat widerstehen können. „Wie du willst“, sagt sie nur und schiebt leicht die Unterlippe nach vorne. „Ich ess mich dann am Salat satt.“
Jetzt wagt auch Silke aufzublicken. Sanft legt sie ihrem Mann die Hand auf den Arm. „Tut mir leid, mein Engel“, haucht sie schließlich unschuldsvoll. „Ich glaube, wir sind noch nicht soweit.“

Ich nehme an, Sie kennen diese und ähnliche Geschichten, die alle Jahre wieder zum Fest ihrem Höhepunkt zustreben. Mal geht es ums Essen, mal um den Tannenbaum und in besonders schwierigen Fällen auch um die Scheibnersche Frage „Wer nimmt Oma?“ Es geht um Traditionen, darum, dass jeder und jede in sich ein Bild von Weihnachten hat, das so schön inszeniert werden könnte, wenn nur die sogenannten „Lieben“ nicht wären, ohne die das Fest andererseits nun erst recht nicht denkbar ist.
Dass die Jahreslosung 2013 dazu etwas zu sagen hat, darauf wären Meier-Stettingens sicher nicht gekommen. Dort heißt es: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir.“
„Klingt nach Tod und Sterben“, findet Karl-Heinz, während Mike darin eine weitere Vertröstung auf ein irgendwie geartetes Erwachsenenleben vermutet. Silke hat den Kopf zu voll, um an die Zukunft zu denken, und bei „Stadt“ fallen ihr zunächst nur die noch ausstehenden Einkäufe ein. Allein der elfjährigen Kira kommen dazu Bilder von goldenen Kuppeln auf Wolken schwebend, von einer Welt jenseits der diesseitigen, vom Aufbruch als Avatar nach Pandora im Einklang mit der Natur.

Aber tatsächlich geht es bei der Jahreslosung um Traditionen. Die Jahreslosung steht am Ende des Hebräerbriefes in einer Reihe von Schlussermahnungen, die Sie vorhin als Epistel gehört haben.
Ich lese noch einmal die letzten Verse des Predigttextes, und Sie werden merken: Der Hebräerbrief ist keine leichte Kost.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, von denen keinen Nutzen haben, die damit umgehen. Wir haben einen Altar, von dem zu essen die kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen. Denn die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Der Hebräerbrief entsteht am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus, etwa 50 Jahre nach Jesu Tod, und er deutet die alten jüdischen Traditionen von Kult und Priestertum neu. Seit Jesu Tod ist viel geschehen: Das Christentum hat sich bis nach Europa ausgebreitet und es ist zunehmend zu einer heidenchristlichen Religion geworden. Das meint: Immer weniger Juden entscheiden sich für den neuen Glauben, zunehmend lassen sich Griechen, Römer oder Alexandriner für Jesus Christus begeistern. Das Judentum trennte sich offiziell vom Christentum, man verwehrte den Anhängern des Nazareners sogar den Zutritt zum Tempel, dem zentralen Heiligtum in Jerusalem – das war ein Akt, auf den die Christen der ersten Zeit sehr verletzt reagierten. Im Hebräerbrief klingt unterschwellig der Zorn darüber und Trotz mit. Und noch etwas war geschehen: Um 70 nach Christus wurde der Tempel zerstört – ohne ihn konnte nach damaliger jüdischer Auffassung kein richtiger Gottesdienst gefeiert werden. „Wir brauchen keinen Tempel, und wir brauchen euch nicht“, das ist die vielleicht etwas zu siegessichere Botschaft, die im Hebräerbrief mitklingt, „und wir brauchen auch keinen Hohepriester, der uns vor Gott vertritt.“ Christus sei alles in allem „gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Durch ihn allein können Menschen Gott nahe sein an jedem Ort der Erde, durch ihn allein finden sie Gnade und Vergebung. In ihm allein ist das Leben und die Hoffnung über den Tod hinaus.

Der Hebräerbrief deutet die alten, jüdischen Traditionen um. „Lasst uns zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, denn wir haben hier keine bleibende Stadt“ – dieses Hinausgehen ist nicht nur der Weg weg vom Tempel in Jerusalem sondern er führt heraus aus dem Althergebrachten. Die Jahreslosung lädt somit dazu ein, Neues zu wagen, Neues zu denken. Ein bisschen beunruhigend ist die auf der Hand liegende Analogie: „Wir brauchen keine bleibende Stadt, keinen Tempel, keinen Altar, kein zentrales Heiligtum, weil Christus das auch nicht gebraucht hat.“ Das hören wir heute in der St. Jürgen-Kirche Heide und wissen, dass wir bald nur noch eine einzige Kirchengemeinde Heide sein werden. Wir werden mit der Frage beschäftigt sein, was für uns als Kirche wirklich wichtig ist, weil auf lange Sicht nicht mehr alles gehen wird. Und wir müssen uns sagen lassen: Wir haben hier keine bleibende Stadt, nicht eine einzige. Wir sind unterwegs ganz woanders hin. Wir suchen eine zukünftige Stadt, einen Ort, der nicht von dieser Welt ist.

Im Grunde ist es das, was die Familie Meier-Stettingen am Abendbrots-Tisch aushandelt: Was ist uns eigentlich wichtig? Was ist unverzichtbar? Und schnell wird deutlich, dass es der Karpfen zum Fest nicht sein kann. Weihnachten wollen alle – selbst Mike – zusammen feiern. Da soll kein Fisch, und sei er noch so fett, zwischen ihnen stehen. Die Jahre davor hatte man sich auf Wildschwein geeinigt. Aber Kira mag eigentlich kein Fleisch mehr. Sie liebt Tiere, und sie findet es nicht richtig, sie zu essen. „Wie wäre es mit Wok?“, schlägt Silke schließlich vor. Das Fleisch wird extra gebraten, so dass Kira sich am Gemüse satt essen kann. Mike freut sich auf die scharfe Curry-Paste, die es dazu gibt, und Karl-Heinz wird mal so richtig ungehemmt Knoblauch essen, was er sich sonst mit Rücksicht auf die Kollegen immer verkneift. Silke ist glücklich, weil sie nicht den ganzen Tag in der Küche stehen muss – das Essen wird gemeinsam am Tisch zubereitet. Das Fest wird anders als die Jahre davor – aber schön ist es auch.

Es sind nicht die Traditionen, auf die es ankommt. Es kommt auf das an, was hinter den Traditionen steht. Für den Hebräerbrief ist es die Versöhnung mit Gott. Die ist durch Jesus Christus geschehen. Mehr brauchen wir nicht, so der Autor. Für die Familie Meier-Stettingen ist es die weihnachtliche Gemeinschaft – mehr brauchen sie nicht.

Was brauchen Sie, was brauchen wir im kommenden Jahr? Brauchen wir wirklich die banalen Neujahrswünsche von Glück und Erfolg? Ist Gesundheit das einzig Wichtige oder hat das Leben nicht auch noch einen Wert, wenn es eingeschränkt und mühselig ist? Was brauchen wir wirklich?
Ich will Ihnen sagen, was ich Ihnen wünsche:
Ich wünsche Ihnen, dass Sie vorankommen in Ihrem Leben, innerlich vorankommen. Dass die Sorge, die Sie heute haben, Sie nicht das ganze Jahr über quält, sondern sich wandelt in liebevolle Fürsorge und in Segen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit der Jahreslosung auf der Suche nach einer „zukünftigen Stadt“ bleiben, dass Sie sich nicht abspeisen lassen von Phrasen wie „das war schon immer so“, „das geht nicht“, „das ist unmöglich“. Alles ist möglich, dem, der glaubt.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie mal hinter Ihre eigenen Traditionen gucken: Ist denn die schon zur Gewohnheit gewordene Zwietracht mit der Schwester, dem Bruder, der Schwiegertochter noch zwingend oder kann ich nicht doch einen neuen Anfang versuchen? Was muss in meinem Leben wirklich unbedingt so bleiben wie es ist, was darf sich ändern?
Vor allem wünsche ich Ihnen Leichtigkeit: Wir sind nur Gäste hier auf Erden, nichts hält ewig, und was auf Stein gebaut ist darf nicht zu Mühlsteinen auf Ihrem Gemüt werden. Wir Christen glauben an eine Welt jenseits dieser Welt, an die Liebe Jesu Christi, die höher ist alles, was wir an Liebe zu geben imstande sind. Wir glauben an eine Zukunft bei Gott. Mehr noch: Wir glauben, dass diese Zukunft eine ungemein fröhliche und unbeschwerte sein wird.
Einen Hauch von dieser Zukunft ist mein letzter und innigster Wunsch für Sie: Ich wünsche Ihnen fröhliche und unbeschwerte Momente, und davon möglichst viele. Und wenn Sie in jedem dieser Momente den Atem Gottes entdecken – dann wird das neue Jahr ein gutes, ein gesegnetes sein.
Amen.

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